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Schwimmenlernern in Möllenbeck Grenzen austesten

Auf einer großen Wiese, etwas versteckt und abseits der Hauptstraße stehen einige verlassene Zelte. Daneben liegen zwei Hunde im Schatten, es sind fast 30 Grad. In der Ferne hört man einige Kinderstimmen und das Plätschern von Wasser, ansonsten ist alles ruhig.

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Meik Pyka (Mitte) hilft den Jugendlichen beim richtigen Auswerfen der Angel.

Quelle: Mona

Von Mona Ohms Möllenbeck. Diese Idylle erleben gerade 14 Jugendliche, die eine Woche am Möllenbecker See verbringen. Gemeinsames Angeln, Fußballspielen und Schwimmen ermöglichen den Kindern ein außergewöhnliches Erlebnis, das sich grundlegend von ihrem sonstigen Alltag unterscheidet. Denn das einwöchige Angelcamp ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Eben-Ezer aus Lemgo, des österreichischen Anton-Afritsch-Kinderdorfs und der „International Guidingtours“.

 Die Kinder und Jugendlichen im Alter von neun bis 22 Jahren kommen aus sozial schwachen Familien und wohnen derzeit in betreuten Wohngruppen mit festen Strukturen. Oft fehlen ihnen die Kontakte zur Außenwelt, die andere Kinder etwa durch Sportvereine oder die Nachbarschaft aufbauen können.

 Um dem entgegenzuwirken, bietet das Angelcamp eine alltagsferne Situation, in der vor allem auf das Miteinander der Gruppe gesetzt wird. Auf diese Weise wird den Kindern ein Vertrauen entgegengebracht, das ihnen sonst nur selten widerfährt. „Denn wie sollen sie ihre Grenzen kennenlernen, wenn sie die nicht austesten dürfen?“, erklärt einer der Betreuer.

 Gegenseitiger Respekt und eine Beziehung auf Augenhöhe sind die Basis, auf der das ganze Camp funktioniert. Und das überraschend gut: Die Kinder aus den unterschiedlichen Einrichtungen sind sofort zu einer Gruppe zusammengewachsen. Spannungen waren zu keiner Zeit zu spüren. Sogar zwei Jungs, die früher immer wieder durch aggressives Verhalten auffielen, sitzen plötzlich zusammen im Boot und rudern gemeinsam über den See.

 Immer wieder kommt es zu Vergleichen zwischen Deutschland und Österreich, den Supermärkten, den Schulsystemen und der Sprache. „Anfangs dachten meine Kids, die anderen sprechen Französisch“, erzählt Mark Bergmann, Mitarbeiter der Stiftung Eben-Ezer und Betreiber der „International Guidingtours“, lachend. Auch einer der österreichischen Betreuer, Thomas Hirschbauer, kann von diesen Unterschieden ein Lied singen: „Wir wären nie auf die Idee gekommen, einem Jugendlichen, der schwimmen kann, eine Schwimmweste anzuziehen. Aber in Deutschland ist das wohl vorgeschrieben.“ Durch Zufall lernte er Bergmann beim Skifahren kennen, und schon war das gemeinsame Projekt geboren.

 Hirschbauer entwickelte in Zusammenarbeit mit Samuel Pailer bereits 2014 die Idee für Erlebnispädagogik dieser Art, die den Jugendlichen einen Ausstieg aus ihrem Alltag ermöglicht, Grenzen neu absteckt und ganz neue Beziehungsstrukturen vermittelt.

 Die Finanzierung wird vor allem durch Spenden gewährleistet. Außer der großzügigen Hilfe der Stiftung und der österreichischen Hilfskampagne „Licht ins Dunkel“ haben sich verschiedene Vertreter der Angelbranche gefunden, die durch Spendenaktionen mithelfen.

 „Besonders der Fischereiverein Kalletal unter der Leitung von Dirk Heistermann hat dieses Erlebnis möglich gemacht“, sagt Bergmann begeistert. Die Mitglieder hatten nicht nur die Nutzung der Fläche rund um den See ermöglicht, sondern kommen auch als tatkräftige Unterstützung ins Camp.

 So sind gemeinsames Angeln, Kochen und Spaßhaben nur einige der Erfahrungen, die die Kinder mit zurück in ihren Alltag nehmen können. Denn außer dem Schwimmenlernen oder dem Erwerben eines Angelscheins zeigen sich schon nach wenigen Tagen Entwicklungen, mit denen vorher niemand gerechnet hätte: Die sonst aufgedrehten Kinder sitzen abends friedlich zusammen am Steg und starren gebannt auf die leuchtenden Köder im Wasser. Völlig ruhig beobachten selbst die größten Rabauken die Wasseroberfläche.  mon

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