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Der Klang der Pfützen

Auetal Der Klang der Pfützen

Gehen wir 200 Jahre zurück, in das Jahr 1815. Die Aue wäre nicht wiederzuerkennen, sie wäre breiter und seichter und würde nicht in einem einzelnen Kanal fließen, sondern sich über eine ganze Flussebene verteilen.

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Nick Bücher an der Borstler Sekundäraue: Sie soll in die Fläche fließen – und so Dynamik entstehen lassen. Dann folgt das neue Leben.

Quelle: rnk

Auetal. An ihren Ufern wachsen Auenwälder, die heute fast komplett verschwunden sind. Es gab dort mehr Tierarten zu Land und zu Wasser.

In den nächsten 200 Jahren wurden Flüsse einer sogenannten Rektifikation unterzogen. Sie wurden gekürzt und begradigt, um sie zu einem einzigen Strom zu machen. Das Wasser war dadurch für die Landwirtschaft oder, um an der Aue zu bleiben, von den Mühlenbesitzern leichter zu nutzen. Außerdem fließt es so deutlich schneller und ohne Hindernisse. Der Fluss wird zudem tiefer, was für den Schiffsverkehr von Vorteil ist.

Nun ist der Schiffsverkehr auf der Aue übersichtlich, aber die Nachteile von Flussbegradigungen zeigen sich auch dort, denn durch eine Flussbegradigung wird das natürliche Ökosystem eines Flusses zerstört. Da begradigte Flüsse in der Regel über eine hohe Fließgeschwindigkeit verfügen, erhöht sich die Erosion des Flussgrundes und des Ufers. Als Folge können sich dort weniger Pflanzen ansiedeln, die als natürlicher Lebensraum für weitere Lebewesen fungieren. Daneben verschwinden viele Tier- und Pflanzenarten komplett aus dem Ökosystem eines begradigten Flusses, da ihre Habitate in den kaum bis gar nicht fließenden Bereichen eines natürlichen Flusssystems liegen.

Mit dem Verschwinden dieser Arten sinkt in der Regel auch die Wasserqualität, deren Stabilität wiederum andere Arten zum Überleben benötigen. Durch diese Faktoren entsteht eine Abwärtsspirale in der Biodiversität, also der Artenvielfalt eines Flusses. Diese ökologisch äußerst problematischen Faktoren stehen den wirtschaftlichen Vorteilen gegenüber: Eine gerade Flusskante optimiert die landwirtschaftliche Nutzung. „Es fehlt einfach die Dynamik“, bringt es Nick Büscher auf den Punkt.

Der Rintelner Nabu-Vorsitzende steht in Borstel dort, wo vor Wochen eine zweite Aue entstanden ist, die Sekundäraue, die bei höherem Wasser auf natürliche Weise gefüllt werden soll. Sie soll in die Fläche fließen – und so Dynamik entstehen lassen.

Wo das Wasser kommt, da kommt auch das Leben. Fledermäuse und Libellen dienen die Pfützen, Tümpel und Lachen als Nahrungsquelle, und Schwalben brauchen Pfützen, weil sie dort finden, was sie für den Nestbau suchen; viele Vögel trinken und baden, kurzum: Verschwinden die Pfützen und Lachen, haben viele Arten plötzlich ein großes Problem, denn mit den Kleinstgewässern verschwindet immer auch der Lebensraum. An der Sekundäraue soll er vergrößert werden. Und für Büscher ist die Gelbbauchunke, die dort einen neuen und nächsten Trittstein finden soll, der „Motor der Dynamik.“

Auch in den Lauf der Aue hat der Mensch eingegriffen: Ende der neunziger Jahre wurde der Fluss zwischen Arensburger Papiermühle und Schlingmühle von der südlichen Hangseite nach Norden verlegt. Dabei wurden das historische Wehr und der Mühlengraben der Schlingmühle trockengelegt. Manche Begradigung, etwa im Bereich Cammer und Rusbend, wurde später zurückgenommen, es wurden wieder Schlaufen gelegt.

Wichtig ist das Wasser auch für die Gelbbauchunke, für die unter Federführung des Nabu Niedersachsen gerade ein Millionenprojekt in acht deutschen Bundesländern durchgeführt wird. Auch die beiden Bereiche zwischen Rolfshagen und Buchholz sind Teil des Projektes, ebenso wie die Baustelle in Borstel, wo die Sekundäraue entstanden ist. Es sind Projekte, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar schienen, aber seitdem mit Holger Buschmann ein hauptamtlicher Vorsitzender dem Naturschutzbund Niedersachsen vorsteht, sind die Dinge in Bewegung geraten, und auch Büscher sieht es so: Buschmann habe das Gelbbauchunken-Projekt initiiert, habe es als Pilotprojekt vor Ort ausprobiert, ehe es zum bundesweiten Projekt wurde, bei dem Landkreise, Untere Naturschutzbehörden, lokale Nabu-Gruppen und Abbaubetreiber an einem Strang ziehen. Es ist „professioneller Premiumnaturschutz“, formuliert es Büscher und steht zu dieser Aussage: „Der Erfolg gibt uns recht.“

Die Gelbbauchunke zählt zu den sogenannten Pionierarten, das heißt, der Lurch bezieht freie Gegenden, bevor andere Tiere sich dort ansiedeln. Das liegt an der Lebensweise, mehr als Boden plus Wasser und wenig, am besten gar keine Vegetation – die Gelbbauchunke liebt es anspruchslos.

Und schnell ist sie. Erst kommt der Regen, der füllt die Pfützen, dann kommen die Mikroorganismen, die Mücken, und dann schon die Unken. Viel Zeit haben sie nicht, denn die Zahl der Fressfeinde ist groß, und sie folgen ihnen nach: Molche, Libellen, Käfer. Natürlich besteht die Gefahr, dass eine Pfütze wieder austrocknet und die Eier der Unke vertrocknen.

Der Lurch setzt daher auf eine Dreifachstrategie: Sehr viele Eier – es sind rund 400 –, mehrere Tümpel und drittens seine Ablage der Eier bis tief in den August hinein – so steigen die Chancen, dass zumindest ein Teil des Nachwuchses überlebt. Das Anlegen künstlicher Pfützen und die Renaturierung von Flüssen sollen dabei helfen. Und wenn der Regen kommt, dann kommt das Leben, und Büscher kann ihn dort in Borstel schon hören, den Klang der Pfützen. rnkk

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