Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Sieben, aber nicht auf einen Streich

Bundespräsident übernimmt Patenschaft Sieben, aber nicht auf einen Streich

Sieben Kinder hat das Ehepaar Schütte, von der 13-jährigen Leonie-Sophie bis zur fast drei Monate jungen Lilly-Madita, die am 2. Oktober zur Welt kam. Für die Kleine hat Bundespräsident Joachim Gauck die Patenschaft übernommen. Bürgermeister Oliver Schäfer hat der Familie die Ehrenpatenschaft überreicht.

Voriger Artikel
Funkstille und ein „ganz großes Lob“
Nächster Artikel
Schützen und erhalten

Bürgermeister Oliver Schäfer (von links) überreicht Carsten und Sabine Schütte die Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten für das siebente Kind.

Quelle: wk

OBERNKIRCHEN. Für ein gelingendes Leben in einer kinderreichen Familie gibt es Regeln. Die wichtigste formulieren die Obernkirchener Carsten und Sabine Schütte so: „Es gibt nur eine Ansage – und sie wird auch nicht zurückgenommen.“ Und das sei keineswegs immer einfach. „Wenn es darauf ankommt, dann halten sie zusammen, wie Pech und Schwefel“, erzählen die Eltern, „und 14 Augen schauen dich an.“

Siebenfache Mutter statt Lehrerin

 Dass Sabine Schütte sich viele Kinder wünschte, das kam schon beim ersten Essen mit ihrem späteren Mann zur Sprache: Vier sollten es schon sein, immerhin zwei konnte sich Carsten Schütte vorstellen. In ihrer Referendariatszeit wurde sie das erste Mal schwanger – und statt Lehrerin für Mathe, Sport und Sachunterricht wurde sie Mutter.

 Kinderreichen Eltern hilft der Bundespräsident: Er übernimmt auf Antrag die Ehrenpatenschaft für das siebente Kind einer Familie. In diesen Tagen hat Bergstadt-Bürgermeister Oliver Schäfer die entsprechende Urkunde an die Eltern übergeben. Die Ehrenpatenschaft hat in erster Linie symbolischen Charakter, denn der Bundespräsident bringt mit ihr die besondere Verpflichtung des Staates für kinderreiche Familien zum Ausdruck. Sie stellt die besondere Bedeutung heraus, die Familien und Kinder für das Gemeinwesen haben. Die Patenschaft soll mit dazu beitragen, das Sozialprestige kinderreicher Familien zu stärken.

Kindergeld macht nicht reich

 Einen Punkt klären Sabine und Carsten Schütte gleich zu Beginn des Gespräches mit dem Bürgermeister und der Presse: „Auf der Steuerkarte bringen sie nichts“, sagt Schütte: „Zwar sieht das Kindergeld erst einmal nach sehr viel aus, aber der Batzen ist auch schnell wieder weg.“ Pro Tag eine Kiste Wasser oder Brause, eine Box Windeln, eine große Wohnung mit Anbau und daher mit einem Zimmer für jedes Kind, zwei Autos, mehrere Großeinkäufe in der Woche, von denen kaum einer unter 200 Euro liegt – wer viele Kinder hat, schaut schnell auf die Preise. Aber das sei in den Zeiten des Internets deutlich besser geworden, sagt Papa Schütte: Man vergleicht – und nach einem Klick werde zwei oder drei Tage später geliefert. In Obernkirchen sei der Einkauf aber nicht das große Problem, es finde sich ja alles um die Ecke. Aber sich sieben Kinder über den Staat finanzieren zu lassen, „das funktioniert nicht“, sagt Schütte.

 Sieben Kinder: Das war in vielen Epochen der Menschheit keine Besonderheit. Im 21. Jahrhundert ist es zumindest in den hoch industrialisierten Ländern die Ausnahme. Wer mit sieben Kindern unterwegs ist, der sieht sich plötzlich mit Problemen konfrontiert, die andere Mitmenschen gar nicht wahrnehmen: Zu kleine Parkplätze etwa, denn bei einer neunköpfigen Familie ist das Auto doch ein Stückchen länger und breiter als etwa beim VW Golf.

