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Gräber statt Räder

Archäologischer Fund in Westendorf Gräber statt Räder

Vier Quadrate, mit Schnur und Messlatten abgesteckt, ein orangefarbener Schirm, ein Campingtisch mitten in der Pampa in der Westendorfer Feldmark: Das ist eine Woche lang der Arbeitsplatz von Joachim Schween gewesen, einem freiberuflichen Archäologen aus Hameln. Exakt da, wo zwei Windräder aufgebaut werden sollen.

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WESTENDORF. Die Funde werden die Windräder weder stoppen noch verzögern, doch was Schween entdeckt hat, ist ein Fenster in die Vergangenheit: ein mehr als 2000 Jahre altes Brandgrubengrab. Ein Grab aus der „vor-römischen Eisenzeit“. Das Wesertal mit seinen fruchtbaren Böden war schon damals gut besiedelt.

Schween sagt, wenn Archäologen in einer Stadt graben, stoßen sie mit fast hundertprozentiger Sicherheit auf Funde. Aber hier, mitten auf einem Feld, das gebe es nicht so oft. So gesehen müsse man als Archäologe dem Investor „Planet Energy“ dankbar sein, dass er im Rahmen der Bauvorbereitung für die Windräder den Mutterboden abgeschoben hat.

Wie muss sich der Laie das Szenario vor über 2000 Jahren am Fundort vorstellen? Schween sagt, seine „Arbeitshypothese sei, dass Cherusker – also nach dem landläufigen Verständnis Germanen – Holz aufgeschichtet, einen Scheiterhaufen gebaut und darauf einen Toten oder eine Tote verbrannt hätten. Danach seien die Knochen in eine Grube gelegt und ein kleiner Hügel aufgeschüttet worden.

Knochenreste und Keramikscherben

Anders war damals auch die Landschaft mit ausgeprägten Hügeln, Senken und Weseraltarmen, der Wald war näher. Heute ist das von der Landwirtschaft nivelliert worden.

Woher weiß Schween, dass es eine Brandgrabstätte ist? Es ist fast eine Arbeit wie bei der Spurensicherung, die man aus Krimis kennt. Der schwarz eingefärbte Boden und Reste von Holzkohle seien es gewesen, die ihn aufmerksam gemacht hätten. Bei seiner Grabung habe er dann sogenannten „Leichenbrand“ gefunden, das sind weißgeglühte Knochenreste. Bei der heutigen Feuerbestattung bleibt nur Asche zurück, weil die Krematorien mit höheren Temperaturen arbeiten als man mit einem Scheiterhaufen erzielen kann.

Außerdem entdeckte Schween mehrere Keramikscherben, darunter ein Henkelstück. Er habe mit Kollegen auch mit einem Metalldetektor das umliegende Gelände abgesucht aber außer Metallteilen von landwirtschaftlichen Geräten nichts gefunden.

Warum könnte die Grabstätte nicht ein Urnengrab sein, wie sie in Krankenhagen auf dem „Knickbrink“ gefunden worden sind? „Weil dann“, sagt Schween, „die Knochenreste nicht verstreut über eine große Fläche gelegen hätten.“ Und bei einer Urnenbestattung wären die Knochen gesäubert worden, dann fände man an der Grabstätte keine Holzkohlenreste.

Details aufnehmen, dann kommen die Bagger

Gibt es hier auch Spuren von Römern? „Bisher nicht“, sagt Schween. Man habe auf einem Luftbild eine rechteckige Fläche beim Gut Echtringhausen entdeckt. „Die Vermutung, dort könnte es sich um ein Römerlager handeln, hat sich aber nicht bestätigt.“

Was passiert mit dem Fund? Die Brandbestattungsstätte wird von Schween fotografiert, gezeichnet, vermessen und beschrieben. Man findet sie dann in einer archäologischen Datenbank. Das war es. Dann kommen wieder die Bagger, die Stätte verschwindet.

Kosten sind gedeckt

Es ist vor allem die veränderte Gesetzeslage, die immer mehr archäologische Funde möglich macht. Denn inzwischen müssen bei jeder größeren Baumaßnahme Archäologen hinzugezogen werden. Da der jeweilige Bauherr die Kosten trägt, ist meist auch die Finanzierung einer Ausgrabung gesichert. Es kommt nicht wie früher immer darauf an, dass das Amt für Denkmalpflege einen Etat für eine Ausgrabung bereitstellt.

Was war sein bisher spektakulärster Fund, den er begleitet hat? „Neun sorgfältig bearbeitete Steine, etwa eine Tonne schwer, auf dem Kiesgelände von Eggersman in Ahe, die man im Jahr 2009 gefunden hat“, sagt Schween. „Steine aus dem Jahr 1711 mit den Initialien BC.L.Z.H.“ Die Inschrift steht für „Carl, Landgraf zu Hessen“. Bestens erhalten, weil sie vermutlich bei einem extremen Weserhochwasser unterspült und über drei Meter tief versunken waren. So tief, dass sie damals nicht wieder geborgen werden konnten. Die Steine haben vermutlich den Treidelpfad für Pferde markiert. we

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