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Drittklässler verprügeln Mitschüler

Grundschule Deckbergen Drittklässler verprügeln Mitschüler

Krise an der Grundschule Deckbergen: „Seit den Sommerferien gibt es täglich einen Zwischenfall an unserer Schule“, erzählt Schulleiterin Claudia Buschke. Am vergangenen Freitag musste sie die Polizei zu Hilfe rufen, weil drei Drittklässler einen Klassenkameraden verprügelt hatten.

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Nicht immer geht es auf dem Schulhof in Deckbergen so friedlich zu.

Quelle: la

Deckbergen. „Die Kinder haben sich völlig verweigert und wollten nicht wieder ins Gebäude kommen“, erzählt Klassenlehrerin Miriam Skoruppa. Da sie selbst die Klasse nicht verlassen konnte, um dort nicht ihre Aufsichtspflicht zu verletzen, und sich obendrein um den Jungen kümmern musste, der geschlagen worden war, rief sie die Schulleiterin dazu. „Ich konnte nicht anders handeln, als die Polizei zu rufen und die Mitarbeiter der Hirschkuppe in Steinbergen zu verständigen, denn dort leben die drei Jungen“, rechtfertigt sich Buschke. Gemeinsam hätten Polizei und Hirschkuppen-Mitarbeiter die Jungen gesucht und schließlich im nahen Wald gefunden.

Das Ganze klingt nach einer Ausnahmesituation, aber im Gespräch mit der Schulleiterin sowie den Lehrerinnen Miriam Skoruppa und Anika Golgath wird deutlich – das ist Alltag an der Grundschule Deckbergen und auch an den weiteren Rintelner Grundschulen.

„Bei uns sind die Probleme etwas geballter, denn wir haben derzeit elf Kinder aus der Hirschkuppe und noch weitere aus dem Schaumburger Kinderhaus und aus Familienbetreuungen. Das sind alles Kinder mit emotionalen-sozialen Auffälligkeiten“, erläutert Buschke. Die Betreuung sei so nicht mehr zu leisten. Die Lehrkräfte fühlen sich alleingelassen vom Schulträger, der Stadt Rinteln, vom Land Niedersachsen und vom Jugendamt des Landkreises.

Lehrer im "pädagogischen Zehnkampf"

„Wir sind pädagogische Zehnkämpfer, müssen Aufgaben als Streitschlichter, Polizisten, Kinderpsychologen, Familientherapeuten, Krankenschwestern, Sekretärinnen, Ersatzmamas, Rechtsanwälte, Organisationsprofis, ach ja und auch die von Lehrern ausfüllen. Das geht so nicht. Hier hat Inklusion seine Grenze“, so Buschke.

Die Kinder könnten nichts dafür. Sie kämen aus zerrütteten Familien, hätten in ihrem kurzen Leben schon viel durchgemacht und seien daher emotional und sozial auffällig. „Die Kinder mit emotional-sozialem Status machen das nicht mit Absicht. Sie sind schlicht überfordert, und zwar nicht, weil sie dumm sind. Ganz im Gegenteil, viele sind sehr intelligent, aber sie sind einfach überfordert mit vielen Situationen“, erklärt Skoruppa.

Sie hätten so viel im Kopf, dass ein Funken reiche, um sie zum Ausrasten zu bringen. „Dann laufen die Kinder aus dem Unterricht, begehen immer wieder Sachbeschädigungen. Und wenn ihnen dann ein anderes Kind zufällig über den Weg läuft, weil es gerade von der Toilette kommt, dann schlagen die emotional-sozial auffälligen Kinder schon mal zu.“ Verurteilt werden diese Kinder an der Grundschule Deckbergen dafür nicht.

Keine Rahmenbedingungen für Inklusion

„Diesen Kindern muss geholfen werden, aber dazu müssen wir speziell geschulte Fachkräfte haben“, mahnt Buschke. Außerdem müssten die Schulgebäude entsprechend modernisiert werden. Man könne nicht die Förderschulen abschaffen, Inklusion einführen und nicht für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen.

„Kinder mit körperlichen Einschränkungen oder lernschwache Kinder sind kein Problem. Dafür gibt es die sonderpädagogische Grundversorgung, und wir haben pro Kind zwei zusätzliche Stunden pro Woche“, sagt Buschke. Für die Kinder mit emotional-sozialem Status habe sie zusätzliche Stunden als Zusatzbedarf beantragt, aber nicht alle bekommen. „Wir haben mehr betroffene Kinder, aber weniger Stunden als im vergangenen Jahr. Das geht einfach nicht“, so Buschke.

Wünschenswert sei für jede Grundschule ein fester Sozialpädagoge, also eine feste Bezugsperson für die Kinder. „Außerdem brauchen wir einen speziellen Raum, zum Beispiel mit Boxsack, wo sich die Kinder zurückziehen und auspowern können“, meint Golgath.

"Schlechte Zusammenarbeit" mit dem Jugendamt

Doch die Schule werde mit den massiven Problemen alleine gelassen. „Die Stadt Rinteln als Schulträger müsste für eine bessere räumliche Situation sorgen, die Landesschulbehörde für zusätzliche Lehrerstunden und Sozialpädagogen. Und das Jugendamt des Landkreises müsste zum einen schneller arbeiten, zum anderen mehr an das Kindeswohl denken“, so Golgath. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt benennen alle drei Frauen als schlecht. Der Sachbearbeiter sei im Urlaub, krank oder auf Fortbildung und überhaupt nur zweimal pro Woche telefonisch erreichbar. „Das Bearbeiten von Anträgen dauert viel zu lange“, klagt Skoruppa und erzählt von einem Fall, in dem bereits 2012 eine Kindeswohlgefährdung beim Jugendamt angezeigt worden ist und erst für kommenden November endlich ein Hilfe-Plangespräch anberaumt wurde. „Das geht doch so nicht“, so Skoruppa

Ihr Wunsch wäre ein völlig neues pädagogisches Schulsystem. „An unserem 45-Minuten-Takt und dem Fächerkanon wurde seit Jahrzehnten nichts verändert. Das passt nicht mehr in den heutigen Schulalltag“, so Buschke. Nicht ohne Grund hätten Waldorf- oder Montessori-Schulen einen solchen Zulauf. „Es geht uns auch um unsere ,normalen’ Schüler. Die fallen derzeit hinten runter, weil wir viel zu viel Zeit für die auffälligen Kinder benötigen“, so Buschke, die alle Politiker einlädt, einmal einen Schultag lang an ihrer Grundschule zu hospitieren. „Dann werden die Politiker sicher merken, dass es so nicht weitergehen kann und dass Rahmenbedingungen verändert werden müssen.“ la

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