 Was einer Familie mit vielen Kindern heute auf jeden Fall hilft, sagt Schütte, ist ein verständnisvoller und vor allem flexibler Arbeitgeber, wie in seinem Fall die Rintelner Firma Stüken. Dort arbeitet er seit 27 Jahren. Da hat er Industriemechaniker gelernt und arbeitet, seit er ausgelernt hat, im Werkzeugbau als CNC-Fräser. Als er bei seinem dritten Kind nach einem Antragsbogen für die Elternteilzeit nachfragte, stellte sich heraus, dass es den in der Personalabteilung noch gar nicht gab. Beim ersten und zweiten Kind gab es noch keine Elternzeit. „Ich war Vorreiter“, sagt er. Fünf Mal war er inzwischen in Elternzeit: Vier Monate beim dritten Kind, drei Mal ein halbes Jahr, dieses Mal hat er die Zeit geteilt – im Sommer nimmt er noch drei Monate. Auch über unbezahlten Urlaub kann er mit der Firma immer reden: „Der Arbeitgeber spielt bei Familien mit vielen Kindern eine ganz große Rolle.“

Frage der Logistik

 Vieles, sagen Sabine und Carsten Schütte, sei eine Frage der Logistik. Es muss halt vernünftig geplant werden. Und das fängt morgens schon bei der Frage an, in welcher Reihenfolge das Bad benutzt wird. Zwei Kinder gehen zur Grundschule, zwei aufs Gymnasium, eines in die Kindertagesstätte, ohne zweites Auto geht es gar nicht. Und wenn vier Kinder der Ansicht sind, bei der Vereinigten Turnerschaft Rinteln gibt es tolle Sportangebote, die in der Bergstadt fehlen, dann fährt das „Taxi“ mit Mama oder Papa am Steuer eben zweimal pro Woche in die Weserstadt.

 Kinderreichtum, sagen Sabine und Carsten Schütte, mache locker. Jedes Kind sei anders, und man wisse auch gar nicht, wer sich wie entwickele. Das eine Kind lernt schnell zu sprechen, wird aber in der Schule nicht zum Überflieger, weil es der Ansicht ist, man müsse nicht jeden Tag Vokabeln lernen. Das andere Kind spricht erst spät, bringt jedoch heute die guten Noten nach Hause. „Viele Kinder erziehen auch ihre Eltern zu einer gewissen Gelassenheit“, sagt Sabine Schütte: Das Motto: „Das wird schon.“

 Kinder passen selbst auf,dass es gerecht zugeht

 Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus Großfamilien weniger Interesse an Besitz haben, weil sie von klein auf gelernt haben, zu teilen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Anders als so manches Einzelkind, dass als Prinz oder Prinzessin die Familie dominiert. Wie ist es bei Schüttes? „Sicher“, sagt die Mama, „geteilt wird, klare Sache. Aber die Kinder passen auch selbst auf, dass es gerecht zugeht, dass keiner zu viel oder zu wenig erhält.“

 Diese Regeln gelten übrigens auch für Eltern, wie sich im Gespräch herausstellt: Wenn die Kinder der Ansicht sind, Vater Carsten habe beim Martinssingen nicht laut genug mitgesungen, dann gibt es eben weniger Süßigkeiten für das männliche Familienoberhaupt.

 „Ab dem zweiten oder dritten Kind spielt es keine Rolle mehr, ob es mehr werden“, fasst Carsten Schütte zusammen, „denn dann muss man so oder so in eine geräumigere Wohnung – und ein größeres Auto muss ebenfalls angeschafft werden.“

 An den Wänden des Wohnzimmers hängen Urlaubsbilder: Einmal im Jahr geht es in die Sonne, jedes zweite Jahr steht zudem ein Winterurlaub an.

Lilly-Madita schläft durch

 Während des Gespräches mit dem Bürgermeister und der Presse sitzen Leoni-Sophie (13), Paula-Marie (11), Mia-Elisa (9), Luca-Joel (6), Liah-Mailin (4) und Janni-Eliah (2) einträchtig und sehr ruhig nebeneinander. Es wird nicht dazwischen geredet, wenn sich die Erwachsenen unterhalten, und der jüngste Spross Lilly-Madita schläft einfach mal durch.

 Der Besuch endet im Flur mit zwei Scherzen: Ist die Familienplanung jetzt abgeschlossen? „Ja“, sagt Sabine Schütte und nennt zwei Gründe: „Es gibt kein Auto mit zehn Sitzen, außerdem gehen uns langsam die Vornamen aus.“ rnk, wk

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg