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Ein ganzes Leben in Kohlenstädt

Kohlenstädt / Einwohnerporträt Ein ganzes Leben in Kohlenstädt

Die älteste Bewohnerin und der jüngste Einwohner Kohlenstädts leben unter einem Dach. Ihr ganzes Leben verbrachte Lieselotte Sievert in dem von ihrem Vater 1929 gebauten Haus.

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Die älteste und der jüngste Kohlenstädter.

Quelle: jak

Von Jakob GOkl Kohlenstädt. „Geboren, getauft, konfirmiert, verheiratet und immer in Kohlenstädt“, erzählt Sievert stolz. Seit zwei Jahren wohnt auch ihr Urenkel Nevio (2) mit seinen Eltern in dem Haus. „Der ist immer auf den Beinen“, freut sich Sievert über den agilen Wirbelwind. Nachdem Nevios Mutter Jennifer Di Noi einige Jahre in Hannover gelebt hatte, zog sie zurück in das Haus in Kohlenstädt. „Ich wollte meinem Sohn die gleiche schöne Kindheit ermöglichen“, erklärt sie, wieso es sie zurückgezogen hat. Sievert wird bald ihren 80. Geburtstag feiern, hier in Kohlenstädt, wie sie es immer tut.

 Eigentlich wäre der runde Geburtstag ein Anlass für eine große Feier. „Früher kam dann fast der ganze Ort zusammen“, erinnert sich Sievert. Es wurden kleine Sketche aufgeführt und gesungen, es wurde sich verkleidet und musiziert. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist Sievert ein plattdeutscher Sketch, den sie auf einem dieser Abende aufgeführt hat. Noch heute kann sie den Text auswendig, wie sie schnell vorführt. „Aber eigentlich spreche ich kein Platt mehr“, erklärt Sievert. Ihre Eltern hätten noch untereinander Platt kommuniziert. Doch mit ihrer Tochter sprachen sie Hochdeutsch. „Ich weiß auch nicht warum“, meint Sievert.

 Und auch in der Schule sei dann nur noch Hochdeutsch gesprochen worden. Schüler aller vier Stufen wurden damals noch in einem Raum unerrichtet, erinnert sich die Kohlenstädterin. „Wir mussten immer unglaublich ruhig sein, wenn die anderen ein Diktat geschrieben haben.“ Auch der Rohrstock sei noch zum Einsatz gekommen. Vor allem aber bei den älteren Jungen.

 Sievert, deren Vater Bürgermeister von Kohlenstädt war, als der Ort noch eigenständig gewesen ist, lebte während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen Flüchtlingen in einem Haus. „Für uns Kinder war das toll“, erinnert sie sich, „von der Gefahr haben wir nichts mitbekommen.“ Später wohnte auch eine Familie aus Schlesien in dem Haus – und amerikanische Soldaten aus der Kaserne in Hessisch Oldendorf. „Ich konnte kein Englisch, die kein Deutsch“, erzählt die Rentnerin lachend, „aber mit Händen und Füßen haben wir uns verständigt“.

 Mit 18 Jahren lernte sie ihren Mann kennen, mit 20 heirateten die beiden. „Gefeiert wurde natürlich wieder hier im Haus.“ Aber nicht nur das. Auch gewählt wurde hier. „Die Urne stand mitten bei uns im Wohnzimmer“, erinnert sich Sievert. Jedes Mal sei davor die Polizei gekommen, um alles zu kontrollieren. „Das fanden wir wahnsinnig spannend.“

 Noch ein weiteres Mal wurde es in Sieverts Nachbarschaft so richtig spannend. „Eine Razzia“, erzählt Sievert, „wenn das mein Vater mitbekommen hätte.“ Zunächst wunderte sich Sievert nur über das laute Gebell –„dabei leben hier doch gar keine Hunde“. Von ihrem Balkon sah sie dann das große Polizeiaufgebot in Kohlenstädt. Während einer großen Razzia wurde in Kohlenstädt eine große Hanfplantage hochgenommen (wir berichteten). „Ich fragte mich davor schon immer: ,Wieso brennt im Dachfenster immer Licht‘?“, erzählt Sievert. „Aber so etwas erwartet man doch nicht.“

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