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Zu fragen traut sich kaum einer

Extremer Haarausfall Zu fragen traut sich kaum einer

Als sie zwölf Jahre alt ist, schlägt die Krankheit das erste Mal zu. Nicole Posnien verliert Haare, viele Haare. Fünfmarkstückgroße Teile fallen einfach aus.

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Obrnkirchen. Das Internet ist noch nicht erfunden, und viel Wissen über die Autoimmunkrankheit gibt es auch nicht, also beginnt für den damligen Teenager eine Odyssee: von einem Hautarzt zum nächsten Spezialisten, von einem Experten zur nächsten Klinik. Posnien erhielt Bestrahlungen, nahm Kalzium und Vitamine, ohne Erfolg. „Ich hing hilflos in der Luft“, erinnert sie sich.

Alopecia areata heißt die Krankheit, die in Schüben verläuft und bei der man kreisrund die Haare verliert. Sie ist nicht heilbar und noch weitgehend unerforscht. 29 Jahre später leidet Posnien an der Alopecia-universalis-Form, also einem totalen Haarverlust am ganzen Körper.

Die 41-Jährige hat sich Anfang Juni an die Redaktion gewandt. Sie möchte sprechen, über ihre Krankheit, an der in Deutschland 1,4 Millionen Menschen leiden. Über die massive Änderung des Äußeren, die mit der Krankheit einhergeht. Über die Reaktionen anderer Menschen, weil sie seit vier Jahren eine Glatze trägt, über Krankenkassen und darüber, wie es sich anfühlt, mit dieser Krankheit zu leben.

Obernkirchen im Juni. Nicole Posnien entpuppt sich im Gespräch als ebenso selbstbewusst wie humorvoll. Sie erzählt von einem Flohmarkt, den sie kürzlich besucht hat. Dort bot ihr ein Händler eine Haarbürste an. Sie hat ihr Käppi abgesetzt, auf ihren kahlen Kopf gezeigt und geantwortet: „Danke, aber diese Wiese ist schon gemäht.“

Ein Käppi setzt sie nur noch selten auf, auch eine Perücke oder ein Kopftuch will sie nicht tragen. Warum auch, sie hat eben eine Krankheit, die dazu führt, dass ihr die Haare ausgefallen sind. Das kann ruhig jeder sehen. Gesundheit, das ist ja auch ein Geschenk, das einem jederzeit genommen werden kann.

Es ist eine Krankheit, bei der oft unterschwellig die Angst vor der Reaktion anderer Menschen mitschwingt. Deshalb vermeiden die Betroffenen häufig soziale Kontakte weitestgehend und entwickeln im Extremfall sogar soziale Phobien oder leiden unter Angstzuständen. Posnien kann dies nachvollziehen. „Es war mir total peinlich.“ Und wenn sie die Krankheit erklären wollte, kam sie schnell an ihre Grenzen: Denn wie erklärt man eine Krankheit, über die selbst die Ärzte und Wissenschaftler wenig Erkenntnisse besitzen? Und so war die häufigste Reaktion Unverständnis, sagt Posnien: Bei Haarausfall, sagen die meisten, da muss man doch was machen können. Kann man nicht.

Vor vier Jahren hat sie einen Entschluss gefasst: „Ich wollte nicht mehr Versuchskaninchen sein“, sagt sie heute. Sie hat sich im Internet umgesehen, und eine Gruppe Frauen gefunden, die eine Glatze trugen, obwohl sie gar nicht krank waren. „Cooler Look“, befand Nicole Posnien, rasierte sich die Resthaare vom Haupt und zupfte sich Augenbrauen und Wimpern raus. „Ich fühlte mich total erleichtert, ich war total entspannt, denn der Druck war raus“, erinnert sie sich an jeden Tag.

Dieser Druck sei zuvor Tag für Tag spürbar gewesen. Sie arbeitet in Stadthagen in einem Baumarkt, ist stellvertretende Leiterin der Gartenabteilung, hat Kundenkontakt. Und natürlich bemerkt sie die Reaktionen, die Fragen der Kinder („Mami, warum hat die Frau keine Haare?“) – und vor allem die Ängste der Menschen, die ihr gegenüberstehen und von denen die meisten denken: „Die Arme, die hat ja voll den Krebs.“

 Mittlerweile sind die Augenbrauen wieder da, es ist Permanent Make-up. Und natürlich hat sie bei ihrer Krankenkasse nachgefragt, ob man einen Teil der Kosten übernehmen könne, denn einige hundert Euro kostet ein vernünftiges Make-up schon, das lange halten soll. Die Antwort war unmissverständlich: Nein, schrieb die Krankenkasse, die Kosten könne man nicht übenehmen, auch nicht zum Teil. Es handele sich hier ja nicht um einen Notfall, sondern um eine rein kosmetische Entscheidung.

Posnien hat das Permanent Make-up dann geschenkt bekommen, zu ihrem 40. Geburtstag. Sie ist dafür nach Hamburg gefahren, wo eine Kosmetikerin ihre Dienste anbietet, einmal im Monat sogar kostenlos. Und weil sie im vergangenen Jahr bei einem Fotoshooting in Soltau teilgenommen hat, ist Posnien heute auf dem Flyer zu sehen. Sie ist, wenn man so möchte, zum Gesicht einer Kampagne geworden.

Im Internet hat sie die entsprechenden Foren der ebenfalls Erkrankten besucht, aber diese auch schnell wieder verlassen, weil man sich dort nur selbst gegenseitig bemitleidet habe – das war nicht ihre Welt. Und wenn sie in diesen Foren erklärt habe, dass es ihr trotz Krankheit gut gehe, dann habe man ihr entgegnet, das sei alles nur Einbildung oder – schlimmer noch – nur Show.

Diese grundsätzliche Jammer- und Leidens-Einstellung findet sie falsch, denn das Leben ist ja nicht vorbei, sondern geht weiter, auch wenn sie keine Haare mehr hat, stellt Nicole Posnien klar: „Ich will nicht mehr als alle anderen, gut drauf sein, das Leben genießen und an ihm teilhaben.“ Bevor sie sich an unsere Zeitung wandte, hat sich Posnien mit ihrem Arbeitgeber abgesprochen: Ist es in Ordnung, wenn sie mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit geht? Aber natürlich, war die Antwort. Den meisten Kunden, sagt Posnien, ist es relativ egal, dass sie eine Glatze trägt, weil sie nur gut beraten werden wollen. Aber sie merke auch, dass viele Kunden wissen wollen, unter welcher Krankheit sie leidet, und dass sich keiner traut, sie direkt zu fragen. Das findet sie falsch, sagt sie: Lieber fragen als anstarren.

„Unsere Gesellschaft“, sagt sie, „ist im Bezug auf Frauen mit einer Glatze leider immer noch sehr intolerant.“ Daher möchte sie anderen Mut machen und darüber aufklären das es diese Erkrankung gibt, die aber kaum jemand kennt, weil viele sich aus Scham unter Mützen, Kopftüchern und in ihrem Schneckenhaus verstecken. Sie sieht es so: „Hätte ich ein Problem, würde ich ja eine Mütze tragen.“

Sie hat ihre Krankheit akzeptiert, aber bis dahin war es ein langer Weg. Und natürlich sei es anstrengend gewesen, aber jetzt, so erklärt Nicole Posnien, „werde ich das alles offen durchziehen“. Sie werde dazu stehen, dass und warum sie eine Glatze trägt. Und seitdem sie sich dazu entschlossen, „seitdem geht es mir gut“.

rnk

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