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Bambi zuerst

Möllenbeck Bambi zuerst

Bloß keine Bambi-Situation: Das ist eines der Ziele bei dieser Treibjagd. Die erst in diesem Jahr geborenen Jungtiere dürfen zwar geschossen werden, doch das aus dem Film „Bambi“ bekannte Schicksal eines Rehkitzes, das ohne Mutter aufwachsen muss, möchte man ihnen ersparen.

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Mit Haken, Gurten und Seilen ziehen die Jäger ein erlegtes Wildschwein an den Wegesrand.

Quelle: jak

Möllenbeck. Wenn Jäger Heiko Brede jetzt also ein Reh mit seinem Kitz vor die Flinte läuft, müsste erst das Kind, danach die Mutter geschossen werden. Selbiges gilt auch für Wildschweine. Doch in diese Situation kommt der Förster, der auf seinem Hochstand auf aufgescheuchtes Wild wartet, an diesem Tag nicht.

 Wegen der Kooperation der Revierförsterei Rinteln mit einem Jagdpächter und einem Revier im Lipper Land konnte die gestrige Treibjagd zeitgleich in einem 1200 Hektar großen Gebiet im Möllenbecker Wald stattfinden und mit dreimal so vielen Jägern und Treibern durchgeführt werden. „Für die Tiere ist das besser“, so Brede. So werden sie nur einmal im Jahr derartig aufgeschreckt.

 Plötzlich hetzt ein Wildschwein direkt auf den Hochstand zu. Brede steht auf, legt sein Gewehr an, zielt kurz und schießt. Das Tier stürzt, die Massenträgheit treibt es noch einige Meter weiter. Doch es ist noch nicht vorbei. Dutzende Hunde, schreiende Menschen, der Schmerz der Kugeln: Das ausgeschüttete Adrenalin bei der Jagd treibt es, obwohl laut Brede tödlich getroffen, noch weiter. Zwei weitere Schüsse gibt der Förster ab, beide treffen, kurz darauf zuckt das Tier noch ein letztes Mal und bleibt nur wenige Meter vom Hochsitz entfernt liegen.

 „Normalerweise hätte ich das Tier nicht geschossen“, erklärt Brede kurz nach den Schüssen. Doch ein anderer der etwa 35 Jäger hatte dem Wildschwein bereits in die Vorderpfote geschossen. Auf drei Beinen lief das Tier trotzdem den Hang hinab. Dem langjährigen Jäger fiel auf, dass das Tier krankte, wie es im Jägerjargon heißt, und beendete sein Leiden schnellstmöglich. „In so einem Fall geht es nicht um den optimalen Schuss“, erklärt er.

 Eigentlich hätte man auf das Tier überhaupt nicht schießen sollen, ärgert sich Brede, der beim Landesforstamt arbeitet. Doch nicht immer greifen alle Regeln der Jägerei, wenn jemand alleine auf einem Hochsitz sitzt. Als die Jagd vorbei ist und die Förster die Schüsse der Jäger kontrollieren, stellt sich schnell heraus, dass sich nicht jeder darauf beschränkt hat, das freigegebene Wild zu schießen.

 Welche Tiere bei der Jagd erschossen werden dürfen, gibt der Oldendorfer Forstamtsleiter Christian Weigel vor der Jagd der versammelten Jägerschaft bekannt. Wildschweine dürfen nur als Frischlinge und Überläufer, also in diesem oder im vergangenen Jahr geborene Tiere, geschossen werden. Ältere Keiler oder Leitbachen zu schießen, ist nicht erlaubt. Rehe und Hirsche dürfen geschossen werden.

 Jeder Jäger ist verpflichtet, erst dann zu schießen, wenn er sicher ist, auf das richtige Ziel angelegt zu haben. Wer trotzdem eine Leitbache schießt, muss zahlen: doppelte oder dreifache Jagdbetriebskosten, die sich im angesprochenen Revier auf etwa 250 Euro belaufen. Also blättert man für einen Falsch-Abschuss schon mal 500 oder 750 Euro hin.

 Etwa drei Stunden sitzen die Jäger bei der Treibjagd auf ihren Hochsitzen. Sie vorzeitig zu verlassen, wäre lebensgefährlich. Daher unterdrückt man den Harndrang, packt sich in dicke Jacken, zieht eine lange Unterhose an und harrt der Dinge, die da kommen. Mit speziell trainierten Jagdhunden stapfen währenddessen zahlreiche Treiber durch den Wald und scheuchen die Tiere auf, die sich sonst zu dieser Tageszeit nicht unbedingt blicken lassen würden. Doch nach der Jagd, die dadurch für den Jäger recht bewegungslos verläuft, beginnt die Arbeit erst so richtig.

 Die Kadaver, die man baldmöglichst einem Wildhändler verkaufen will, müssen irgendwie an den Wegesrand gebracht werden, wo sie mit dem Auto abgeholt werden können. Doch das gestaltet sich vor allem bei den 60 oder 70 Kilo schweren Wildschweinen gar nicht so einfach. Vor allem, wenn das Tier im Todeskampf noch einige Dutzend Meter in den Wald gelaufen ist, kommen auch vier Männer gehörig ins Schwitzen, wenn sie den Kadaver Hunderte Meter über den Waldboden ziehen.

 Am Sammelpunkt werden die Tiere aufgebrochen und ausgenommen, ein Team nimmt Blutproben aller Wildschweine. Die afrikanische Schweinepest ist auf dem Vormarsch, die Jäger fürchten auch eine Infektion heimischer Tiere. Später kommt der Kühlwagen eines Wildhändlers, der das Fleisch aufkauft, was die Jäger nicht wollen. Und ob darunter Bambis Mutter war, fällt dem Kunden ohnehin nicht auf. Nur dem Jäger, der diese Situation verhindern sollte. jak

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