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Verstümmelung und Pferdediebe

Mythen um das Stift Obernkirchen Verstümmelung und Pferdediebe

Legenden haben die Menschen schon immer fasziniert. Doch was, wenn sie gar keine Phantasiegespinste sind, sondern sich all die Glanz- und Gräueltaten wirklich ereignet haben? Die SN gehen der Lokalgeschichte auf den Grund. Dieses Mal steht das 850 Jahre alt Stift Obernkirchen im Mittelpunkt.

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Wer nicht mit den Ungarn gehen will, trennt sich von seiner Nase.

Quelle: AB

OBERNKIRCHEN. In vielen Fällen fußt das, was man heute über das Stift Obernkirchen weiß, auf Dokumenten, Zeugnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wie bei einer Institution dieses Alters nicht anders zu erwarten, blühen allerdings Anekdoten und Legenden.

Die abgetrennte Nase

Laut Urkunde wurde das Stift Obernkirchen 1167 gegründet. Mindener Chroniken legen indes nahe, dass dort schon im 9. Jahrhundert ein Gotteshaus stand. Am 30. August 936 sollen Ungarn die Stätte überfallen und verwüstet haben, zwischen 40 und 128 Frauen und Kinder (je nachdem, welcher Quelle man glaubt) wurden getötet.

 Dem Mindener Domherrn Heinrich Tribbe verdanken wir in diesem Zusammenhang eine besonders blutige Geschichte. Die attraktive Äbtissin, die der Anführer der Ungarn mit sich nehmen wollte, hat sich demnach die Nase abgetrennt, um ihm nicht in die Hände zu fallen. Ihr Ziel war es, so schnell wie möglich im Himmel mit den sechs Nonnen wiedervereinigt zu werden, die die Eindringlinge bereits massakriert hatten. Der Plan der Äbtissin ging auf.

Der glückliche Pferdedieb

Im Zentrum des Pilgerns soll einst eine Marienstatue gestanden haben, die hinter dem Hochaltar aufgebaut worden war. In Wunstorf ausgemustert, zog sie Massen von Gläubigen an. So notierte der Mindener Domherr Tribbe, dass die Bewohner Lübbeckes ab 1325 einmal pro Jahr nach Obernkirchen auf Wallfahrt gingen, Ergebnis eines Gelöbnisses in Pest-Zeiten. Die größte Zahl an Pilgern und Gläubigen kam zu Kirchweih. So spülte Maria den Kaufleuten viel Geld in die Kassen.

 Um es den Wunstorfern, die sie schnöde weggegeben hatten, so richtig zu zeigen, soll Maria in ihrer neuen Heimat viele Wunder bewirkt haben. Eines handelt von einem Pferdedieb. Die Obernkirchener galten damals als besonders üble Diebe und Halunken, einer von ihnen stahl in Minden zwei schwarze Pferde. Er flüchtete in seine Heimatstadt und betete zur Muttergottes: Nie wieder wolle er sündigen, wenn sie ihm helfe. Als ihn die Verfolger festsetzten, konnte er seine Unschuld überaus überzeugend beweisen: Die Pferde, die er bei sich führte, waren weiß. Maria soll sie rechtzeitig „umgefärbt“ haben. 1564 war es mit Marias Wundertätigkeit vorbei. Um die Reformation zu befördern, ließ Graf Otto IV. die Statue wegschaffen.

 Der geheime Gang

 Obernkirchens älteste Wohnstätte ist nicht das Stift, sondern die alte Bückeburg, von der inzwischen nichts mehr übrig ist – Sonnenkollektoren decken ihr Grab. Die Kapelle, die innerhalb der Mauern stand, soll eine unterirdische Verbindung mit dem Stift gehabt haben. Über Jahrhunderte haben demnach Stiftsdamen, die vor Kriegswirren fliehen mussten, den Tunnel benutzt, um sich in Sicherheit zu bringen.

 Bewiesen wurde die Existenz des Gangs nie; auch nicht, als 1917 russische Kriegsgefangene nach ihm graben mussten. 1947 flackerte das Thema noch einmal auf. Die Stadt hatte im Sonnenbrink einen Notbergbau anlegen lassen. Dabei stieß man auf ein Gänge-System, das auf die alte Bückeburg zuzulaufen schien. Hatte man den Fluchtweg der Stiftsdamen gefunden oder doch nur Überbleibsel früheren Bergbaus? Schließlich war dem Boden rund um Obernkirchen schon seit 1386 Kohle abgetrotzt worden.

 Das Rätsel bleibt einstweilen ungelöst. Es beflügelt die Phantasie mancher Obernkirchener. ab

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