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Rasant, urkomisch – und höllisch spannend

Obernkirchen / Neuer Krimi Rasant, urkomisch – und höllisch spannend

Dinosaurier sind „in“ – und das sicher nicht erst seit Michael Crichtons beiden berühmten Romanen „Jurassic Park“ und „Lost World“ und deren wohl noch berühmteren Verfilmungen durch Steven Spielberg.

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Krimiautor Jan Beinßen hat „Steinzeichen“ mit viel Herzblut für seine Schaumburger Heimat und noch mehr ironischem Augenzwinkern geschrieben.

Quelle: Ralf Lang

Obernkirchen (jp). Jetzt hat sich auch Krimi-Autor Jan Beinßen auf die Spuren der gewaltigen Echsen begeben, und das im wahren Sinne des Wortes: In seinem ebenso amüsanten wie spannenden Krimi „Steinzeichen“ lässt er zwar nicht wie Schriftstellerkollege Crichton die Riesenreptilien live und in Farbe aus der prähistorischen Versenkung wiederauferstehen, doch immerhin durch ihre steinernen Hinterlassenschaften einen hannover’schen Versicherungsmanager in arge Bredouille geraten – Leichen eingeschlossen. Und das vor hierzulande hinlänglich bekannten heimischen Schauplätzen wie in allen Romanen aus der Reihe Weserbergland-Krimi des Verlags CW Niemeyer.

 Schon der Titel ist süffisant doppeldeutig gewählt. Kennt man den Begriff „Steinzeichen“ zum einen dort, wo das Buch spielt, als Namen eines während der „Expo“ eröffneten Natur- und Erlebnisparks nördlich von Steinbergen, so können darunter ebenfalls die hierzulande nicht selten zu findenden Versteinerungen fossiler Knochen oder Tierspuren verstanden werden. Und genau die sind gemeint, und zwar in erster Linie jene, die seit 2008 auf dem Gelände der Obernkirchener Sandsteinbrüche auf dem Bückeberg gefunden wurden und seitdem aufgrund ihrer Fülle und Einzigartigkeit weltweit für Aufsehen sorgen. So konnte beispielsweise durch Funde auf dem Steinbruchgelände erstmals das Vorkommen der populären Raptoren, die man ja zur Genüge aus den drei „Jurassic Park“-Filmen kennt, auch in Europa nachgewiesen werden.

 Als „weltweit konkurrenzlos“ wurden die auf dem Bückeberg gefundenen Spuren von Raptoren, Allosauriern und Iguanodonten, unter denen sich auch Fährten von Sauriermüttern mit ihren Jungtieren finden, von Fachleuten eingeschätzt. Iguanodonten, das sind jene berühmten pflanzenfressenden Dinosaurier mit der schmalen Schnauze und dem charakteristischen, dornförmigen Daumen, die sich während der Kreidezeit – 4,5 Tonnen schwer und aufgerichtet bis zu einer Höhe von fünf Metern – nicht nur im heutigen Nordamerika und in Asien tummelten, sondern auch in Europa und gerade in der heimischen Region. Schon der bekannte Bückeburger Paläontologe Max Ballerstedt (1857-1945) entdeckte zahlreiche versteinerte Iguanodon-Spuren im Harrl und auf dem Bückebergen. Viele davon beinhaltet die im Gymnasium Adolfinum und die Georg-August-Universität befindliche Ballerstedt’sche Sammlung, und ein Iguanodon-Trittsiegel ziert bis heute den Eingangsbereich des Bergbads in Bückeburg.

 Und genau eine solche, besonders umfangreiche und gut erhaltene Fährte zweier Iguanodonten, offenbar Mutter und Jungtier, soll in „Steinzeichen“ Lukas Kowalski, Mitarbeiter einer großen hannover’schen Versicherungsgesellschaft, mit einer millionenschweren Summe gegen Diebstahl versichern. Kaum prangt jedoch die Unterschrift unter der Versicherungspolice, ist nicht nur der versteinerte Pas de deux von Iguanodon-Mama und Iguanodon-Kind über Nacht aus den Obernkirchener Sandsteinbrüchen verschwunden, zu allem Überfluss liegt auch noch eine von Kowalskis Kolleginnen mausetot daneben.

 Kein guter Tag also für Jan Beinßens Hauptfigur, der Göttin Fortuna im Vorfeld der Handlung von „Steinzeichen“ ohnehin nicht sonderlich eng auf Tuchfühlung zugetan zu sein schien: Gerade erst hat der bisher vom beruflichen und privaten Glück so verwöhnte Versicherungsprofi ein Millionengeschäft mit solchem Karacho in den Sand der niedersächsischen Landeshauptstadt gesetzt, dass seine Vorgesetzten ihn zur firmeninternen persona non grata erklärten und ans (von Hannover aus gesehen) entfernteste Ende der Welt jenseits des Deisters strafversetzten, um in einer Mini-Dependance des Konzerns in der beschaulichen Weserstadt Hameln Dienst zu schieben.

