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Der „Witwenmacher“

Gedenkstunde zum Starfighter-Absturz Der „Witwenmacher“

Ein Spitzname war schnell gefunden: Das seinerzeit modernste Kampfflugzeug ging Mitte der sechziger Jahre als „Fliegender Sarg“, „Schöner Tod“ und „Witwenmacher“ in die Geschichte ein.

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Die Katastrophe in nackten Zahlen: 116 Piloten haben im Starfighter ihr Leben verloren. 292 der von der Bundeswehr bestellten 916 Flugzeuge stürzten ab. Bundesarchiv

Todenmann. Sogar zu einer eigenen Witze-Kategorie brachte es der Starfighter, ehe er von Ostfriesen und Blondinen abgelöst wurde: „Wie wird man Besitzer eines Starfighters?“ Die Antwort fällt zynisch aus: „Man kauft sich eine Wiese – und wartet.“

Die Katastrophe in nackten Zahlen: 116 Piloten haben im Starfighter ihr Leben verloren. 292 der von der Bundeswehr bestellten 916 Flugzeuge stürzten ab.

Die Geschichte des Lockheed F-104 „Starfighter“ beginnt 1956, als die noch junge deutsche Luftwaffe nach einem neuen Flugzeug sucht, das die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte meistern würde. Die Vorgaben: Doppelte Schallgeschwindigkeit, die Fähigkeit konventioneller und nuklearer Waffenzuladung, eine Allwetterfähigkeit, und das Flugzeug sollte mindestens als Vorserienmodell vorhanden sein. Im Oktober 1958 entscheidet sich das Bundesministerium für Verteidigung zum Kauf der F-104 G und stellt so die Weichen zur Einführung des Starfighters als Hauptwaffensystem für die Luftwaffe und Marineflieger.

Am 29. März 1961 passiert der erste Starfighter-Flugunfall, beide Piloten retten sich mit dem Schleudersitz. Knapp ein Jahr später ereignet sich der erste tödliche Unfall mit einem Starfighter in Deutschland. Der Nachbrenner fällt aus, ein Hauptmann der Bundeswehr wird beim Aufprall getötet.

 „Düsenjäger explodiert in der Luft“ schlagzeilt eine Lokalzeitung am 12. Juni 1965. Am Tag zuvor, es ist ein Freitag, zerschellte um 9.35 Uhr zwischen Todenmann und Eisbergen ein Starfighter an einem Berghang, am Steuer saß der 28-jährige Flugschüler Oberfeldwebel Günter Pethke, der bei dem Unfall ums Leben kam. Zusammen mit seinem Fluglehrer, der eine zweite Maschine flog, war er um 9.20 Uhr auf dem Flugplatz Wittmund zu einem Übungsflug in Richtung Weserbergland geflogen. Über eine Fläche von etwa 300 Meter Länge und 200 Metern Tiefe, so meldet es die Presse, waren an der Unglücksstätte Tausende von Blechstücken verteilt. Die Ursache blieb unklar. Während der Lehrer das Wesergebirge mit seinem Flugzeug bereits überquert hatte, schaffte es Pethke aus nicht ganz klaren Gründen nicht. Es kursierten Gerüchte, dass der Flugschüler „eine Ehrenrunde zum Spaß“ gedreht und dabei die Höhe des Berges unterschätzt haben soll. Heute erinnert ein Gedenkstein am Europäischen Fernwanderweg E11 an das Unglück.

Schaut man sich heute den Artikel im Archiv an, so ist es, als schaue man in das Zeitalter des Paläoproterozoikums: keine Bilder vom Unglück, nicht eins, obwohl die Wülpker Egge auch vor 50 Jahren um die geografische Ecke lag, kein Hinweis auf den Autor, keine Zitate, nur ein namentlich genannter Oberstleutnant Josten, der auf die anstehende Untersuchung verweist. Heute undenkbar: Der Düsenjäger-Artikel erscheint in kleinerer Aufmachung wie der Bericht über das Flugjahr der Taubenzüchter: „Ackmann zweimal mit zwei Tauben vorn“. Während heute ein mediales Gewitter auf Facebook & Co. über die Unglücksstätte sowie Eisbergen und Todenmann und ihre Auswirkungen ergehen würde, geschah damals in der Zeitung: nichts. Das Thema wurde in den nächsten Tagen gar nicht mehr aufgegriffen. Eine mögliche Erklärung: Es war die Zeit des Kalten Krieges: Lieber zu wenig schreiben, als den Kommunisten in die roten Hände spielen.

