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Obernkirchen Stadt Vom Aussterben bedrohtes Trio als Naturschützer
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Vom Aussterben bedrohtes Trio als Naturschützer
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19:56 12.12.2011
Sorraias sind anspruchslos, widerstandsfähig, dickschädelig, treu und in der Fütterung sehr robust: Die Apfelgabe gibt es von Kerstin Müller für Conquestador, Delia und Estrella (von links) nur für den Fototermin. Spaziergänger sollten auf eine Fütterung verzichten, schließlich sollen die Tiere durch ihr Fressverhalten heimische Tier- und Pflanzenarten schützen.   © rnk

Obernkirchen (rnk). Heute gibt es noch 150 Sorraias, drei von ihnen sind jetzt im Steinbruch Liekwegen, der zu 90 Prozent auf Obernkirchener Gebiet liegt, als Naturschützer tätig: Sie sollen durch den Dienst im Natur- und Umweltschutz das Vorkommen einer Vielzahl heimischer Tier- und Pflanzenarten sichern.

Das tierische Trio stammt aus dem Wisentgehege Springe, dort werden Sorraias seit 1997 gehalten und gezüchtet. „Wir sind leider der einzige zoologische Betrieb, der diese seltenen Pferde zeigt und sich an der Erhaltungszucht beteiligt“, erklärt Leiter Thomas Henning und verweist auf die Erfolge: Bis zu 15 Pferde umfasst die Herde in Springe, bis 2009 sind 23 Fohlen hier geboren.

Dass man drei Tiere an den Naturschutzbund des Landkreises abgegeben habe, freute Hennig, schließlich sei auch das Wisentgehege unter dem Obergedanken des Natur- und Artenschutzes entstanden. Und angesichts ihrer geringen Zahl gelten Sorraias als vom Aussterben bedroht.
Bevor die beiden Stuten Delia und Estrella sowie der Wallach Conquestador ihre Reise nach Liekwegen antreten konnten, gab es eine ganze Reihe von Fragen, die gemeinsam vor Ort geklärt werden mussten, sagt Ulf Güber, der als Tiermediziner beim Kreisveterinäramt gestern mit Hennig und Bruno Scheel vom Nabu Schaumburg das Projekt vorstellte: Gibt es genug zum Fressen? Oder muss zugefüttert werden? Ist Wasser vorhanden? Gibt es schützenden Fels, Gebüsche, Wald?

Im Steinbruch Liekwegen wurden schon im vergangenen Jahr die Voraussetzungen geschaffen für die Ansiedlung der einstigen Wildpferde, die heute meistens wie Hauspferde gehalten werden. Auf rund zwölf Hektar wurden mit Bagger und Planierraupe großzügig zwei Grundstücke verbunden, die den Tieren zur Verfügung stehen – und damit deutlich mehr als in Springe. Die „sozial in sich stabile Gruppe“ (Hennig) kann sich satt fressen (16 Stunden am Tag, so Güber), hat einen eigenen Trinkbereich mit konstanter Wassertemperatur um die acht Grad und viel Platz, um sich in Felsennischen zu schmiegen, wenn das Wetter kälter und unwirtlicher wird. Sorraias können und sollen in Liekwegen ganzjährig den Steinbruch pflegen, sie sind ein weiterer Baustein zum Artenschutz, wie Scheel betonte. Denn die Pferde putzen weg, was anderen Tieren schadet: Vegetation, die wuchert und dann Schatten spendet, was die überwiegende Zahl der rund 300 Pflanzenarten ebenso wenig mag wie die Gelbbauchunke: Die Mehrheit der Steinbruch-Bewohner ist wärmeliebend. Schattenspender sind eher ein Störfaktor, das Grundkonzept sieht ein möglichst großes Areal vor, das frei gehalten wird von Robinien und Co.

Die Größe von drei Tieren soll erst einmal beibehalten werden, auch, um erste Erfahrungen zu sammeln: Reicht die Größe der Weide oder muss doch, wie in Springe, zugefüttert werden, wie wohl fühlen sich die Tiere hier? Erster Ansprechpartner für „Delia“, „Estrella“ und „Conquestador“ ist Kerstin Müller, die in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt und einmal pro Tag bei den Tieren nach dem Rechten sehen wird. Ganz so scheu sind die Tiere nicht, wie Müller schnell beweist: Auf ein besonderes Signal kommen sie herangelaufen, als Belohnung gibt es Leckerlis. Auf ein Signal sind sie konditioniert für den Fall der Fälle: Sollte sich ein Tier verletzen, aber noch laufen können, so könnte es „herangerufen“ und behandelt werden. Ohne Konditionierung müsste es auf dem zwölf Hektar großen Areal gejagt werden, ehe es eingefangen werden könnte. Auch Güber kündigte an, sich regelmäßig vom Zustand der Pferde überzeugen zu wollen.

Die Tiere sollten aber nicht von Spaziergängern gefüttert werden, betonten gestern alle Projekt-Vertreter, Hunde sollten zudem an der Leine geführt werden. Und Vorsicht: Der Zaun steht unter Strom. Übrigens: Die geringe Größe der Tiere täuscht, trotz ihrer etwa 140 bis 153 Zentimeter sind die Sorraias keine Ponys, sondern „Ur“-Warmblüter, also Pferde.