 Getrennt von Ehefrau, Nobelwohnung in Herrenhausen und sämtlichen Karriereaussichten beginnt der in die Verbannung geschickte Ex-Sunnyboy gerade äußerst widerwillig, sich mit niedersächsischer Provinzialität und dem betulichen Idyll der historischen Rattenfängerstadt zu akklimatisieren, als ihn das Schicksal mit dem katastrophalen Versicherungsgeschäft über die kurz nach Vertragsabschluss unauffindbaren Saurierspuren auf dem Bückeberg erneut mit aller Heftigkeit in den Würgegriff nimmt. Und als wären Diebstahl und Kolleginnenleiche noch nicht genug, scheinen sich auf einmal auch mysteriöse chinesische Gangsterkartelle für Lukas Kowalski und Obernkirchener Sandstein zu interessieren. Dem in Ungnade gefallenen Versicherungsmann bleibt keine andere Wahl: Will er sowohl die gestohlene Versteinerung wiederbeschaffen als auch sein Leben und das seiner Frau und seiner Kollegen retten, muss er sich den geheimnisvollen Drahtziehern des Diebstahls im Bückeberg an die Fersen heften. Eine ebenso rasante und höllisch spannende wie urkomische Verbrecher- und Fossilienjagd beginnt, in deren halsbrecherischen Verlauf nicht selten der Jäger zum Gejagten wird.

 „Steinzeichen“ macht einfach Spaß, am meisten natürlich für den Leser, der die regionalen Schauplätze kennt. Mit unglaublich viel Liebe zum authentischen Detail lässt Autor Beinßen seinen unfreiwilligen Versicherungsdetektiv von einem Debakel ins Nächste vor exakt beschriebener heimischer Kulisse straucheln. Der aus Stadthagen stammende und mittlerweile in Franken lebende Beinßen kennt seine Schauplätze allerbestens, seien es die Sandsteinbrüche in Obernkirchen, der Marktplatz in Stadthagen, der Dinosaurierpark in Münchehagen oder das Messegelände in Hannover, auf das es Kowalski während seiner Ermittlungen zu einer Fossilienbörse verschlägt. Und sogar einer der Starenkästen an der Bundesstraße 65 zwischen Stadthagen und Bückeburg darf einmal fröhlich drauflosblitzen, als der Unglücksrabe mit natürlich viel zu hoher Geschwindigkeit daran vorbeirauscht. Vor allem angetan hat es Jan Beinßen indes die historische Altstadt Hamelns mit ihren Fachwerkhäusern und urigen Kneipen, zu der er den gänzlich gegen seinen Willen dorthin abgeschobenen Kowalski eine sich stetig steigende Hassliebe entwickeln lässt.

 Dabei macht der Autor nicht den Fehler, seine Hauptfigur trotz allen Schlamassels, welcher ihr widerfährt, der Lächerlichkeit oder der Tollpatschigkeit preiszugeben: Lukas Kowalski ist vielmehr ein Antiheld mit hohem Sympathiebonus und viel Identifikationspotenzial, dem der Leser gerade dann die Daumen ganz besonders fest drückt, wenn er mal wieder bis zu den Schienenbeinen oder – wie meistens – mit dem kompletten Körper ganz tief im Schlamm und im Desaster steckt. Oder mit der Nase flach auf der Bordsteinkante liegt, weil über ihm die Luft ungewöhnlich bleihaltig ist. Oder einfach nur wieder Stress mit seiner Frau hat. Welcher männliche Leser könnte da nicht mitfühlen?

 Mit 210 Seiten ist „Steinzeichen“ nicht unbedingt ein sonderlich dicker Wälzer, aber auch weit entfernt von einem oberflächlichen Krimi-Schnellschuss. Vielmehr ein flott geschriebenes und ungemein kurzweiliges Krimivergnügen, das von Autor Jan Beinßen mit viel Herzblut für seine Schaumburger Heimat und noch mehr ironischem Augenzwinkern serviert wird.

 „Steinzeichen“ ist im Verlag CW Niemeyer erschienen und kostet 9,95 Euro. ISBN 978-3827194176. Termin: Am kommenden Freitag, 30. November, wird Beinßen um 19.30 Uhr das Buch im Rahmen einer Buchpräsentation im Gymnasium Ernestinum in Rinteln vorstellen. Am Sonnabend, 1. Dezember, steht um 16 Uhr eine Autorenlesung aus „Steinzeichen“ mit Beinßen in der Buchhandlung Schmidt in Stadthagen an.

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