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Obernkirchen Stadt "Samen-Franz" will aufhören
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt "Samen-Franz" will aufhören
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00:19 13.01.2019
Hinter dem Geschäft lauerte der Täter Franz Kusnierski auf. Quelle: la
Obernkirchen

„Es ist schon ein mulmiges Gefühl“, sagte der 79-Jährige. „Vor allem morgens, wenn ich da lang gehe, wo ich überfallen wurde.“ Er sei völlig überrascht gewesen und habe zunächst überhaupt nicht an einen Überfall geglaubt. „Ich gehe morgens seit Jahr und Tag über den Parkplatz und dann durch eine Hintertür in mein Geschäft. So auch am Dienstag so gegen 7 Uhr“, erzählt „Samen-Franz“, der von dem Überfall noch deutlich gezeichnet ist. „Dann war da plötzlich ein Mann und ich fragte ihn, was er wolle“, so der 79-Jährige weiter. Er sei arm und brauche richtiges Geld, habe der Mann geantwortet.

„Ich habe also in meine Hosentasche gegriffen und wollte ihm zwei Euro geben“, erzählt Kusnierski. „Aber die wollte er nicht.“ Er wolle keine Almosen, er wolle richtiges Geld. Daraufhin sagte ihm der 79-Jährige, dass er selbst kein Geld habe. „Nachdem er dann noch einmal gesagt hat, dass er Geld will, hat er mich geschlagen – mit irgendetwas heftig gegen die Brust“, so „Samen-Franz“. Er habe zurück geschlagen, aber nur leicht. Danach habe ihm der Räuber sein Notizbuch aus der Hemdtasche gezogen. „Der muss genau gewusst haben, dass ich da mein Geld habe“, meint das Opfer. Der Täter ist dann mit dem Geld unerkannt geflüchtet. „Es hat sich für ihn nicht gelohnt, aber mir fehlt das Geld selbstverständlich und vor allem bin ich doch sehr enttäuscht, dass mir so etwas hier passiert ist. Ich habe im Leben nicht damit gerechnet, dass mir jemand das antut.“

„Ich brauche das Geschäft"

Natürlich habe er seinen Laden wieder geöffnet. „Ich bin schon als Kind ein Ladenschwengel gewesen“, sagt Kusnierski. „Ich brauche das Geschäft. Die Arbeit macht mir Spaß.“ Trotzdem denkt der 79-Jährige jetzt langsam ans Aufhören und versucht seine Waren auszuverkaufen.

„Aus Altersgründen und weil Obernkirchen einfach tot ist. Die Kaufhäuser machen alles kaputt und eine gute Beratung, wie ich sie als Drogist noch bieten kann, ist nicht mehr gefragt“, so Kusnierski. Bis er seinen Laden schließt, wird der 79-Jährige jetzt immer mit gemischten Gefühlen zur Arbeit gehen. „Ich schaue mehr nach links und rechts und passe auf.“

Während des Gespräches mit Kusnierski kommen immer wieder Nachbarn, Kunden und Freunde am Geschäft vorbei und fragen, wie es „Samen-Franz“ geht. „Der Franz ist hier doch ein Urgestein, den kennt jeder und jeder mag ihn. Es ist schrecklich, dass ihm so etwas passiert ist“, sagt Heidi Wittwer, die sich auch gerade nach dem Wohlbefinden des Opfers erkundigt hatte. „Ich hoffe, sie finden den Täter. Es ist schon traurig, dass man sich immer mehr schützen muss und dabei sind es auch nicht immer die Ausländer, die so etwas tun.“ „Das war auch kein Ausländer. Der hat akzentfrei Deutsch gesprochen“, stellte Kusnierski fest.

Sorgen in der Nachbarschaft

Wittwer selbst will jetzt noch vorsichtiger sein, wenn sie in Obernkirchen unterwegs ist. „Ich bin ja schließlich auch fast 80, auch wenn man das nicht glaubt“, stellt die Seniorin fest. Sie hoffe, dass der „Franz“ noch lange weitermacht. „Der macht immer so schönes Vogelfutter und weiß auf jede Frage eine Antwort“, so Wittwer.

„Es ist einfach schrecklich, was man dir angetan hat“, sagt auch eine Nachbarin. Ich mache mir Sorgen. Deine Augen sind ganz geschwollen. Geht es dir wirklich gut?“ Kusnierski bekräftigt daraufhin: „Naja, also ich sag doch immer, Unkraut vergeht nicht“, antwortet der 79-Jährige und lacht dabei. Seinen Humor hat er also nicht verloren, aber die Worte des Täters „Ich brauche Geld“ werde er wohl nie mehr vergessen.

Die Polizei hat inzwischen den Autofahrer ermittelt, der unmittelbar nach dem Überfall neben dem Opfer angehalten hatte. „Das ist wohl unser einziger Zeuge“, sagte Jürgen Milde von der Polizei in Obernkirchen. Dieser Überfall habe in der Bergstadt alle sehr berührt. „Auch uns hier von der Polizei. Wir werden uns richtig reinhängen, um den Täter zu ermitteln.“

Von Kerstin Lange