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Leider doch keine „Stadt der Frauen“

Studenten untersuchen historische Dokumente in Obernkirchen Leider doch keine „Stadt der Frauen“

Die Bergstadt eine „Stadt der Frauen“? Ein Städtchen, in dem weibliche Bewohner in der Überzahl waren und von daher das Leben mehr prägten als anderswo? Mit dieser gewagten These traten 13 Studierende der Universität Hannover an ein Forschungsprojekt heran.

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Karl Heinz Schneider (links) und seine Studenten berichten über die Forschungsergebnisse zu den Frauen in der Bergstadt.

Quelle: cok

Obernkirchen. Dabei standen lokale Kirchenbücher, Sterberegister und Testamente aus dem 18. und 19. Jahrhundert im Vordergrund. Ihre Ergebnisse stellten sie jüngst im Museum für Bergbau und Stadtgeschichte in Obernkirchen vor. „Ich gebe zu, direkt von einer ,Stadt der Frauen‘ zu sprechen, war eine Art Schnapsidee“, meinte der leitende Professor Karl Heinz Schneider, der das Semester-Projekt begleitete. „Doch es schien mir ein reizvoller Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit zu sein, im Hinblick auf das Obernkirchener Frauenstift und die Landfrauenschule, die hier 60 Jahre lang existierte.“

 Für seine Studierenden bedeutete die Überprüfung der These in traditioneller Historiker-Fleißarbeit die alten, handschriftlich geführten Bücher zu transkribieren und anhand der Geburts- und Sterbeeintragungen das Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern zu überprüfen. Darüber hinaus sollte eine Sichtung von Testamenten die Frage beantworten, inwieweit Frauen über Geld- und sonstigen Besitz mitentscheiden konnten.

 So mühsam es war, die entsprechenden Statistiken zu erstellen, so ernüchternd für die Ausgangsthese sahen die Zahlen aus: Alles in allem nämlich gab es in Obernkirchen immer etwa gleich viele Männer wie Frauen. Beide hatten auf ihre Weise unter Schicksalsschlägen zu leiden.

 Während die Frauen in oft ununterbrochener Folge Kinder zur Welt brachten, schufteten unzählige Männer im Bergwerk und im Steinbruch – eine Arbeit, die so oft zu Lungenerkrankungen führte, dass Männer in diesen Berufszweigen im Durchschnitt deutlich früher starben als etwa Schuster, Bäcker oder Lehrer. Diejenigen Frauen, die die Geburten überlebten, erreichten fast immer ein höheres Alter als ihre Männer.

 Wenn allerdings das Durchschnittalter der Bevölkerung im 18. Jahrhundert bei gerade mal etwa 32 Jahren lag, so bedeutet das nicht, Obernkirchen hätte kaum ältere Einwohner besessen, sondern es weist auf eine aus heutiger Sicht geradezu katastrophal hohe Kindersterblichkeit hin. In den Jahren 1833 bis 1869 dann – aus dieser Zeit lagen die Sterbebücher vor – stieg das Durchschnittsalter zwar deutlich an. Das aber liegt wohl hauptsächlich daran, dass Kinder erst ab dem Alter von zehn Jahren in die Berechnungen aufgenommen wurden. Fast die Hälfte aller Mädchen und Jungen starben, bevor sie zehn Jahre alt wurden, die allermeisten bereits in ihren ersten beiden Lebensjahren.

 Das lag, so wurde es vorgetragen, vor allem daran, dass die Frauen ein Kind nach dem anderen bekamen und dadurch unter Kalkmangel litten, den sie an ihre Babys weitergaben. Aus dem Stammbaum des Arztes Georg Albrecht Neussel etwa ließ sich ablesen, dass es in seiner Familie mindestens sechs Kinder gab, die keine zwei Jahre alt wurden. Die Obernkirchener Männer wurden oft nur zwischen 30 und 50 Jahre alt. Häufigste Todesursache bei ihnen waren die besagten Lungenerkrankungen.

 Was nun die Sichtung der Testamente betrifft, so waren nach altem Recht Frauen insgesamt dadurch benachteiligt, dass sie elterlichen Besitz nur erben konnten, wenn kein männlicher Erbe zur Verfügung stand. Wollten sie bedeutsame Dinge vererben, mussten sie landesfürstliche Einmischung in Kauf nehmen. Immerhin: Insgesamt standen sie besser da als die jüngeren Brüder desjenigen, der den Grundbesitz erbte, erhielten sie doch neben einer Abfindung auch einen „Brautschatz“, wenn sie heirateten. Möbel, auch die damals als wertvoll erachteten Betten mit dem gesamten Decken-Drum-und-Dran, konnten sie nach eigenem Ermessen weitergeben.

 Die von den Studierenden erstellten Statistiken werden der Stadt für weitere Forschungen zur Verfügung stehen. Auf den schönen Titel „Stadt der Frauen“ allerdings müssen die Obernkirchener verzichten. cok 

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