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Das Geschäft mit Wolke 7

Agentur für Partnervermittlung Das Geschäft mit Wolke 7

Im Rintelner Rathaus gibt es eine Demografiebeauftragte, die sich mit Themen, wie der Mobilität im Alter, dem Wandel auf den Dörfern und dem seniorengerechten Wohnen beschäftigt.

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Eine Briefkastenfirma in Exten, die neues Liebesglück verspricht: Die Agenturchefin bietet einen Einblick in die Branche.

Quelle: dpa

Exten. Doch der demografische Wandel hat noch einen anderen Aspekt. Auch einsame Senioren suchen neue Partner, nicht nur dynamische Singles um die 30 in ihrer ersten Midlife-Crisis. Die „Best Ager“ mit Zeit und Geld, 50plus, 60plus, das ist ein großer Markt. Im Internet.

 Wer die anonyme Partnersuche im Netz scheut, der großen weiten Welt misstraut, nach Agenturen vor der Haustür sucht, findet Kontaktanzeigen in Zeitungen: „Roswitha, 62, verwitwet, sehr hübsch und mit Körper & Seele jung geblieben.“ Dazu eine Hannoveraner Telefonnummer. Gibt man sich dort als Journalist zu erkennen, ist das Gespräch schnell zu Ende. Auskunft über Geschäftspraktiken? Fehlanzeige.

 Und wer sucht, findet sozusagen direkt vor der Haustür „Wolke 7“ in Exten. Auf einer Homepage, die sich deutlich von anderen unterscheidet. Sie ist auf geradezu rührende Weise wie aus der Zeit gefallen, betulich, keine Spur von Sex, dafür allgemeine Hinweise, wie man sich beim ersten Date verhalten sollte.

 Die Partnervermittlung hat auch eine Adresse: das Rittergut in Exten, hinter der Orangerie. Genauer gesagt, einen Briefkasten. Was im Prinzip kein Problem sein muss, denn für eine Partnervermittlung braucht man nicht viel mehr als einen Schreibtisch, ein Telefon und einen Computer.

 Also ein Anruf bei der Telefonnummer, die sich im Internet findet. Und eine Überraschung: Die Agenturchefin ist bereit zu einem Gespräch. Sie ist zwar misstrauisch, will wissen, was das überhaupt für eine Geschichte werden soll, erklärt sich dann aber doch zu einem Treffen bereit. In einem Café.

 Bei zwei Cappuccino gewährt sie einen, wenn auch eher nebulösen Einblick in die Branche. Sie habe sich auf Senioren spezialisiert, sagt sie. Warum? Weil sie die Wünsche und Probleme der Senioren verstehe. Sie sagt, „Fakes“, also vorgespiegelte Kontakte, wie man sie oft im Internet finde, gebe es bei ihr nicht. „Hinter jeder Anzeige steht ein echter Mensch.“

 Überprüfen lässt sich das nicht. Denn Adressen will sie nicht herausrücken. Sie schildert, sie arrangiere die Termine der möglichen Partner, Zeit und Ort. Sie besuche persönlich die Männer und Frauen, die über sie eine neue Partnerin, einen neuen Partner finden wollen, lasse sich die Lebensgeschichte erzählen, frage nach Vorlieben und Hobbys.

 Das müsse nämlich im Alltag harmonieren. So ein Gespräch könne man nicht zwischen Tür und Angel führen. Dafür müsse man sich Zeit lassen. Ein Aufwand, der bezahlt werden muss. Wie viel? Sie verrät es nicht. Dafür etwas anderes: Für Leute, die schnellen Sex suchen, sei sie die falsche Adresse.

 Senioren, sagt sie, haben ihre eigene Vorstellung davon, wie es weitergehen soll. Hier gehe es nicht mehr um „Bettgeschichten“, sondern vor allem um eine liebevolle Partnerschaft. Ob es wirklich klappt, könne sie nicht garantieren, das könne niemand.

 Aber schon im Vorfeld klären, ob jemand Probleme mit dem Alkohol hat, sich schmutziges Geschirr in der Küche stapelt: „Vor solchen Pannen kann ich meine Kunden schützen.“ Das sei der besondere Service ihrer Agentur, das, was sie von Internet-Kontaktbörsen unterscheide.

 Die Agenturchefin lässt sich schließlich doch zu einem Telefonkontakt mit einer Kundin überreden. Es meldet sich Silvia Bauer (Name geändert), die erzählt, sie habe dank „Wolke 7“ ihr neues Glück gefunden. Das sei nicht selbstverständlich mit 64 Jahren. Ihren Namen will sie nicht veröffentlicht sehen, im Dorf spreche sich schnell herum, wenn man seinen neuen Partner über eine Agentur gefunden habe. Sie habe lange überlegt. Eine Partnersuche auf dem Land als Witwe? Da geht man nicht so einfach in die nächste Kneipe.

 Mit fünf Männern habe sie sich getroffen. Nicht immer sei es glatt gegangen. Einer habe einfach seinen Kaffee ausgetrunken, sie angesehen und ihr gesagt: Mit uns wird das nichts. Er habe nicht mal den Kaffee bezahlt. Der Zweite habe sie gleich in ihr künftiges Arbeitsfeld im Haus einweisen wollen, als Haushälterin gewissermaßen. Dann habe es doch geklappt. In einem Biergarten an einem schönen Sommertag. Eine glaubhafte Geschichte? Eine Geschichte mit Happy End? Es hört sich so an.

 Auf der Homepage der Extener Agentur danken glückliche Paare: Erika und Dieter, Marlis und Günther. Fakes? Die Bilder sind auf jeden Fall nicht echt. Die Fotos der glücklichen Paare sind eingekauft von einer Foto-Agentur. Unter der Rubrik „Glückliche Senioren“ lachen sie einen dort dutzendfach an. Darunter auch Erika und Dieter, Marlis und Günther. Für ein paar Euro kann man das bildgewordene Senioren-Glück kaufen.

 Die Agenturchefin sagt, sie bekomme sogar Ansichtskarten von Kunden, die einen neuen Partner gefunden haben, aus dem gemeinsamen Urlaub. Einmal sei sie zur Hochzeit eingeladen worden.

 Wer im Internet recherchiert, findet zwei Gerichtsberichte über Fälle, in denen Kunden gegen die Agentur geklagt haben. Doch das ist fünf Jahre her. Die Agenturchefin, darauf angesprochen, sagt: Wer in einem so sensiblen konfliktträchtigen Feld wie der Partnervermittlung arbeite, habe schon per se auch Kunden, die nicht zufrieden sind. So gebe es beispielsweise Senioren, die auf halber Strecke der Mut verlässt und die aus der Partnersuche wieder aussteigen. Zum Glück seien solche Fälle selten. Seit 15 Jahren sei sie inzwischen im Geschäft: „Solange hält man sich nicht auf einem hart umkämpften Markt, wenn man nicht seriös arbeitet.“ Auch das hört sich plausibel an.

 Erkenntnis dieser Recherche: Ein Journalist, der sich als Journalist zu erkennen gibt, wird in dieser Branche scheitern. Also bleibt nur die Recherche undercover, als Kunde. Günter Wallraff, übernehmen Sie! wm

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