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Gesucht: Die Weser

Engern Gesucht: Die Weser

Lag Engern früher auf der anderen Weserseite? Nicht etwa, weil das Dorf umgezogen ist, sondern sich die Weser ein neues Bett gesucht hat? Das ist die Frage die Stefan Meyer, Leiter des Universitäts- und Stadtmuseums, Karl Heinz Pörtge, emeritierter Professor für Geografie, Juniorprofessorin Wiebke Berbermeier von der Freien Universität (FU) Berlin und ihr Team zu beantworten versuchen.

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Bodenprobe:Wiebke Berbermeier ist optimistisch, dass das Material aus einem Weseraltarm stammt.

Quelle: wm

ENGERN. Pörtge und Meyer halten es aufgrund alter Karten und Berichte für denkbar, dass Engern und Exten nicht durch die Weser getrennt waren.

Landschaftsarchäologin Berbermeier soll jetzt für diese These den naturwissenschaftlichen Beweis liefern. Dafür hat sie mit einem Team, darunter ihr Mann Jan Krause, auf einer Wiese neben dem Sportplatz Bodenproben entnommen. Auch Krause ist an der FU wissenschaftlich tätig. Hilfreich war für die Probebohrungen, dass Berbermeier aus Engern stammt, ihr Vater den Kontakt mit dem Landwirt hergestellt hat, dem die Wiese gehört.

Wetter und Menschen verändern die Landschaft

Bis zu fünf Meter tief bohrten die Sonden und das, was sie hochholten, wertet Berbermeier aus. Ihre erste Einschätzung: Das sei eine „Rinnenfüllung“. Kies und Sedimente sprächen durchaus für einen Weseraltarm. Genaueres werden nachfolgende Untersuchungen zeigen. Sie habe sich diese Stelle auf der Wiese ausgesucht, so Berbermeier, weil man dort auf einem natürlichen Damm stehe, der zwischen Weser und Aue entstanden sein könnte. Eine Theorie, warum der Altarm verlandet und heute Wiese ist, warum sich die Weser ein neues Bett gesucht hat, gibt es auch: Es könnte ein extremes Hochwasser, vielleicht sogar die „Magdalenenflut“ im Jahr 1342 gewesen sein, die dort die Topografie neu gestaltet hat.

„Außer den Menschen seien es vor allem Wettergroßereignisse, die eine Landschaft grundlegend verändern“, sagt Pörtge. Und damit die Lebensbedingungen der Anwohner. Man müsse sich das mal plastisch vorstellen: „Wie gehen Menschen damit um, wenn sie ihr Dorf plötzlich auf der anderen Weserseite finden?“

Nicht die einzige Veränderung der Weserlandschaft. Pörtge nennt ein Beispiel: Man könne sich darüber wundern, warum bei einem mittleren Weserhochwasser heute in einigen Dörfern das Wasser bereits in der Nähe einer Kirche steht. Haben das die Leute früher nicht besser gewusst? „Doch“, sagt Pörtge, „die ersten Dörfer sind nämlich auf natürlichen Talsandinseln gebaut worden, haben im Verhältnis zur umgebenden Aue noch deutlich höher gelegen als heute.“ Nicht die Inseln sind niedriger geworden, sondern die Landschaft darum herum höher. Wälder wurden gerodet, abgespülter Ackerboden hat sich als Aue-Lehm abgelagert und damit das Niveau der Talaue angehoben.

Ertrunken auf dem Weg nach Exten

Dass Engern einst auf der anderen Seite der Weser gelegen haben könnte, hat schon Walter Maack vermutet, Heimatforscher und Journalist. Dazu muss man wissen, Engern ist älter als Rinteln, hatte einen Königsstuhl, also ein eigenes Freigericht, und war vermutlich Querungsplatz der Weser. Auch das befestigte Gut Echtringhausen der Familie von Zerssen könnte im Mittelalter am Fluss gelegen haben. Es gibt Karten (unter anderem von 1773) und Strukturen in der Landschaft, die das nahe legen. Auch Meyer hält diese Überlegung für stichhaltig.

Engern und Exten waren einst ein Kirchspiel, die Kirche Mittelpunkt des Dorflebens. Warum sollte man Dörfer als Kirchspiel zusammenfassen, die in der Realität durch einen breiten Fluss getrennt sind?

Das muss also später passiert sein. Man geht davon aus, dass der Weserlauf mindestens seit dem Jahr 1500 dort verläuft, wo er heute ist. Es gibt einen Bericht in der „Lichenchronik“ des 16. Jahrhunderts, dass lange zuvor 20 Personen, die mit dem Boot zur Christmette nach Exten über die Weser setzen wollten, ertrunken seien.

Ein spannender Beruf

Konsequenterweise wurde dann auch Engern dem Kirchspiel Steinbergen zugeordnet. Es gibt noch viel zu forschen: Auch das Kloster Möllenbeck könnte bei seiner Gründung an der Weser gelegen und damit eine strategische Bedeutung gehabt haben.

Eine letzte Frage an die Juniorprofessorin: Wie wird man Landschaftsarchäologin?

Sie habe sich für Umweltwissenschaften interessiert, so Berbermeier, und gleichzeitig keinen reinen Büroberuf gewollt. Über die Umweltwissenschaften sei sie auf die Landschaftsarchäologie gestoßen. Dass sie heute in Engern nach einem Weseraltarm forscht, hat auch eine familiäre Parallele: Ihr Vater hat im Wasserwerk Engern gearbeitet und schon berufsbedingt beobachtet, wo Hochwasser in den Wiesen stand.

Ihr Beruf führt sie sogar in die weite Welt. So hat sie mit ihrem Mann schon im Mittelmeerraum geforscht und in Sri Lanka – dort speziell nach antiken Stauseen. Stauseen sind keineswegs eine Errungenschaft der Industrialisierung. Berbermeier sagt: „Die Menschen waren früher nicht dümmer als heute und haben schon damals Lösungen bei Wasserknappheit gefunden und nachhaltige Strategien beherrscht“. wm

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