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Der Zorn wächst

Ärger mit Motorradfahrern Der Zorn wächst

Es ist schon paradox: Während sich die meisten Menschen freuen, wenn am Wochenende die Sonne scheint, wünschen sich die Anwohner an der K77 zwischen Uchtdorf und Goldbeck am liebsten Regen. Denn dann kommen keine Motorradfahrer, die oft zu schnell und zu laut sind. Bis zu 100 Maschinen in der Stunde haben Anwohner schon an Sonntagen gezählt. Und es sind in den vergangenen Jahren immer mehr geworden.

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Stinksauer: Anwohner machen ihrem Ärger Luft.

Quelle: wm

WENNENKAMP. Die Taubenberger sind stinksauer – und sie machten am Dienstagabend in der Ortsratssitzung ihrem Ärger Luft. Im Versammlungsraum des Feuerwehrgerätehauses war kaum genug Platz für alle. Die Bürger fühlen sich seit Jahren von den Behörden im Stich gelassen und haben deshalb eine neue Bürgerinitiative gegründet. Aktueller Anlass für den Frust: Der Vorschlag des Ortsrates, in Wennenkamp eine 30-Stundenkilometer-Zone einzurichten, ist von der Verwaltung vom Tisch gewischt worden. Begründung: rechtlich nicht zulässig.

Ortsbürgermeister Bodo Budde war klug genug, für eineinhalb Stunden die Spielregeln einer Einwohnerfragestunde außer Kraft zu setzen, damit alle Bürger zu Wort kommen konnten. Einer der Wortführer der neu gegründeten Bürgerinitiative ist Friedel Garbe, ein Mann, dessen Stimme Gewicht hat. Er ist schließlich auch Rintelns Stadtbrandmeister: „Wir müssen etwas unternehmen, damit die ,Heizerei’ aufhört.“ Die Anlieger würden es nicht mehr hinnehmen, dass ihr Leben und ihre Gesundheit von Motorradrasern gefährdet werden. Garbe nannte als Beispiel: Es gebe keine Bushaltestelle in Rinteln, wo man wie auf dem Taubenberg mit 100 Stundenkilometern vorbeirasen dürfe. An der Raserstrecke gebe es 42 Hofeinfahrten, wo sich einige Bewohner am Wochenende nicht mehr auf die Straße trauten.

Viele Unfälle laut Anwohner

Was die Anwohner nicht nachvollziehen können: Der Protest der Bürger in Westendorf hatte Erfolg. Die Unabhängigkeitsstraße ist für motorisierte Zweiräder gesperrt. Ebenso die ehemalige Kreisstraße (heute Privatstraße) zwischen Krankenhagen und Möllenbeck. Warum nicht die K77 zwischen Uchtdorf und Goldbeck? Bisher war ein Argument der Straßenverkehrsbehörde, dass eine solche Sperrung nicht notwendig sei, weil es dort kaum Unfälle gebe. Das sei falsch, sagen Anwohner: Es gebe viele Unfälle und Beinahe-Unfälle. Jeden Sonntag kämen Motorradfahrer von der Straße ab. Diese Unfälle würden nur nicht registriert, weil sie glimpflich abgingen.

Besonders wütend macht die Anwohner, dass Biker nicht nur einfach über den Taubenberg touren. „Die fahren rauf und runter, immer dieselbe Strecke. Da werden Rennen ausgetragen und mit der Helmkamera gefilmt. Die treffen sich auf dem Parkplatz und sprechen das ab“, klagt ein Bürger. „Wir haben Biker mal gefragt, warum macht ihr das? Antwort: Weil es Spaß macht.“ Und wenn man dann etwas sage, würden Schläge angedroht.

Im Laufe der Diskussion kam auch die Rolle der Polizei zur Sprache. Und diese kam nicht immer gut weg. Meinung der Anwohner: „Erst kommen sie gar nicht, dann mit dem Streifenwagen statt mit einem Zivilwagen.“ Das spreche sich bei den Bikern schnell herum. Garbe warb für Verständnis: Das Revier sei unterbesetzt. Ein Anwohner berichtete: Jörg Schröder von der Stadtverwaltung habe ihm einmal empfohlen, Anwohner sollten entlang der Kreisstraße ihre Fahrzeuge abstellen. „Das haben wir gemacht.“ Kurze Zeit später sei die Polizei da gewesen und habe einen Platzverweis erteilt.

