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Kirche zeigt Kunst die kalte Schulter

Hattendorf Kirche zeigt Kunst die kalte Schulter

Die Pause beim Konzert der jungen Musikelite nutzt Moderator Peter Apel, um sich bei den Musikern zu entschuldigen. In der Hattendorfer Kirche ist es bitterkalt, vorgeheizt wurde nicht, und mancher Besucher erinnert sich mit Freude daran, dass im Auto noch eine wärmende Decke liegt – und holt sie. Auch Apel kann sich später einen Seitenhieb nicht verkneifen.

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Das „Quartet Berlin Tokyo“ präsentiert sich in der Hattendorfer Kirche in bestechender Form.

Quelle: rnk

Hattendorf. Es bleibe zu hoffen, dass beim nächsten Konzert in der St.-Eligius-Kirche Wärme nicht nur von der Musik, sondern auch vom Interieur gespendet werde, sagte Apel.

Auf dem Konzertprogramm standen „zwei schwere Brocken“, wie es Apel formulierte. Dass das „Quartet Berlin Tokyo“ die beiden Streichquartette von Carl Nielsen und Johannes Brahms souverän meistern würde, das war später keine ganz große Überraschung, schließlich hatte Apel in seiner Einführung dezidiert darauf verwiesen, dass alle vier Musiker als Solosolisten hervorragend seien und dass man sich seit der Gründung des Quartetts „in allerkürzester Zeit auf eine Reise durch die Preise“ begeben habe. Hoch dekoriert seien alle vier, meinte Apel: „Heute wird Klasse geboten.“

Der dänische Komponist hat seinen Aufstieg zum Weltruhm nicht mehr erlebt, den begründete der große Leonard Bernstein. Zu recht, denn bis zum letzten Tag seines Lebens war Nielsen ein nach musikalisch neuen Wegen Suchender, der eingängige Melodien so komplex und verwirrend verarbeitet, dass bis zuletzt stilistisch offene Werke entstanden. Er habe, so Apel, die neue Zeit in sich gespürt.

Da wird man mutig, so wie das „Quartet Berlin Tokyo“: Gerade mit einem immer noch unterschätzten Komponisten wie Nielsen zu glänzen, erfordert Repertoire-Witz. Es muss eben nicht immer der altbekannte Werkekanon sein. Das Streichquartett Nr. 4, op. 44, zeigt sich im ersten Satz dynamisch und kommt im zweiten Satz richtig auf Touren: Die Musiker jonglieren sich, ohne die Melodie jemals zu verlassen, durch die Tonarten, dass es eine Freude ist, ehe die Stimmung im dritten Satz zwischen elegisch und energisch schwankt, wobei das Quartett vor dem Hattendorfer Altar erfahren die Balance hält. Die gewaltige Intensität, mit der sich drei Japaner und ein Israeli durch dieses Quartett spielt, ist gewiss nichts für Nebenbei-Hörer; sie zwingt zum Zuhören. Für den abschließenden Satz findet Apel das schöne Wort vom „Tonartenverschwendungsspiel“, weil sich Komponist und Interpreten nicht an einer Tonart festhalten können; heiter bis wolkig, bitter bis zart: Große Musiker spielen große Musik, und das kommt beim Publikum beides an. Dass in der Kirche sich lediglich 30 Zuhörer einfinden, kann auch darauf zurückgeführt werden, dass es zeitgleich in nahezu allen Städten des Landkreises Klassikkonzerte zu hören gibt. Und oft erhält Altbekanntes den Vorzug – Ludwig van Beethoven ist jedem ein Begriff, aber wer kennt schon Carl Nielsen?

Nach der Pause wird dann Brahms geboten: das Streichquartett Nr. 2, op. 51-2, für das der Meister 20 Versuche und etliche Jahre benötigte, bevor das Stück seinen Vorstellungen und Anforderungen genügte. „Es war eine Zangengeburt“, scherzt Apel. Das Streichquartett belegt, dass Brahms keineswegs in der Romantik hängen geblieben ist, und es verlangt in seiner technischen Finesse den Musikern einiges ab. In Hattendorf dient es als Beleg, warum das „Quartet Berlin Tokyo“ hoch dekoriert ist.

 Dabei wird von den vier Musiken nicht auf vordergründige Wirkung gespielt; Dynamik und Tempo bewegen sich im normalen Rahmen. Es ist die pure Interpretation, die einen packt. Jedes Thema, jede Phrase ist wohldurchdacht, aber nicht überinterpretiert. Man merkt, dass das Quartett kein zufällig zusammengewürfelter Haufen Solisten ist, bei denen es zu einer Solokarriere nicht gereicht hat. Die vier Musiker spielen im wörtlichen Sinn zusammen und sind sich in der Interpretation absolut einig. Jeder ordnet sich ein und unterwirft sich dem schlüssigen Gesamtkonzept.

„Quartet Berlin Tokyo“: Der Name steht nicht nur für diese beiden Metropolen, vielmehr verläuft zwischen ihnen ein Weg – und um diesen geht es den jungen Künstlern. Nicht zufällig fühlen sie sich daher der Musik Béla Bartóks verpflichtet und der von ihm angestrebten Synthese zwischen Osten und Westen. Und so gibt es zum Schluss noch eine Delikatesse: Als Zugabe spielen sie den dritten Satz des fünften Streichquartetts von Béla Bartók: das große Finale eines grandiosen Konzertes. fw

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