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Wenn der Mob tobt

Obernkirchen Wenn der Mob tobt

Bei der Wohnungssuche finden Bernhard und Meta Scheiberg schnell etwas Passendes: Das Vorderhaus der Synagoge, die Lehrerwohnung dort steht leer. Der Ehemann handelt mit Leber, frischer Kalbs- und Schweineleber, die er nach Schlachtungen in Obernkirchen und Umgebung kauft und zum Weiterverkauf in die Markthalle nach Hannover bringt.

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Zu gefährlich

Seit gestern verweisen zwei Stolpersteine auf Meta und Bernhard Scheiberg, die im Vorderhaus der Obernkirchener Synagoge gewohnt und den Terror in der Reichspogromnacht hautnah zu spüren bekommen haben.

Quelle: rnk

OBERNKIRCHEN. Er arbeitet in einer Zeit, in der alltägliche Naziterror ständig zunimmt. Ihn und seine Ehefrau erreichte dieser mit der sogenannten „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938.

Kurz nach Mitternacht dringt ein fanatisierter SS-Mob in das Synagogengebäude ein. Die hohen Fenster des Synagogenanbaus werden zertrümmert, das Gestühl der Frauenempore nach unten in den Betsaal geworfen und zusammen mit dem dort befindlichen brennbaren Material in Brand gesteckt. Das Feuer brennt kontrolliert ab, um einen Häuserbrand an der eng bebauten Strullstraße auszuschließen. Der Rest des Mobiliars wird auf die Straße geschmissen. Die Fenster und Türen der Wohnung des Ehepaares Scheiberg, in der diese sich eingeschlossen hatten, werden eingeschlagen.

Schicksal noch unklar

Der Terror geht weiter: Die in ihre Wohnung eingedrungenen SS-Schergen durchsuchen sie nach Bargeld und Utensilien, die für den Gottesdienst gebraucht werden. Den Thora-Schrein hat man nämlich leer vorgefunden. Aber sie finden nichts. Die Thora-Rollen soll Gemeindevorsteher Leopold Lion in weiser Voraussicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben.

Als der Mob abzieht, droht er an, in ein paar Stunden wieder zu kommen. Am nächsten Morgen beginnt eine willkürliche und reichsweite Verhaftungswelle jüdischer Männer, davon elf aus Obernkirchen. Sie werden nach einer Nacht „Schutzhaft“ im Polizeigewahrsam über Hannover ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Ob dieses Schicksal tatsächlich auch Bernhard Scheiberg trifft, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Aber zwei Monate später zieht das Ehepaar aus seiner nur notdürftig wieder hergerichteten Wohnung von Obernkirchen nach Bielefeld. Meta Scheiberg stirbt dort am 22. September 1940 im Franziskus-Hospital an einer Schrumpfniere, Bernhard Scheiberg wird am 11. September 1942er in das sogenannte „Judenhaus“ eingewiesen. „Judenhäuser“ wurden reichsweit seit Mitte 1939 eingerichtet – als Vorstufe zur Deportation in die Vernichtungslager. Bernhard Scheiberg ist aber offenbar nicht mehr deportationsfähig, er wird ins Israelitische Krankenhaus Hamburg verlegt, wo er am 17. Februar 1943 stirbt.

Geschichten von Not und Terror

Wilfried Bartels hat die Geschichte des Ehepaars Scheiberg rekonstruiert, soweit dies möglich war. Es ist eine von zwölf Geschichten, die Bartels von der Initiative Stolpersteine demnächst im Internet präsentieren wird, eine weitere stammt von Christoph von Abendroth, sieben hat Ernst Völkening aus Vehlen zusammengetragen.

Es sind Geschichten von Not und Terror, von Angst und Tod, an deren Opfer die Stolpersteine erinnern. Die Stolperstein-Aktion soll ein dezentrales Netzwerk bilden, in dem an einzelne Menschen erinnert und jedes Opfer in seiner Individualität gewürdigt wird, das unterscheidet die Stolpersteine von anderen Gedenkstätten. „Über die Steine kann im buchstäblichen Sinne des Wortes kein Gras wachsen“, hat es Werner Hobein einmal formuliert.

Stolpersteine für die Opfer

Christoph von Abendroth spricht von Erinnerungen an eine „grausame Zeit“, als gestern die Stolpersteine verlegt werden. Bei jedem werden die jeweiligen Biografien vorgetragen, soweit sie sich rekonstruieren ließen. Es sind die Lebensgeschichten von Menschen, die „missachtet, verachtet, entrechtet, vertrieben und vielfach umgebracht wurden“, wie er es formuliert, ehe er zu einem Buch greift und ein Gedicht vorliest: Die „Todesfuge“ von Paul Celan, die beschreibt, was die ehemaligen jüdischen Mitbürger erdulden mussten. Das Gedicht pendelt zwischen den Tätern und den Opfern, zwischen dem todesmächtigen Meister aus Deutschland und den Juden, die in der Erwartung ihres Todes leben und arbeiten oder musizieren müssen, ehe sie in den Krematorien verbrannt werden und ein Grab in den Lüften finden.

Künstler und Organisator Gunter Demnig hat sein Stolperstein-Projekt 1992 begonnen. Mehr als 61000 hat er verlegt, alle Stolpersteine ausschließlich in Handarbeit hergestellt, weil dies nach seiner Ansicht im Gegensatz zur maschinellen Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern steht. Stolpersteine finden sich heute in 1200 Städten und 61 Ländern. 18 Steine wurden gestern verlegt, insgesamt 52 finden sich nun in Obernkirchen. Die Namen der 52 Opfer, an die sie erinnern, wurden gestern in einem Gottesdienst noch einmal genannt. Für jeden Namen wurde eine Kerze angezündet.

Jede Flucht bedeutet einen Bruch

Und während Demnig in Vehlen fünf Stolpersteine verlegt, schlägt Hobein den Bogen zu allen deutschen Juden in der Nazi-Zeit und ihrer Suche nach Zuflucht. Mehr als die Hälfte der 500000 deutschen Juden haben nach 1933 ihr Heimatland verlassen, sind in über 100 Länder geflüchtet. „Und wer in den Niederlanden darauf wartete, dass sich die Verhältnisse im Deutschen Reich änderten, der saß in der Falle“, liest Hobein aus dem Buch von Historiker Rolf-Bernd de Groot über das jüdische Leben in der Provinz. Sie flüchten nach Palästina und in die USA, größere Kontingente werden in Lateinamerika aufgenommen, in Chile, Uruguay und Argentinien. Bolivien und Kolumbien nutzt man als befristeten Wartesaal zur Einreise in die USA. Und ganz gleich, wie lange sich der Aufenthalt hinzieht, hat de Groot geschrieben, „so bedeutet die Flucht in eine fremde Kultur, in ein fremdes Klima immer auch einen Bruch in der Biografie von Familien und Einzelpersonen“. rnk

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