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„Schießt mich tot, schießt mich tot!“

Kampf dem Krieg „Schießt mich tot, schießt mich tot!“

Gleich vier „Sprachrohre“ hatte Kurt Tucholsky, der große Literat: Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. 125 Jahre nach seiner Geburt ist jetzt ein fünftes Pseudonym dazugekommen: Drucker „Kulicke“ (alias Gerhard Radtke) wetterte im Rahmen der „Kreativlust“ der Stadtbücherei gegen Deutschnationale und ängstliche Republikaner.

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Gerhard Radtke alias Drucker Kulicke.

Quelle: mig

Obernkirchen (mig).  Tucholsky? Den hat man doch schon öfter gehört und gelesen. Ist der nicht ein bisschen altbacken – in seiner Zeit verhaftet? Ist er nicht, wie die (szenische) Lesung von Radtke von Beginn an unter Beweis stellte. „Tucho“, wie ihn seine Freunde und Bewunderer nannten, ist so aktuell wie eh und je. Wer wissen möchte, woran die Weimarer Republik gescheitert ist, der sollte Tucholsky lesen.

 Wenn man nur auf diesen Mann gehört hätte... Es sind aber nicht nur die messerscharfen politischen Analysen, für die der Schriftsteller bekannt war. Tucholskys Texte wühlen auf, gehen ans Herz. Wer am Morgen die Zeitung aufschlägt und vom Krieg in Syrien liest, sollte abends seine Bücher zur Hand nehmen. „Kampf dem Krieg“ lautet die Parole, die seine Texte wie ein roter Faden durchzieht. Man müsse den „sittlichen Unterbau einer unsittlichen Idee zerstören“, ist sich Tucholsky sicher. Dieser Unterbau heißt: „Es ist süß und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben.“ Wer diese Süße geschmeckt habe, schreibt Tucholsky, „wer am nebelgrauen Wintermorgen Verwundete mit blutdurchtränkten Verbänden aus dem Wäldchen hat hinken sehen, wer den Zerschossenen, dem die Eingeweide heraushingen, hat brüllen hören: ‚Schießt mich tot, schießt mich tot‘“ – wer das gesehen hat, der weiß, wie süß es ist.

 Ist es ehrenvoll? Nein. Es gibt kein staatliches Interesse, kein wirtschaftliches Interesse, kein Volksinteresse, für das solche Ungeheuerlichkeiten begangen werden dürfen, wie sie im Kriege auf allen Seiten begangen worden sind. „Wir beschwören Euch, mit uns gegen kleinbürgerliche Ängstlichkeit den sittlichsten Kampf zu führen, der jemals gekämpft worden ist: den Kampf gegen den Krieg.“ Bei diesem Kampf sind ihm nationale Perspektiven einerlei. In „Jemand besucht etwas mit seinem Kind“ ist es ein französischer Weltkriegs-Veteran, der seinem Sohn etwas zeigen will. „Da drüben lagen sie – der Horchposten lag hier, nein, warte mal, da – ja, grade da, wo jetzt der Teich ist. Ihr Graben fing da an. Jetzt erkenne ich alles wieder. Viele sind totgeschossen. Siehst Du, da oben, die schwarzen Kreuze? Das ist der Soldatenfriedhof, da liegen sie, da liegen sie alle... Der Blanchard, der lag da auf Horchposten. Und da kam ein Schrapnell geflogen und muss ihn grade in den Bauch getroffen haben. Das war nachts um zwölf. Und da hat er geschrien, drei Nächte und zwei Tage hat er noch gelebt. Nach mir hat er immer gerufen, nach mir und seiner Mutter. Die Stimme wurde immer leiser. Zuletzt hat er nur noch ganz leise mit seinem Verbandsfetzen gewinkt. Wir konnten ihn nicht holen. Niemand durfte heraus – es wäre der sichere Tod gewesen.“

 Wem bei dieser Geschichte kein Wasser in die Augen tritt... Wie sagt der Veteran so schön? „Du musst nicht alles glauben, was in den Geschichtsbüchern steht. Es ist alles nicht wahr. Dies hier – das ist wahr, Junge.“ Eine ganz großartige Figur macht an diesem Abend auch Gerhard Radtke alias Drucker Kulicke. Kulicke erläutert, was einen einfachen Drucker mit einem Schriftsteller verbindet und wie er selbst den Ersten Weltkrieg überstanden hat („auf Lametta und Heldentod hab ich keinen Wert gelegt“).

 Sanft berlinernd erzählt Kulicke von seiner „Ollen“ und wie er die Texte Tucholskys verschlungen hat („Da hatte se nichts gegen, weil ich mein Jeld nich’ in der Kneipe versoffen hab). Nur mit seinem Sohn, dem Willy, da hat er so seine Probleme. Viel zu rechts sei der, findet Kulicke. Vielleicht hätte er mit ihm auch nach Verdun fahren sollen, wie es der französische Veteran getan hat: „Dann hätt er’s vielleicht verstanden.“ Kurzum: Das war ein aufklärender Abend im besten Sinne. Wehret den Anfängen – diese Botschaft ist aktueller denn je.

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