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Wind – Neue Zugkraft für die Bahn

Obernkirchen / Elektromobilität Wind – Neue Zugkraft für die Bahn

Er ist Geophysiker, 42 Jahre alt, selbstständig, er hat sich viele Jahre lang auf den Plattformen dieser Welt den Wind um die Nase wehen lassen, jetzt sucht Holger Busche Menschen und Sponsoren für ein Projekt, an dem er seit gut 15 Jahren tüftelt: Mit dem Projekt „Schienenwind“ möchte er der Elektromobilität neue Zugkraft verleihen.

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Nicht nur beim Bahntag, sondern Tag für Tag, Stunde für Stunde: Regionalverkehr bis in die Landeshauptstadt. Dafür sucht Holger Busche einen Sponsor. Eine Strecke gäbe es ja im Landkreis schon. © rnk

Obernkirchen (rnk). Und das ist wörtlich zu nehmen. Sein Plan ist es, gespeicherte Windenergie auf die Schiene zu bringen. Das ist seine Vision, dafür ist er an diesem Tag von Kiel nach Obernkirchen gekommen, um hier, beim Förderverein Rinteln-Stadthagener Eisenbahn, für sein Unternehmen zu werben.

Hintergrund: In vielen Regionen gehen zu nachfrageschwachen, aber windstarken Zeiten Windkraftanlagen vom Stromnetz, da es die Energie nicht mehr aufnehmen kann. Genau in diesem Moment, so Busche, könnte Windstrom günstig gekauft und vor Ort gespeichert werden: in Akkumulatoren oder per Elektrolyse in Wasserstoff. Beiden Methoden sei zu eigen, dass später diese Energie zum elektrischen Antrieb ohne weitere umweltschädliche Emissionen genutzt werden kann.

Neu ist die Idee nicht, gibt Busche sofort zu, „aber sie wird praktisch nie für den Schienenverkehr betrachtet“.

Das war einmal ganz anders, denn für die Eisenbahn waren Akku-Triebwagen, auch Speichertriebwagen genannt, bis 1995 etwas völlig Selbstverständliches: Elektrisch angetriebene Eisenbahn-Triebwagen, deren Antriebsenergie aus Akkumulatoren stammt, die entsprechende Elektromotoren antreiben, gab es schon seit 1887. Nachteilig war die Masse der Akkumulatoren, die das Fahrzeuggewicht erhöht und die Laufleistung pro Batterieladung zwischen 300 und 600 Kilometern begrenzt.

Das will er mit der in Wasserstoff gespeicherten Windenergie in den Griff bekommen. Die soll mithilfe einer Brennstoffzelle die Akkus unterwegs kontinuierlich wieder aufladen. Die Vorteile lagen und liegen auf der Hand, findet Busche: Es ist ein sauberer und leiserer Betrieb ohne Abgase oder gar Kohleverbrauch.

Das ist auf der Straße längst erprobt, dort aber zu aufwendig. Auf der Schiene wäre es wirtschaftlich: Windstrom für unter einen Euro ersetze einen Liter Diesel zu heute 1,40 Euro. „Und die Eisenbahnstrecke muss nicht mal mit einer Oberleitung ausgestattet sein, die spart man auch noch“. Auf der Strecke Rinteln-Stadthagen und weit darüber hinaus würde schon eine Ladestation ausreichen. Einige wenige davon – und ganz Niedersachsen wäre abgedeckt.

Busche, der sich mehr als 20 Jahre lang bei „Pro Bahn“ engagiert und gleichsam nebenbei noch einen Fahrplan entwickelt hat, nach dem schon Züge in Schleswig-Holstein noch heute fahren, weiß natürlich, was er für den Start benötigt. Es sind drei Dinge: Geld, Geld und Geld.

Denn Ziel ist es, die letzten drei Akku-Triebwagen zu kaufen, zu renovieren und auf derzeit stillgelegten Strecken einzusetzen. Und das führt Busche dann nach Obernkirchen.

Zwei der Triebwagen biete man ihm gerade an, die Hälfte der Finanzierung für den Kauf steht, erklärt er: Bis der erste Wagen eingesetzt werden kann, muss rund eine Million Euro aufgebracht werden. Vielleicht, so hofft er, geht es mit einem Stadtwerke-Unternehmen, das sich ein bisschen Innovation auf seine Fahnen schreiben möchte: „Dann lösen wir so gemeinsam die Eisenbahn-Probleme und die Energieprobleme“, erklärt er, während er vorrechnet: Die Strecke sei hier ja schon vorhanden. „Also: Wir machen Nahverkehr, wir fahren direkt nach Hannover.“ Davon ist er überzeugt, und zwar felsenfest: Wenn Stadtwerke das Fahrzeug finanzieren würden, dann könnte man von den Fahrkarten leben.

Als Idealist würde er sich bezeichnen lassen, aber doch in Grenzen: „Ich sehe, dass der Regionalverkehr gewinnbringend ist – und jetzt ist das machbar.“ Seit anderthalb Jahrzehnten plant er an diesem Projekt – „jetzt ist es so weit, dass wir es ausprobieren sollten. Ich will nicht mehr nur theoretisch arbeiten.“ Hier, auf dieser Strecke im Schaumburger Land, da könne man einen Testbetrieb einrichten, da könne man zeigen, dass Wind gespeichert und als Energiequelle auf der Strecke genutzt werden kann. „Nebenbei sammelt man auch noch Erfahrungen, und nächstes Jahr fahren wir alle zur Husum-WindEnergy, der großen Windstrommesse – und zwar im Windspeichertriebwagen“, freut er sich schon.

Dass ein älteres Gutachten der Strecke die Wirtschaftlichkeit abspricht, ficht ihn nicht weiter an. Er hat selbst jahrelang für die Bundesanstalt für Geowissenschaften Gutachten wissenschaftlich bewertet, er sagt es so: „Auf Gutachten muss man gut achten.“

Dann steigt er in seinen Wagen – es geht heute noch nach Hannover, morgen mit dem Zug nach Kiel, wo er weiter für sein Projekt werben wird.

Das war ja schon immer so: Die Heimat des Visionärs ist die Landstraße. Und hoffentlich bald auch hier – der Schienenstrang.

Und nur, weil ein sozialdemokratischer Säulenheiliger aus Hamburg einst verkündet hat, man solle bei Visionen zum Arzt gehen, heißt das ja noch lange nicht, dass andere Menschen nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken dürfen.

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