Und es war ein Jahr der Starfighter-Abstürze: 1965 stürzten 26 Maschinen des berühmt-berüchtigten Typs Lockheed F-104G „Starfighter“ ab, im Schnitt alle zwei Wochen einer. 15 Piloten kamen dabei um. „Witwenmacher“ und „Fliegender Sarg“: Die Schmähtitel für den Überschall-Atombomber waren damals bitterernst gemeint.

Ein Jahr später bekam der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ernsthafte Starfighter-Probleme. Die Öffentlichkeit interessierte sich plötzlich für den Vertragsabschluss mit Lockheed. Vor allem wurde die Frage in den Raum gestellt, warum nicht die nach Meinung vieler Experten technisch eindeutig bessere „Mirage“ gekauft worden war. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt, doch Beweise, dass Strauß sich bestechen ließ, gab es nicht, das Verfahren wurde eingestellt.

Die Gründe für die häufigen Abstürze? Ausfälle und Defekte in allen Bereichen des Flugzeuges. Vor allem Elektronik, Triebwerk und – damit verbunden – die Hydraulik sorgten für Probleme. Zudem war wenige Jahre nach dem Krieg die Bundeswehr kein attraktiver Arbeitsplatz, rund 10000 Mechaniker fehlten. Seitens der Luftwaffe wurde sogar angeordnet, spezielle Komponenten nicht mehr routinemäßig zu warten, sondern erst bei festgestellten Fehlern zu reparieren, da die Mechaniker regelmäßig Fehler bei der Wartung machten.

Und die einzelnen Maschinen unterschieden sich bereits ab Werk in Bezug auf Elektronik, Software und sonstige Ausrüstung. Zudem standen die Flugzeuge mehr oder weniger das ganze Jahr im Freien und waren Wind, Wetter, Hitze und Kälte ausgesetzt, was die Elektronik stark belastete. Aus Kostengründen wurden durch die europäischen Hersteller viele Bauteile anders gefertigt als von Lockheed vorgesehen. Dazu ließ Strauß den Starfighter nachrüsten. Außer dem Bombensystem kamen Dutzende weitere Sonderwünsche hinzu: Autopilot, Infrarotvisier, aufwendige Rechnersysteme, Vielzweckradar und so weiter. Die Piloten mussten sich durch Tausende Seiten von Anweisungen durchkämpfen, allein die Vorschriften für die Wartung wogen fast drei Zentner.

1989 stürzte der letzte Starfighter ab, die letzte F-104G der Bundeswehr hob am 22. Mai 1991 mit weißblauer Sonderbemalung in Manching von der Startbahn ab – danach war der „Witwenmacher“ Geschichte. Hinweis:

Am Donnerstag, 11. Juni, gibt es eine Gedenkstunde zum 50. Jahrestag des Starfighter-Absturzes in der Gemarkung Lohfeld/Eisbergen. Um 10.45 Uhr ist Treffen auf dem Parkplatz des Restaurants „Da Vito“ in Todenmann. Von dort aus geht es in gemeinsamer Fahrt zur Absturzstelle. Für 11 Uhr ist es eine Kranzniederlegung geplant, dann folgt die Rückfahrt zum Restaurant „Altes Zollhaus“ in Todenmann. Um 12 Uhr steht die Begrüßung an, anschließend folgen Redebeiträge von Vertretern des Geschwaders Taktische Luftwaffengruppe „Richthofen“ und der Traditionsgemeinschaft „Richthofen“ sowie eines Starfighter-Piloten und eines Zeitzeugen. rnk

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