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Stift legt Kleinod frei

Kulturhistorische Kostbarkeit Stift legt Kleinod frei

Über Jahrhunderte ist diese Stelle wenig beachtet worden: Offensichtlich befand sich eine Öffnung in der Mauer, die mit einem Stein zugestellt und dann verputzt worden war.

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Äbtissin Susanne Wöbbeking erklärt die Funktion der freigelegten Drehlade.

Quelle: wk

Obernkirchen. „Dass dort was ist, wusste man“, sagt Susanne Wöbbeking, Äbtissin im Stift Obernkirchen, „aber dass die Mauer so ein Kleinod birgt, war uns lange nicht bewusst.“ Die auffällige Stelle befindet sich in der Ostwand der Damenempore in der St.-Marien-Kirche Obernkirchen, gemauert aus Sandstein. Nun hat Wöbbeking die Stelle mithilfe der Klosterkammer Hannover wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzen lassen. Und siehe da: Es handelt sich um eine kulturhistorische Kostbarkeit aus einer Epoche, die für das Stift besonders spannend war.

 Nachdem Fachleute den Putz abgeklopft und den Stein beiseite geräumt hatten, legten sie im Inneren Aussparungen frei. Jörg Richter, der als Kunsthistoriker bei der Klosterkammer arbeitet, erklärt den Fund: „An dieser Stelle saß eine Drehlade, die nach dem Prinzip funktionierte, das wir von Drehtüren kennen“, erklärt Richter. „In den Aussparungen steckten die Achsen des Zylinders, der seinerzeit wohl aus Holz war.“

 Einen ersten Hinweis auf den Zweck der Drehlade birgt ihre Lage innerhalb der Kirche. Sie findet sich am oberen Ende einer Treppe, die den Altarraum mit der Damenempore verbindet. „Um die Anordnung zu verstehen, müssen wir ins späte 15. Jahrhundert zurückreisen, in die Zeit vor der Reformation“, sagt Richter. Seinerzeit sollten Stiftsdamen und Priorin selbst während der Gottesdienste strikt von Geistlichen und Gemeinde ferngehalten werden. Hintergrund: Die Gruppe der Stiftsdamen bestand aus Frauen, die den Kirchenoberen ein zu freies Leben führten. „Die Damen waren dem Bischof von Minden zu selbstbewusst und unabhängig“, sagt Wöbbeking, „so sollen sie ausgiebig im Land umhergereist sein.“ Dies ist die einzige Zeitspanne in der 850 Jahre alten Geschichte des Stifts Obernkirchen, in der die Einrichtung einem Kloster ähnelte, sie endete 1565 mit der Durchsetzung der Reformation auch in Obernkirchen. „So gesehen belegt die Drehlade eine vergleichsweise kurze, aber doch sehr interessante Episode in der Geschichte des Stifts“, sagt Äbtissin Susanne Wöbbeking.

 1490 jedenfalls verfügte der Bischof von Minden, dass die Damen fortan in strenger Klausur zu leben hätten, nachdem er mit früheren Disziplinierungsmaßnahmen gescheitert war. Den Stiftsdamen war es nun nicht einmal mehr erlaubt, die Hostien, die in der heiligen Messe ausgegeben wurden, direkt vom Priester anzunehmen. Also stieg der Gottesmann die eigens zu diesem Zweck angelegte Treppe hoch, legte ein Gefäß mit der Hostie in die Drehlade und betätigte den Mechanismus. So kamen die Stiftsdamen – über die Priorin – an die Hostien, ohne mit einem Mann in Berührung zu kommen. „Noch nicht klären konnten wir, warum sich unterhalb der Drehlade eine rechteckige Öffnung im Mauerwerk befindet“, sagt Richter. Vielleicht seien den Damen Paxtafeln oder Reliquiare zum Kuss gereicht worden. Wie auch immer: Experte Richter ist von der Instandsetzung begeistert. „Ein derart frühes Zeugnis einer Drehlade gibt es in Norddeutschland weit und breit nicht“, sagt er.

 Max von Boeselager, Restaurator der Klosterkammer Hannover, hat die Drehlade nachbauen lassen. „Wir haben einen Zylinder mit satiniertem Glas konstruiert, weil die Drehlade natürlich undurchsichtig sein muss“, sagt von Boeselager. „Man kann erkennen, dass es sich um eine moderne Installation handelt, die aber genau so gut funktioniert wie die ehemalige Vorrichtung.“

 Äbtissin Wöbbeking ist froh, dass die Klosterkammer Hannover sich in Sachen Drehlade so stark engagiert hat. „Wenn wir im April die Führungen durch das Stift wieder aufnehmen, werden wir die Drehlade mit Stolz vorführen können“, sagt sie. ab

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