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Obernkirchen Stadt „Thomas Müller würde als Erster verrecken“
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt „Thomas Müller würde als Erster verrecken“
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21:35 02.02.2018
Holger Stromberg bei seinem Vortrag. Quelle: wk
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Heute ist Stromberg selbstständig und bietet in München nicht nur regelmäßig Kochveranstaltungen an, sondern reist auch über die Lande, um über Ernährung, Fitness und ihren Zusammenhang zu informieren. Er sei schließlich, so sagt er am Donnerstag im voll besetzten Saal des Gasthofes Vehlen auf einer Veranstaltung der BKK24, „dem Essen verfallen“.

Ein Michelin-Stern, das bedeute 16 Stunden Arbeit und „Leistung, Leistung, Leistung“. Tag für Tag – mindestens fünf Tage die Woche. Das sei kochen auf Champions-League-Niveau, mit viel Raubbau. „Ich war schnell ausgebrannt“, sagt er heute. Gerettet hat ihn die Ernährung. Gemeint ist damit die richtige Ernährung. Und davon, erklärt er, habe er damals überhaupt keine Ahnung gehabt. Denn Ernährung, das wurde an der Kochschule nicht gelehrt, „und das müssen wir dringend ändern“. Daher setzt sich Stromberg heute dafür ein, dass ein Schulfach namens Ernährungslehre eingeführt wird, damit der Bürger mündig wird. Das nämlich ist Strombergs Wunsch: „Ein mündiger Bürger im Lebensmittelverbrauch.“

Mehr Zeit nehmen beim Einkaufen

Wer vom Ex-WM-Koch süffige Anekdoten erwartet hatte, wie er einst Mats Hummels zum schnellen Rennen, André Schürrle zum Dribbeln und Marco Götze zur schnellen Drehung um die eigene Achse mit abschließendem Torschuss verhalf, weil er morgens die bei wonnigem Vollmond handgelesenen Beeren unter das Frühstücks-Müsli rührte, der wurde ein bisschen enttäuscht. Stromberg hielt einen fachlich fundierten Vortrag, der rund um eine These kreiste.

Ganz gleich, für wen er kocht, ob Nationalspieler vor dem WM-Endspiel oder einfacher Restaurant-Gast: Entscheidend ist immer die Qualität der Produkte und deren Weiterverarbeitung. Denn nur wo Gutes drin ist, kann am Ende auch Gutes dabei herauskommen. Das bedeutet für Stromberg Nachvollziehbarkeit und Produkttiefe der Herkunft. Soll heißen: Wenn er über den Markt in München schlendert, dann kann er schon von Weitem sehen, welcher Lachs was taugt und welcher nicht. Zu viel schlechter Fisch sei ungesund. „Und dann stellt sich für mich schon die Frage, warum dieser Lachs überhaupt geboren wurde“, sagt Stromberg, „und natürlich, warum er dann auch noch sterben musste.“

Kurzum: Der Verbraucher muss wieder lernen, seinen Sinnen zu vertrauen. „Körper und Psyche werden Gefallen dran finden“, so Stromberg. Die ständigen Reizüberflutungen und die viele Werbung schränkten die Selbstwahrnehmung ein. Man solle sich beim Einkauf Zeit im Supermarkt nehmen, „es gibt dort ja genügend Licht, es ist geheizt und nette Musik läuft auch“. Vor allem solle man sich das Etikett eines Produktes durchlesen. Und wenn man nicht genau wisse, was sich hinter einer Zutat verberge, dann solle man sie einfach mit dem Handy googeln und herausfinden, „was dieses Zeug hier drin verloren hat“.

Dass er genau weiß, woher die Produkte kommen, versteht sich fast von selbst. Aber es gibt eben auch kein Gericht, dass per se ungesund ist, und umgekehrt: „Essen Sie jeden Tag nur Karotten – und Sie werden krank“, sagt Stromberg.

Aufmerksamer beim Essen

Nahrung, das ist für Stromberg die Stellschraube für den persönlichen Erfolg: zwei Pfund runter, Depression weg, Diabetes abwehren, leistungsfähiger werden. All das schaffe das Essen, das „rein und unverfälscht“ sei. Und wenn man bei einem Stück besten Fleisches wisse, wie das Tier gelebt habe, nämlich gut, dann sollte man dies auch genießen – natürlich in Maßen, so etwa ein- oder zweimal die Woche.

Apropos Fleisch: Wenn er einen Arbeiter im Blaumann heute frage, wie oft er Fleisch esse, dann sei die Antwort in vielen Fällen: Na, ja, vielleicht zweimal die Woche. „Das liegt meistens daran, dass der Bürger heute Wurst nicht mehr als Fleisch betrachtet und den Fleisch- oder Wurstsalat als Salat einstuft“, erklärt Stromberg. Man müsse seine Essgewohnheiten erkennen, am besten mache man mit dem Handy ein Foto von allem, was man sich in den Mund stecke, meint Stromberg. Denn das Essen führe zu einer Reaktion im Körper – „und die sollten Sie wieder spüren“.

Kann man sich zur Höchstleistung essen? „Na klar“, gönnt sich Stromberg einen seltenen Scherz, „das haben wir ja in Brasilien gesehen.“ Fitness sei schließlich nicht nur für den Sport, sondern auch das eigene Befinden gut. „Deutschland ist heute kein Malocherland mehr. Die Menschen sitzen an Schreibtischen, und die größte Herausforderung ist, das Hirn ausreichend zu versorgen, ohne dass der Hintern über den Bürostuhl hinauswächst.“

Naturreis, Getreide, Vollkorn, Leinöl, Milch, Soja, Hülsenfrüchte: Strombergs Nahrungsratschläge bewegen sich in erwartbaren Bahnen. Auch Obst, Tee, Eier (aus Biohaltung, „die Null muss stehen“), Fisch, Beeren seien empfehlenswert.

"Machen Sie Gemüse zu Ihrem Projekt"

Wichtiger jedoch scheinen Forderungen der generellen Art: Die geistige Haltung verändern, das Körpergefühl trainieren, bewusst essen und ebenso bewusst verdauen. Man solle Fragen zur Nahrung stellen, tasten und spüren, den Menschenverstand einsetzen und sich dabei immer ein gesundes Misstrauen bewahren. „Das ist wichtig“, so Stromberg. Der Mensch entscheide heute beim Kauf, nicht das Labor. Man müsse sich mit dem Lebensmittel auseinandersetzen wie mit einem Auto oder einem Fahrrad. „Wir fliegen zum Mond, bekommen aber das Thema Lebensmittel nicht hin.“

Sein Ratschlag: Jeder Zuhörer solle sich Ziele setzen, und zwar jetzt. „Machen Sie Gemüse zu Ihrem Projekt, ändern Sie die Ernährung, und Sie können alles andere wegschmeißen.“

Und dann, ganz am Schluss des Vortrages, fällt doch noch der Name eines deutschen Fußball-Weltmeisters. Es ist der von Thomas Müller, der Ikone des Serienmeisters FC Bayern mit den wunderbar knackigen Beinen, die die Frauen immer so bewundern. „Thomas Müller ist vom Typ her ektomorph“, sagt Stromberg. Dieser Typ könne essen, was er wolle, nehme eher ab als zu und setze kaum Fett an. Und daher könne dieser Menschentyp nichts speichern, sagt der Koch: Komme es zu einer Nahrungskrise, und das sei ja gar nicht so unwahrscheinlich: „Thomas Müller würde als Erster verrecken.“ rnk