Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Schade ums schöne Amtsgericht

Obernkirchen / 100-jähriges Bestehen Schade ums schöne Amtsgericht

Das frühere Amtsgericht wird „100“ – und keiner darf rein: Eine Besichtigung sei aus baurechtlichen Gründen nicht möglich, hat es am Rande einer Veranstaltung zum runden Geburtstag geheißen.

Voriger Artikel
Zeitver(sch)wender lesen
Nächster Artikel
Liethhalle wird zum Magneten für Vogelfreunde

Oberamtsanwalt Timo Goldmann (von links), Stadtführerin Renate Ernst und Gerda Vogt (rechts) vor dem Haus Lange Straße 24, das um 1885 als Polizeidienststelle mit kleinem Gefängnis diente. mig

Obernkirchen. Immerhin: Es gab die Ausstellung im Trafo-Haus und zwei Führungen (mit Oberamtsanwalt Timo Goldmann). Ein Gebäude feiert Jubiläum und keiner darf rein? Kaum zu glauben, aber wahr.

 Es stimmt zwar, dass das Haus sanierungsbedürftig ist, allerdings stimmt auch, dass im Erdgeschoss eine Polizeistation ihren Dienst verrichtet. Referent Goldmann hält das Gebäude für sanierungsbedürftig, es sei schade, dass nichts daran getan werde. „Ich kann das aber auch ein bisschen verstehen, denn wenn man erst mal anfängt, kann man so schnell nicht wieder aufhören.“

 Bisher seien die Schäden – etwa an der Fassade oder den Fenstern – von außen kaum sichtbar oder würden vom Efeu verdeckt. Eine Sanierung ist laut Goldmann zwar möglich, werde aber „mehrere Hunderttausend Euro“ kosten. „Am besten“, so der Oberamtsanwalt, „wäre es, wenn eine Behörde einziehen würde.“ Spannend waren die Führungen aber auch ohne die Besichtigung der Innenräume.

Viele der Älteren hatten Anekdoten mitgebracht; ein Indiz, wie eng das frühere Gericht bis heute mit der Stadt verknüpft ist. Da war die Rede von feierlustigen Beamten, die einen über den Durst getrunken hatten und von Klettertouren liebeswütiger Männer am benachbarten Frauengefängnis.

 Goldmann, der die Geschichte des Gebäudes anhand von Fotos erläuterte, weiß: „Es gibt viele Obernkirchener, die noch persönliche Erfahrungen mit dem 1972 geschlossenen Gericht gemacht haben.“100 Jahre ist es her, dass das Gericht 1913 bezogen wurde. Damals war die Technik auf dem neuesten Stand, für seine Zeit sei es sehr modern gewesen, sagt Goldmann. Die Architektur beschreibt der Oberamtsanwalt als „wilhelminische Prachtentfaltung“: „Der Baustil sollte Macht ausstrahlen.“ Etwa im Sitzungssaal, der, obwohl es in denselben Raum ging, verschiedene Eingänge für Richter und Publikum vorsah. Gleiches galt für die Büros, die mit einer Schranke versehen waren. „Der Bürger, das Publikum wird ausgesperrt“, lautete die Einschätzung von Goldmann. Das sei gewollt gewesen. Oben Kaiser Wilhelm (dessen Bild über dem Richterstuhl hing) und unten der Untertan. Vorteile sieht Timo Goldmann vor allem im Zuschnitt des Gerichts.

 „Ein kleines Gericht ist nah am Menschen“, bemerkt er. Das sei auch heute noch so, findet der Oberamtsanwalt, der selbst aus Hannover nach Bückeburg gewechselt ist. Hier fühle er sich wohler: „Man steht hier mehr auf dem Präsentierteller. Das ist in einer großen Behörde anders.“

Dass Stadtgeschichte immer auch Kriminalgeschichte ist, zeigte sich bei der Führung zu den ehemaligen Polizeidienststellen. Kreuz und quer ging es durch Obernkirchen, Grund war der Verkauf des Stadthauses 1880. Danach begann eine Odyssee, die erst 1913 endete. „Die Polizei hat über die Jahre zahlreiche Gebäude als Dienststelle angemietet“, wusste Gerda Vogt zu berichten. Am Haus Lange Straße 24 – dort waren um 1885 Polizei und ein kleines Gefängnis beherbergt – lässt Vogt die Geschichte des Verbrechers Johann Heinrich Seidenfaden verlesen. Gemeinsam mit Wilhelm Mühlhaus hatte Seidenfaden im Raum Obernkirchen sein Unwesen getrieben, ein Prozess in Rinteln verurteilte beide zum Tode durch das Schwert. Seidenfaden floh, trat in Surinam in die niederländische Armee ein, wurde aber doch noch geschnappt.

 Sage und schreibe fünf Mal musste der Scharfrichter zuschlagen, bevor der Kopf ab war. Darauf entbrannte ein Justizskandal, der zum Ende der öffentlichen Hinrichtungen im Wesergebiet führte. mig

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg