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Fürst lässt Gnade walten

Hohenrode Fürst lässt Gnade walten

Regionalhistoriker Uwe Kurt Stade, der die Geschichte von Hohenrode erforscht, hat im Staatsarchiv in Bückeburg besondere Dokumente gefunden: insgesamt 20 Seiten, Protokolle, Notizen und Briefe über den Prozess gegen eine Frau aus Hohenrode die im Jahr 1569 der Zauberei beschuldigt worden ist. Das war die Zeit, in der überall in Deutschland die Scheiterhaufen brannten.

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Mit seiner in Rinteln 1631 gedruckten Streitschrift gegen Hexenwahn leistete der Jesuit Friedrich von Spee einen Teil zur Aufklärung seiner Zeitgenossen.

Quelle: tol

Hohenrode. Für diese Zeit völlig ungewöhnlich: Die Beschuldigte, die Ehefrau Anneke Hartog hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass gegen sie ein regulärer Hexenprozess eröffnet worden ist. Wäre es dazu gekommen, hätte sie bei der damals gängigen Praxis Folter und Tod zu erwarten gehabt. Deshalb nennt Stade Hartogs Fall auch „extrem selten und außergewöhnlich“.

Wie die historischen Papiere ins Staatsarchiv gekommen sind, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Stade ist auch eher zufällig bei seinen Nachforschungen über Hohenroder Auswanderer auf die Dokumente gestoßen. Leider sagt Stade, seien es keine Gerichtsakten im eigentlichen Sinn, dadurch geben die Dokumente auch nicht vollständig den Fall wieder. Gerichtsakten seien es eben auch deshalb nicht, weil die Sache gewissermaßen im Vorfeld einer regulären Verhandlung geregelt worden sei. Trotzdem sagt Stade, ließen die Dokumente und Notizen Rückschlüsse auf die damaligen Ereignisse zu.

Der Mann, der die Hohenroderin angezeigt hatte, war wohl ein Nachbar, Berthold Schlingwasser. Anneke Hartog entgegnete Schlingwasser mit einer Klage wegen „Injurien“, „Nachrede der Zauberei“ und Verleumdung.

Was die Frau wohl letzten Endes gerettet hat: Hartog war eine geborene de Dumen, die Dumens eine alteingesessene, angesehene Familie. So ergriffen sofort ihre Brüder Johann und Diedrich energisch Partei für ihre Schwester und schrieben dies „Otto Grave zu Holstein und Schaumburg und Sternenberger Grave“.

Den Graf, später Fürst, der 1544 die Regierung übernommen hatte, schildern Historiker als für die damalige Zeit relativ aufgeklärten Mann: „Er modernisierte die Verwaltung, führte die Reformation ein.“ Er war wohl einer der Regenten dieser Zeit, denen der Historiker und Buchautor Richard Marius einen „toleranten Skeptizismus“ attestierte.

Deshalb – darf man annehmen – hatte der Graf wohl keine große Lust, in dieser heiklen Geschichte sofort eine Entscheidung zu fällen. Er holte sich nämlich zunächst einmal Rat beim „Capittel auf dem Berge“ zu Hildesheim, zuständig für alle Angelegenheiten der Kirche. Dann lud der Graf alle Beteiligten auf das Schloss Stadthagen zu „gütlicher Verhandlung“. Geladen wurde dazu auch der damalige Hohenroder Bürgermeister Hinrich H. Bauermeister und weitere nicht namentlich genannte Anwohner. Zugezogen wurde auch der Dorste, also der „Truchsess“ und Hofhalter, Frantz Lüningh.

Der Frau wurde ein vom „Capittel auf dem Berge“ ausgearbeiteter Fragenkatalog mit 14 Punkten vorgelegt. „Leider gibt es diesen Fragenkatalog nicht mehr“, bedauert Stade. Die Verhandlung endete wohl ohne Entscheidung, denn Anneke Hartog erhielt für den 7. April 1570 „Freytag nach Quasimodo“ eine erneute Vorladung nach Stadthagen. Was dabei geschah, weiß man nicht, ein Protokoll dieser Verhandlung findet Stade nicht in den Akten. Dafür die Entscheidung des Grafen: Anneke wurde rehabilitiert, lebte weiter in Hohenrode wie auch ihre Nachkommen. Ihre Tochter wurde 1590 in Kleinenwieden urkundlich genannt, wie Heimatforscher Werner Kölling festgestellt hat.

Berthold Schlingwasser, der die Hohenroderin beschuldigt hatte, eine Hexe zu sein, trat im Dorf nicht mehr in Erscheinung. Der Name Schlingwasser tauchte erst 1590 wieder in Rumbeck auf. Es gab möglicherweise sogar eine Versöhnung zwischen den Familien vermutet Stade, das könne man aus einem Dokument schließen, in dem ein Schlingwasser als Trauzeuge für eine Hochzeit in der Familie der Hartogs genannt wird.

Von der Reformation hatten Hexen damals keine Hilfe zu erwarten. Martin Luther, der 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Kirchentür in Wittenberg genagelt hatte, war überzeugt, dass es Schadenszauber und „Teufelsbuhlschaft“ von Hexen gab, die für alles Ungemach verantwortlich gemacht wurden: die extreme Kältewelle, verbunden mit Missernten, Hungersnot und Krankheiten. Der Spuk endete erst gegen 1650.

Mit Anteil daran, dass sich nach mehr als 100 Jahren Hexenverfolgung die aufgeklärteren Zeitgenossen durchsetzen konnten, hat sicher auch der Jesuit Friedrich von Spee, der 1631 in Rinteln vom Universitätsdrucker Petrus Lucius seine Streitschrift gegen den Hexenwahn hatte drucken lassen. wm

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