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So kam der Punk nach Schaumburg

„Charmant Normal“ So kam der Punk nach Schaumburg

Der vielleicht entscheidende Satz fällt nach der Hälfte des Interviews, und gesagt wird er von Dirk Bredemeier: „Wir wussten immer, dass wir nicht die neuen Rolling Stones werden." Bredemeier war Anfang der achtziger Jahre Bassist in einer Musikband, die sich „Charmant Normal“ nannte.

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Charmant Normal, 35 Jahre später: Ecki Stieg, Dirk Bredemeier, Dietmar Köster, Herbert Stemme und Thomas Hanke (v.l.).

Quelle: pr

OBERNKIRCHEN. Mit dabei waren noch Thomas Hanke aus Rehren, Dietmar Köster aus Rolfshagen als Gitarrist sowie zwei weitere Deckberger: Ecki Stieg als Sänger und Herbert Stemme, weil eine Band ja auch einen Schlagzeuger benötigt, der den Takt halten kann.

Es war vor mehr als 35 Jahren, als ein Musikstil nach Deutschland schwappte. Die Öffentlichkeit war entsetzt. Einige Frauen und Mädchen, vor allem aber viele junge Männer, mit Löchern in Jeans und Jacken, mit grünen Haaren, mit kaputten Stiefeln und gerne auch mit Sicherheitsnadeln im Ohr. Punks nannte man sie.

Punk kam aus England und bezeichnete die Musik sowie die soziale Bewegung. Englische Punks waren gegen alles Bürgerliche, sie waren gegen Maggie Thatcher, gegen Rock‘n‘Roll, sie waren einfach gegen alles.

Doch Punk war nicht nur in in England und in den deutschen Großstädten: Punk war auch in der Provinz.

Zum Beispiel im Schaumburger Landkreis, in Rinteln. In Deckbergen, um genau zu sein. Dort wohnte Ecki Stieg. Gutbürgerliches Elternhaus, beide Lehrer. Mittelstand.

Das Lebensgefühl? Eher verschwommen, wie es eben ist, wenn man als Teenager die Schule bald hinter sich gelassen hat und Studium und Arbeitswelt warten. Aber gleichzeitig war es doch recht klar: Man stand gegen die autoritäre Welt. Denn Punk war rebellisch und unangepasst, Punk kannte keine Ideale.

Motor der lokalen Musikszene

Stieg war Punk, er war der Motor der lokalen Musikszene. Manche sagten auch New Wave oder Indierock dazu. Er hatte damals den „New Musical Express“ abonniert, die damalige Bibel der Musikhörer. Eine Zeit lang trug er auch typische Punkkleidung, ehe er später zu seinem schwarzen Kleidungsstil fand. Stieg rief eine Szene-Zeitung ins Leben, Auflage 100, Preis eine Mark, Name „Alles tot!“– und er gründete eine Band namens „Kinderlähmung“, die zu „Mai 80“ führte und aus der „Charmant Normal“ hervorgehen würde.

Eine Band zu gründen, war in der Zeit des Punks keine ganz große Sache, technisches Können war nicht unbedingt erforderlich. Schließlich wollten sich die Punks gegen die Bands absetzen, die ihre Musik nur noch mit einem riesigen Equipment auf die Bühne bringen konnten: beispielsweise Pink Floyd, Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Schnell kursierten DIN-A4-Zettel, auf denen drei Gitarrengriffe abgebildet waren, darunter die Aufforderung: „Nun gründe eine Band.“

Gut zwei Jahre gab es „Charmant Normal“. Und über drei Jahrzehnte später fielen jene „Alles tot!“-Hefte Arne Boecker in die Hände, der die treibende Kraft des Obernkirchen-Projektes „Strull&Schluke“ ist; ein Projekt, dem sich viele Kreative angeschlossen haben.

Boecker nahm Kontakt zu den ehemaligen Musikern und zu einem kleinen Filmteam auf. An einem Sonnabend wurde sich dann im Obernkirchener Stiftssaal getroffen und gedreht: Wie war das damals, als der Punk nach Schaumburg kam? Der einhellige Tenor: In einer Band zu spielen, das war eine verdammt coole Möglichkeit, sich mit ein paar anderen Freunden eine gute Zeit zu machen.

Im Gespräch fällt der Name einer anderen Band, die sich ebenfalls zu jener Zeit gründete, die „Toten Hosen“. Und der Unterschied zu „Charmant Normal ist schnell herausgearbeitet, Köster formulierte es so: „Sie hatten den Ehrgeiz, wir nicht.“

Weiter durch Schaumburg

Boecker zieht in diesen Tagen weiter durch das Schaumburger Land. Er hat und wird noch andere vor der Kamera befragen, etwa den Stieg-Cousin Uwe Stemme, der Sänger bei „Mai 80!“ war, und erstaunlicherweise auch Heiner Bartling, den späteren Innenminister des Landes Niedersachsen, der damals Lehrer an der Kreishandels-Lehranstalt war und „Charmant Normal“ dort einen Auftritt ermöglichte: am 5. September 1981, Eintritt vier Euro, und dazu gab es außer den Lokalmatadoren mit dem „Modernen Man“ und den „Ihmespatzen“ durchaus prominente Bands aus Hannover zu hören.

Beim Interview im Stift kommt die Sprache auch auf die Musik, die sie damals hörten: The Cure, DAF, Fehlfarben, den Modernen Man. Und wer damals wissen wollte, was es an neuer Musik gab, der schaltete – Internet und Youtube gab es ja noch nicht – das Radio ein und hörte John Peel auf BFBS.

„Charmant Normal“ wurde damals zu einer lokalen musikalischen Größe. Die Band trat in Minden und in Hessisch Oldendorf, vor rund 750 Menschen.

Von 1981 bis 1983 gab es „Charmant Normal“, und aus den Mitgliedern sind längst respektierte Mitglieder der Gesellschaft geworden, Manager oder Allgemeinmediziner. Rückblickend blieb die Musik für sie immer ein schönes Hobby, nur Stieg bliebt ihr beruflich ein Leben lang treu – erst als Redakteur beim Radiosender „ffn“, dann als Musikmanager.

Bis zu 20 Minuten lang wird der Film werden, den Mike Coenen von der „Filmschmiede Schaumburg“ in Stadthagen dreht. Zu sehen sein wird er im Internet, vielleicht in diesem Herbst. „Möglicherweise wird er auch auf den Dörfern gezeigt“, sagt Boecker. Und zumindest in Deckbergen dürfte es voll werden, wenn die Zeitzeugen in ihren Erinnerungen kramen und erklären, wie das damals war, als der Punk nach Schaumburg kam. rnk

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