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Hobbyhistoriker rekonstruiert Lovestory

Hohenrode / Geschichte Hobbyhistoriker rekonstruiert Lovestory

Im frühen 19. Jahrhundert hat es viele Gründe gegeben, das Schaumburger Land in Richtung USA zu verlassen: Es war praktisch unmöglich, aus seinem sozialen Stand auszubrechen. Auf dem Land hatte nur einer der Geschwister die Chance, den Hof zu erben, jungen Männern drohte der Militärdienst.

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Eine Zeichnung von Carl Offterdinger aus dem Jahr 1873: „Auf dem Deck eines Auswandererschiffes“. So oder so ähnlich sind wohl auch Wilhelm und Wilhelmine nach Amerika ausgewandert. 

Quelle: pr.

Hohenrode.  Doch bei einem Hohenroder Paar war es wohl vor allem die Liebe, die sie alle Hindernisse überwinden ließ. Sie hieß Wilhelmine Prasuhn, er hieß Wilhelm Kertz. Sie waren Nachbarskinder: Die Höfe grenzten aneinander – der Vollmeier Hof 1 und Halbmeier Hof 7. Und beide hatten wegen der vielen älteren Geschwister nicht den Hauch einer Chance, auf den Höfen ihr Auskommen zu finden.

 Liebe, das war im Jahr 1880 allerdings noch kein Argument, wenn ein Paar zusammenkommen wollte. Wer wen heiraten durfte, bestimmten die Eltern. Im Falle von Wilhelm und Wilhelmine, einer in ihren Augen völlig nutzlosen Verbindung ohne Vermögen, wollten die Väter, die sich zudem seit Jahren nicht grün waren, dann auch auf keinen Fall etwas wissen. Ob sich die beiden Liebenden in Hohenrode heimlich getroffen haben? Man darf es vermuten. Doch die Lage für Wilhelm und Wilhelmine schien aussichtslos.

 Ermittelt hat die spannende Hohenroder Lovestory aus alten Akten im Bückeburger Archiv und aus Familienunterlagen Uwe Kurt Stade. Dieser befasst sich für ein Buch schon über ein Jahr lang mit der Geschichte der Familien, die aus Hohenrode ausgewandert sind, nicht nur in die USA, sondern auch in andere Länder. Und Stade fand heraus, dass die Lovestory von Wilhelm und Wilhelmine in den USA sogar ihr „Happyend“ fand. Wilhelm wandert als Erster im Frühjahr 1882 nach Amerika aus. Die Überfahrt dauerte damals je nach Wetterlage um die 45 Tage. Auf einer zweimastigen Brigg oder dreimastigen Bark drängten sich bis zu 250 Passagiere, die meiste Zeit auf den Zwischendecks. Vielleicht war Wilhelm auch schon auf einem der Dampfschiffe unterwegs, die ab 1850 eingesetzt wurden. Die Passage war acht Tage kürzer, aber dafür sehr teuer. Dokumente darüber gibt es nicht.

 Wilhelm hatte ein Vorbild und ein Ziel: Er wollte zu seinem bereits ein Jahr zuvor ausgewanderten Bruder Ludwig nach Kansas. Wilhelmine folgte Wilhelm im Herbst. Klammheimlich und ohne väterliche oder sogar behördliche Genehmigung. In ihren Entschluss ist sie wahrscheinlich auch dadurch zusätzlich bestärkt worden, dass ihre ältere Schwester Caroline, die ganz „offiziell“ ausgewandert war, schon seit 1881 in Kansas lebte. Wilhelm und Wilhelmine heirateten in Kansas und lebten in Round Mound in Nachbarschaft zu Wilhelms Bruder.

 „Die Urkunden zeigen“, sagt Stade, „dass das Ehepaar kinderlos geblieben ist.“ Wilhelm starb 1931, Wilhelmine 1948. Ihre Gräber sind bis heute erhalten. Und Stade ermittelte weitere Details: Wilhelmine beantragte 1887, nachdem ihre Mutter in Hohenrode gestorben war, nachträglich eine Auswanderungsgenehmigung und Entlassung aus dem Untertanenverband Preußens. Dies schloss mit ein, dass sie auf ihr Gemeindebürgerrecht in Hohenrode verzichtete. Das Dokument befindet sich im Besitz der Familie von Renate Prasuhn.

 Angeregt durch die Korrespondenz mit Wilhelmine um die Erbschaft wanderte schließlich auch Wilhelms Bruder Heinrich noch im gleichen Jahr, im August 1887, ebenfalls nach Amerika aus, allerdings nicht nach Kansas. Seine Spur verliert sich.

 Wilhelms Bruder Ludwig oder Louis Kertz, wie er sich in den USA nannte, hatte bereits 1882 in Kansas Friederike Wilhelmine Luhmann aus Großenwieden geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos und dauerte bis 1906.

 Louis zweite Frau wurde Martha, die älteste Tochter des Hohenroder Kantors und Lehrers Müller. Martha war 24 Jahre jünger als Louis. Mit ihr adoptierte er zwei Kinder, die beide nicht überlebten. Martha starb im Jahr 1916.

 So heiratete Louis zum dritten Mal, praktischerweise die zweite, jüngere Müller-Tochter Margarete, damals 27 Jahre jünger als er. Sie gebar 1921 endlich einen leiblichen Erben, nämlich Karl-Heinz, genannt Henry. Louis und Margarete starben bei einer Typhus-Epidemie 1936 in Oakley.

 Ihr Sohn Henry wurde ein regional berühmter Mann, der für seine Verdienste um das Gemeinwesen – er stand lange unter anderem dem Lions Club vor – sogar einen Platz in der „Hall of Fame“ von Kansas bekam. Er hat in späteren Jahren noch die Heimat seiner Eltern – Hohenrode – besucht. 1996 starb er an Krebs.

 Auf dem Friedhof in Natoma (Osborne County, Kansas) sind sie alle vereint, ihre Gräber sind bis heute erhalten geblieben. Die Autohandelsfirma Kertz gibt es immer noch. Das Haus, das Henry erbaute, heißt bis heute das „Kertz-Building“. wm

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