Wie sauer die Anwohner inzwischen sind, lässt sich aus Wortmeldungen ermessen:

 „Muss es denn erst Tote geben?“

 „Wenn die Behörden keine Lösung haben, kann es doch nicht sein, dass Bürger zur Waffe greifen müssen.“

 „Unsere Häuser und Grundstücke verlieren an Wert.“

 „Ich finde für meine Wohnungen keine Mieter mehr.“

 „Die fahren am Pfingsttor zehn Meter vor der Theke vorbei, da kommen keine Gäste mehr.“

 „Eltern fahren über Volksen nach Rinteln, weil sie Angst um ihre Kinder haben.“

 „Wenn alles nichts hilft, werden wir klagen oder eine Petition im Landtag einbringen.“

„Die überholen dich mit hundert auf dem Hinterrad und zeigen dir den Stinkefinger.“

„Wir sind nach Wennenkamp gezogen, weil wir aufs Land wollten, wo es ruhig ist. Jetzt will meine Frau lieber heute als morgen wieder weg.“

Nicht alle Biker gelten bei den Taubenbergern als böse Buben. Bodo Budde outete sich selbst als Biker, betonte aber, er würde diese Strecke nicht mehr fahren. Nur wie soll man die Bösen stoppen, ohne alle anderen ebenfalls zu treffen? Garbe schlug vor, zunächst mehr öffentliche Zeichen zu setzen. Als erste Maßnahme werde man mithilfe eines Sponsors eine mobile Geschwindigkeitsanzeige anschaffen. Die Erfahrung habe gezeigt, dass das wirke. Dann empfahl er, sofort die Polizei anzurufen, wenn sich auf einem Parkplatz Gruppen bilden, die sich möglicherweise zu Rennen verabreden. Und dann könne man doch mal „eine Wanderung“ auf der Kreisstraße von Uchtdorf bis Goldbeck organisieren. „Wenn da 50 Leute unterwegs sind, würde mich mal interessieren, was die Biker dazu sagen.“

Und es gibt noch ein Risiko, das sich wohl niemand ausmalen will. So ist unter anderem in Ostenohe bei Nürnberg (2016), in Haßbergen in der Main-Region (2014), in Stolberg in der Eifel und in Petting (Allgäu) von Motorradhassern Öl auf die Fahrbahn gekippt worden. Mehrere Biker wurden schwer verletzt. Die Polizei wertet solche Aktionen als versuchte Tötung. Im Februar 2013 starb deshalb ein Familienvater.

factbox

Die Stadt hat den schwarzen Peter

Obwohl die Motorradstrecke von Uchtdorf bis Goldbeck eine Kreisstraße ist, sei für verkehrliche Maßnahmen dort als Straßenverkehrsbehörde die Stadt zuständig, hat Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises, gestern auf Anfrage erklärt. Wenn es um den Einbau von Schwellen gehe, müsste das der Landkreis als Straßenbaulastträger zwar übernehmen, aber auch hier nur in Abstimmung mit der Stadt Rinteln. Wenn man die K 77 für Motorradfahrer sperren wolle, müsse zuerst rechtlich geprüft werden, ob das möglich sei. Einwohner halten entgegen: Niemand muss Motorrad fahren, das ist heute ein reines Freizeitvergnügen.

Weitere Optionen sind in der Diskussion:

- Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Stundenkilometer: Einwand der Anwohner: Was nützen Schilder, wenn sie ignoriert werden, weil niemand kontrolliert?

- Einbau von Schwellen oder Rüttelstreifen in den Kurven wie vor Vlotho: Einwand von Anwohnern: „Ich möchte da nicht jeden Tag darüber rumpeln.“ Andreas Wendt vom Bauamt wies darauf hin, dass das den Winterdienst unmöglich mache (was bezweifelt wurde), weil man abnehmbare Schwellen nicht einbauen dürfe. Am Köterberg sind die Rüttelstreifen wieder entfernt worden, weil sie keine Wirkung mehr hatten.

- Mehr Geschwindigkeitskontrollen durch die Polizei: Daran glaubt niemand, weil es schon bisher nicht funktioniert. In Hessen soll die Polizei künftig mit einem Zivilmotorrad unterwegs sein.

- Stationäre Messanlagen (Starenkästen): In der Bodensee-Region gibt es Orte, in denen vier Blitzer hintereinander stehen. Das Problem: Rasende Motorradfahrer kommen oft ungestraft davon, weil weder Kennzeichen noch der behelmte Fahrer zu erkennen sind.

- Eine bessere Aufklärung: Denn die Strecke ist gefährlich, es fehlen Leitplanken und ein Unterfahrschutz, die Bäume sind nah. Das halten die Anwohner für wirkungslos. Selbst das zerstörte Motorrad, das 2016 in Wennenkamp demonstrativ ausgestellt worden war, hat nur wenige veranlasst, zu bremsen.

Und was kann man gegen den Lärm tun? Da müsste zuerst die Industrie abrüsten. Oft ist der richtige „Sound“ mit ein Kriterium beim Motorradkauf. „Krawallig, bissig, satt“ soll er sein, suggeriert die Werbung. Unstrittig ist aber längst, dass dieser Lärm krank macht. wm

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