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Treff im Stift: Schweigen als Überlebensstrategie

Historiker referiert über die „ostpreußischen Wolfskinder“ Treff im Stift: Schweigen als Überlebensstrategie

Hunger. Richtiger Hunger muss schrecklich sein. In der heutigen Zeit, im wohlgenährten Deutschland, als jemand, der stets genügend zu essen hatte, kann man sich dies allenfalls im Ansatz vorstellen.

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Quelle: SN

Obernkirchen. Umso ergreifender war der vom Historiker Christopher Spatz (Humboldt-Universität Berlin) jetzt beim Treff im Stift gehaltene Vortrag über die „ostpreußischen Wolfskinder“. Über elternlos gewordene Mädchen und Jungen aus Ostpreußen, die im Frühjahr 1947, nach dem zweiten „Hungerwinter“ nach Ende des Zweiten Weltkrieges allein nach Litauen gegangen sind, um sich dort irgendwie durchzuschlagen und zu überleben. In ihrer Heimat rund um Königsberg herrschte nämlich blanke Not.

 Bloß um etwas in den Magen zu bekommen, aßen die Menschen dort Hunde und Katzen, Frösche und Igel, Gras, Lindenknospen und Baumrinde, beschrieb der Referent die Situation. Zudem bedienten sie sich an Viehkadavern, durchwühlten Abfälle nach Essbarem und brieten Fleisch in Motorschmieröl. Lebensumstände, unter denen die Kinder zunächst zunehmend roher und abgebrühter wurden, wenn es darum ging, an Nahrung zu kommen. Mit der Zeit aber gerieten sie infolge der Unterernährung „in körperlicher und geistiger Hinsicht in eine sich immer schneller drehende Abwärtsspirale“ des Verfalls.

 Dazu gehörte, dass sie irgendwann keine Kraft mehr hatten, um Körperpflege zu betreiben, sodass sie verlumpten und verlausten, wobei sie schließlich sogar aufhörten, sich trotz massiven Befalls mit Läusen und Flöhen zu kratzen. Und: „Der Tod wurde für alle Kinder in Ostpreußen zu einer Alltagserfahrung.“

 „Man denkt nicht, wie schön der Vogel singt, sondern wie kann ich ihn fangen und aufessen?“, zitierte der Historiker hierzu eine Zeitzeugin, die er vor einigen Jahren für seine Doktorarbeit über die „ostpreußischen Wolfskinder“ interviewt hatte. Insgesamt hatte er im Rahmen seiner Studie mit rund 50 „Wolfskindern“ intensive, meist sehr emotionale „lebensbiografische“ Gespräche geführt, für die er zuvor erst monatelang in Archiven recherchiert und Annoncen in Zeitungen und Heimatblättern geschaltet hatte, um überhaupt betroffene Personen als Interviewpartner zu finden.

 Denn obwohl im Jahr 1947 Zehntausende Deutsche aus Ostpreußen, darunter 20000 bis 30000 Kinder und Jugendliche, aus der Not heraus ihr Heil in Litauen suchten, von denen dann rund 5000 Jungen und Mädchen ab 1948 als sogenannte „Wolfskinder“ in dem Baltenstaat blieben, war dies hierzulande im Grund kein großes Thema. Auch weil die betroffenen Kinder das Schweigen über sich selbst, das sie schon früh als Teil ihrer Überlebensstrategie verinnerlicht hatten, meist auch später beibehielten. Zumal nicht nur jene zirka 3500 „Wolfskinder“, die 1951 mittels Sammeltransporten aus dem sowjetisch besetzten Litauen in die damalige DDR verbracht wurden, in der Folge nicht selten auch die Erfahrung machen mussten, dass man ihnen ihre Geschichten nicht glaubte. Ebenso erging es den mehrere Hundert „Wolfskindern“, die in den Jahren danach aufgrund eigener Bemühungen in die DDR ausreisten, sowie jenen, die sich erst nach der Unabhängigkeit Litauens 1991 aus der Deckung wagten.

 Sie waren über Jahrzehnte in einer „Erinnerungseinsamkeit“ gefangen, formulierte es Spatz. Und „typisch für alle“ sei halt, dass sie sich „geräuschlos integrieren“ – sie also auch nicht offensiv auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Denn als „Wolfskinder“ mussten die Jungen und Mädchen in Litauen „für ein Essen und eine Schlafstätte ihre deutsche Herkunft verschleiern“, um nicht in ein sowjetisches Lager deportiert zu werden.

 Marschieren, betteln, essen, manchmal arbeiten, eine Schlafstelle suchen, und am nächsten Tag das Gleiche wieder – so sah das Leben der vor dem Hungertod über die Memel nach Litauen geflohenen Kinder aus, verdeutlichte der Historiker. Dabei habe die Loslösung von der eigenen Gruppe die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht, denn „Essen und eine Schlafstelle erhielt nur, wer alleine an eine Tür klopfte“. Wer indes bereit war, einen neuen Namen und die litauische Sprache anzunehmen, seine Herkunft zu verleugnen und in eine neue Identität zu schlüpfen, habe „eine gute Chance“ gehabt.

 Die Assimilierung der ostpreußischen Kinder war nach Spatz’ Recherchen auch deshalb erforderlich, damit deren „Pflegefamilien“ im Zuge der zunehmenden Sowjetisierung Litauens keine Sanktionen seitens der Besatzer zu spüren bekamen. Im Klartext: „Die Angst war allgegenwärtig und es war ein großes Glück, dass die ‚Pflegefamilien‘ nicht von deren Nachbarn denunziert wurden.“  wk

„Papachen, schlag mich doch bitte tot“

Eine aus Pillau stammende Seniorin (Leni K., geboren 1932), deren Mutter bereits im ersten Nachkriegswinter an Typhus gestorben war, in wenigen, aber bewegenden Sätzen vom Tod ihrer Geschwister und ihres Vaters. Ihre kleine Schwester Sigrid verstarb demnach am 5. Januar 1947, bevor in rascher Folge auch die anderen Familienmitglieder an Unterernährung starben: „Am 25. ist der Hansi ins Bett gekommen und hat gesagt: Papachen, schlag mich doch bitte tot. Abends ist er von ganz alleine gestorben. Am 29. kam ich vom Holz holen hoch. Da hatte sich mein Vater mit einem Tuch abgedeckt und Gift genommen. Am 30. starb meine Schwester Rita. Und am 31. mein Bruder Peter. In mir ist damals etwas zerbrochen. Habe ab da nur noch gewartet, dass ich auch sterben kann. Als ich begriffen habe, dass ich weiterleben muss, war ich schon eine Oma. Ich habe mein ganzes Leben nicht richtig lieben und weinen können. Eigentlich bin ich nie älter als 14 geworden.“

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