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Zurück in die Siebziger

Veränderung Zurück in die Siebziger

Die Namen der Weltmeister vo 1974 kennt in Schaumburg zu dieser Zeit jedes Kind. Und Kinder gibt es zu der Zeit viele. 1964 werden in Deutschland 1,4 Millionen Jungen und Mädchen geboren, heute sind es nicht mal mehr die Hälfte. So viele Kinder gibt es, dass fast jeder Dorfverein Mannschaften in allen Jahrgängen melden kann; Spielgemeinschaften sind rar.

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Auf dem Obernkirchener Ochsenbruch ist heute schon alles bereit für das Derby SV Obernkirchen gegen den FC Stadthagen und für die „Aktion 1000“.

Quelle: mk

Obernkirchen. Halbfinale, Endspiel, fertig. Bei Weltmeisterschaften treten 16 Mannschaften an. Da muss man sich erst mal qualifizieren. Die Abwehr hat einen Libero, Vorstopper und zwei Verteidiger. Als die deutsche Mannschaft 1974 gegen Holland das Endspiel gewinnt, sind das Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner und Vogts. Drei Mann spielen im Mittelfeld, einer links (Hoeneß), einer rechts (Bonhof), einer in der Mitte (Overath), dazu gibt es Linksaußen, Rechtsaußen und Mittelstürmer (hier: Hölzenbein, Müller und Grabowski). 4-3-3 heißt das System; und das spielen alle, von den D-11er-Jugend-Teams in Apelern und Krankenhagen bis eben zur deutschen Nationalmannschaft.

 Nicht nur deshalb war Fußball in den Siebzigern und Anfang der Axchtziger ein anderes Spiel.

 Du spielst für „dein Dorf“, fertig. Fußballschuhe haben zwei Farben – Schwarz und in der Regel Weiß –, sind von Adidas oder Puma und haben sechs Stollen (18er Alu). Die Modelle heißen „Uwe“, „Rainer“ oder „Pelé“. Mit neuen „Botten“ war das – mal nebenbei – so: Man trug sie in den Garten, pinkelte hinein und ließ sie trocknen; das sollte – so war die Legende – die Gerbsäure aus dem Leder ziehen und den Schuh geschmeidiger machen. Leder, das für die jüngeren unter uns, ist ein Material, aus dem Schuster Schuhe machten und Fußballmacher Fußbälle. Die Trikots kratzen. Torhüter (heute Keeper) tragen einfarbige Pullover – mit maximal einer Zusatzfarbe. Ein Torwarttrikot wiegt in den Siebzigern zwei Kilogramm, was nicht zuletzt an der Menge Watte liegt, die die Ellenbogen schützen sollen.

 Fußball in den siebziger Jahren, das heißt auch Schürfwunden am Montag, und zwar nicht nur an den Ellenbogen und den Hüften der Torhüter. Ist ja auch kein Wunder. Irgendwann hat kein Platzwart eine Chance mehr gegen die vielen Mannschaften, die beim Training und bei den Punktspielen über seinen Platz traben. E-Jugend, D-7er, D-11er, C-Jugend, B-Jugend, und dann noch beide A-Jugend-Mannschaften. Jeden zweiten Sonnabend. Um 13 Uhr geht es los, ab 18 Uhr spielt dann die letzte Truppe. Jeden zweiten Sonntag geht es um 10 Uhr weiter mit der Dritten, dann die Zweite ab 13.15 Uhr und zum guten Schluss die Erste – Anstoß: 15 Uhr. Da wird der Strafraum spätestens im September zur grasfreien Zone.

 Sonntags, 15 Uhr, das ist der Treffpunkt. „Ich fahre mal zum Sportplatz, Renate.“ „Jau, Schatz, kommt nicht wieder so spät zurück – und nimm das Fahrrad!“ Und da sind dann nicht nur bei den Verbandsligaspielen der großen Stadthäger (FC) und Obernkirchener (SVO) gut und gerne mal mehrere hundert Zuschauer auch auf den Dörfern. „Heinz, wann ist die Bratwurst fertig?“ Das kann dauern...

 In den siebziger Jahren ist Fußball ein anderes Spiel. Wer mitten in der Saison in den Urlaub fahren will, gilt als Verräter und fliegt aus der Truppe: „Der hat ja wohl Lack gesoffen!“ Trainiert wird dienstags und donnerstags, montags geht es in die Vereinskneipe, dort hängt die Bezirksklassen-Tabelle an der Wand, dann wird gerechnet. Reicht es doch noch, wie viele Punkte hat Leese, wie viele Niedernwöhren, wie viele Rinteln? Hängen wir Asendorf und Mandelsloh noch ab? Im Vorteil ist, wer im Sporthaus ein Telefon hat. Das ist sonntags von enormer Bedeutung.

 Wir reden von Kommunikation 1.0. Der Betreuer der Ersten sitzt zwischen 18 und 20 Uhr am Apparat und bedient die Wählscheibe, während die Recken längst das ein oder andere Schaumburger Edelherb zischen. „Ruhe jetzt!“, schreit er in den Raum, und tatsächlich sind alle ganz still. Der Betreuer hat nach dem 30. Wählen den Anrufbeantworter von Claus-Dieter Luchs, dem Pressewart des Fußballkreises, erreicht. Meister Luchs hat die Ergebnisse des Spieltags auf Band gesprochen. Der Betreuer schreit sie in den Raum: Möllenbeck gegen Exten 2:1, Rehren gegen Enzen 2:2, Algesdorf gegen Bad Nenndorf 3:1… Da lässt sich dann trefflich diskutieren, bei ein, zwei weiteren Edelherb (irgendwie muss man den Sonntag ja rumbekommen). Manchmal rückt der Vereinswirt sogar den Schlüssel raus. „Abrechnen nicht vergessen“: Ist klar. Bleiben wir halt noch ein bisschen sitzen.

Von Markus Kater

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