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Obernkirchen Stadt Trullies in der Stein-WG
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Trullies in der Stein-WG
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13:58 05.10.2017
„Feldspat, Quarz und Glimmer – die drei vergess’ ich nimmer“: Annette Richter erklärt beim Stadtrundgang nicht nur, wie Granit entsteht. Quelle: rnk
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Obernkirchen

Sie hat vom Sauerstoff gesprochen und vom Silicium – und davon, wie beide aufeinander reagieren oder auch nicht, und niemand hat ihr so recht zugehört. „Nicht mal meine Studenten“, sagt die Leiterin und Oberkustodin des Niedersächsischen Landesmuseums. Heute greift sie auf ein anderes Bild zurück, als sie vor dem Granit-Stein im Obernkirchener La-Flèche-Park steht: So ein Stein, den müsse man sich als eine Art Studenten-Wohnung vorstellen.

Feldspat sei vergleichbar mit dem eifrigen Studenten, der fleißig ist und sich in der neuen Stadt sofort eine Wohnung sucht, schön gelegen, mit großem Zimmer und Balkon. So sei er, der Feldspat, er mache sich als Erster breit, nachdem die Kälte das Magma abgekühlt habe.

Erz sei dann der ganz normale Student, der in der WG das zweitbeste Zimmer nimmt, mit Bad- und Kühlschrankbenutzung, alles okay. Und Glimmer, das seien unter den Stunden die Trullies – komm‘ ich heut nicht, komm‘ ich halt morgen. Und übermorgen schauen wir dann mal, was wir überhaupt studieren wollen.

Klar, mancher kennt es noch aus seiner Schulzeit: „Feldspat, Quarz und Glimmer – die drei vergess‘ ich nimmer.“ Das ist und bleibt ein populärer und leicht zu merkender Spruch, um sich einzuprägen, aus welchen Mineralien das Gestein Granit hauptsächlich besteht.

Ansammlung unterschiedlicher Mineralien

Gesteine sind der Definition zufolge eine Ansammlung vieler und unterschiedlicher Mineralien. Entsprechend der Häufigkeit und Menge, wie diese im Gestein vorkommen, wird zwischen Haupt- und Nebengemengteilen unterschieden. Hauptgemengteile sind mit einem Anteil von über fünf Prozent diejenigen Mineralien, die im Gestein überwiegen. Im Fall von Granit sind es Feldspat, Quarz und Glimmer – und sie machen, vereinfacht formuliert, im Granit das Funkeln und Schimmern aus.

Im Park greift Richter in ihre Handtasche und holt einen auskristallisierten Erzstein hervor, mit zwei Ecken. Der Fachmann spricht hier von einem Doppelender. „Recht selten, diese Form“, sagt Richter, aber sie kenne da einen Geologen, der ihr noch einen Gefallen schuldete.

Der Rundgang durch die steinerne Stadt ist der Auftakt der „Obernkirchener Oktober“-Reihe vom Projekt „Strull & Schluke“. Gezeigt werden sollen dabei eher unbekannte Seiten der Bergstadt. Richter machte deutlich, wie Naturstein die Stadt prägte. Sie ist zugleich erste Koordinatorin des Netzwerkes „Steine in der Stadt“, das deutschlandweit Steine in den Städten öffentlichkeitswirksam zeigen möchte und in dem Fachleute wie Steinmetze und Geo-Wissenschaftler Verständnis für und Freude an Naturwerksteinen in städtischer Umgebung wecken und auf die Besonderheiten des jeweiligen heimischen Materials aufmerksam machen wollen.

„Obernkirchen“, sagt Richter zu Beginn des Rundganges, „ist die Unterkreidesandstein-Hochburg, wo vor 140 Millionen Jahren eben die Dinosaurier durch das Wasser latschten und keineswegs ahnten, dass sie so Sandstein entstehen ließen.“

Von der Kreidezeit ins 19. Jahrhundert

Vor dem Finkenheim des Stiftes schafft sie den Sprung von der Unterkreidezeit in das 19. Jahrhundert. Am Haus wurden die Steine in unterschiedlicher Qualität verbaut, vom rohen, rauen, wenig behauenen, groben Steinklotz geht die Bauweise über in geregelte und bearbeitete Formen. Am Stütz wurde richtig sauber gearbeitet, die Handwerkerehre verlangt es so.

Zwei weitere Häuser werden von außen besichtigt. Bei ihnen sind die Seiten mit Schieferplatten abgedeckt; Schwarzschiefer, dessen Gehalt an Kohlenstoff dem Gestein seine Farbe verleiht. Richter führt die Zuhörer noch einige Hundert Millionen Jahre zurück. In Obernkirchen, der Unterkreidesandstein-Hochburg, wie sie es formuliert, geht es in das Paläozoikum, das Erdzeitalter rund 600 bis 250 Millionen Jahre vor unserer Zeit, zu einer erdgeschichtlichen Epoche mit ruhigem, ausgeglichenem Klima ohne große Temperaturdifferenzen. Sauerstoffmangel führt damals im Wasser zum unvollständigen Zersetzen toter Organismen und verlieh dem späteren Schiefer die typische Schwärze. Und sie sind oftmals fossilienführend. Richter hat ein beeindruckendes Exemplar mitgebracht: Ein kleiner Krebs schlägt plötzlich Brücken über Millionen von Jahren hinweg – Steingeschichte wird lebendig.

Und ja, den großen Granitstein vor dem Ehrenmal im Park wird künftig jeder Teilnehmer dieses Rundganges mit anderen Augen sehen.

Die nächste kostenlose Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Obernkirchener Oktober“ ist am Sonntag, 8. Oktober. Ab 11 Uhr führt Volker Rethmeier über den Friedhof und erzählt über den „Gottesacker“ im Wandel der Zeiten. Treffpunkt ist am Eingang Rintelner Straße. rnk

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