Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Kein neuer Arzt in Sicht

Engern Kein neuer Arzt in Sicht

Seit Januar dieses Jahres ist die Praxis von Peter Oehlgrien an der Hildesheimer Straße in Engern geschlossen. Oehlgrien sagt, ein neuer Kollege könnte eigentlich sofort einziehen und loslegen: „Es ist alles noch da, die Geräte, Computer, Ultraschall, EKG.“

Voriger Artikel
Praxis bleibt verwaist: Ärztin sagt ab
Nächster Artikel
Bei Starkregen muss die Feuerwehr ran

Peter Oehlgrien ist jetzt als Notarzt für das DRK in Rinteln und Stadthagen tätig.

Quelle: wm

Engern. Zweimal sei die Praxis bisher von der dafür zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) ausgeschrieben worden, bisher ohne Erfolg.

Oehlgrien arbeitet inzwischen als Notarzt für das DRK in Rinteln und Stadthagen mit festen Schichten und „netten Kollegen – einem guten Team“, wie er ausdrücklich betont. Er hält auch nicht damit hinter dem Berg, warum er mit 61 Jahren die Praxis aufgegeben hat. Denn aus Altergründen hätte er nicht aufhören müssen. Der Gesetzgeber hat jüngst sogar die Altersbegrenzung für Ärzte aufgehoben. Früher endete die Vertragsarztzulassung automatisch mit 68 Jahren.

Oehlgriens Stichworte werden auch viele andere Ärzte kennen: eine ausufernde Bürokratie, viele Patienten mit hoher Anspruchshaltung, die ganz bestimmte Medikamente verschrieben haben wollen oder sogar brauchen, auf der anderen Seite gedeckelte Budgets, was wiederum zu Konflikten mit den Krankenkassen und zu Regressansprüchen führt. Damit müssen sich er und sein Rechtsanwalt noch heute beschäftigen.

Oehlgrien war in seiner Zeit als niedergelassener Arzt das, was man sich unter einem klassischen Hausarzt vorstellt – das heißt, er machte auch noch regelmäßig Hausbesuche, war im Notfall rund um die Uhr erreichbar. Rund 1200 Patienten habe er im Quartal versorgt, schildere Oehlgrien.

Nach Auskunft von Dr. Uwe Köster von der Presseabteilung der KVN in Hannover entspricht diese Zahl einer guten durchschnittlichen Praxis eines Allgemeinmediziners. Und Köster erklärte, warum die Praxis sofort wieder besetzt werden könnte, obwohl Rinteln rein statistisch als „überversorgt“ mit Ärzten gilt: Dabei gelte zunächst als Regel der Bestandschutz, außerdem sei Engern noch ein Gebiet mit einem „Sonderversorgungsbedarf“. Grundsätzlich ist Rinteln aber für eine Neuzulassung nach wie vor mit einer ärztlichen Versorgung von 116,7 Prozent „gesperrtes Gebiet“. Allgemein gilt: Auf 1614 Einwohner sollte ein Arzt kommen – in Rinteln sind es pro Arzt 1379. Da ist also noch Luft nach oben.

Wie geht es weiter nach einer zweimaligen erfolglosen Ausschreibung im „Niedersächsischen Ärzteblatt“? Noch sei die Praxis in Engern im Bedarfsplan als besetzt aufgeführt, schilderte Dr. Bernhard Specker von der Bezirksstelle Hannover. Doch die KVN werde nach einer gewissen Zeit dann prüfen, ob der Sitz abgemeldet werden muss.

Vor Engern sind die Hausarztpraxen in Steinbergen und Krankenhagen geschlossen worden. Damit gibt es in den 15 Dörfern der Stadt Rinteln nur noch drei Arztpraxen: in Todenmann (Dr. Walter Steuber), Deckbergen (Dr. Rainer Jankowski), Exten (Dr. Bernd Pietzka und Petra Gericke).

Praxenschließungen auf den Dörfern könne man aber nicht automatisch mit einem Ärztemangel gleichsetzen, betont Specker, sondern das bedeute in erster Linie weitere Wege für die Patienten. Was eben besonders die Senioren trifft. Der nächste Arzt nicht weiter als 15 Autominuten entfernt? Das war einmal das Ideal. Wer nicht mehr selbst Auto fährt oder niemand in der Familie hat, der ihn zum Arzt bringt, hat dann ein Problem: Taxis sind teuer, der öffentliche Nahverkehr unzureichend. Das beklagen Senioren immer wieder in Leserbriefen und am Lesertelefon. Man komme zwar morgens zum Arzt, weil dann Schulbusse fahren, aber meist nicht mehr innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens zurück.

Dr. Peter Kalbe ist Bezirksausschussvorsitzender der KVN und hält vor allem die Altersstruktur der noch praktizierenden 19 Hausärzte in Rinteln für ein „tickende Zeitbombe“. Das Durchschnittsalter der Ärzte betrage 56 Jahre, sechs Ärzte sind älter als 60 Jahre.

Warum es so schwierig ist, junge Ärzte für eine Praxis in ländlichen Regionen zu gewinnen, fasste Specker so zusammen: Viele junge Ärzte scheuten das unternehmerische Risiko einer eigenen Praxis, wollen nicht mehr rund um die Uhr erreichbar sein, sondern verlässliche Arbeitszeiten.

Eine mögliche Lösung für ländliche Räume sei die Gemeinschaftspraxis in der Stadt, die durch gemeinsame Nutzung der Medizintechnik die Kosten drückt und durch die Vertretungsmöglichkeiten den Arbeitsdruck auf den einzelnen Arzt.

Für den Patienten auf dem Dorf bleibt trotzdem das Problem: Wie hinkommen? wm

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg