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Landarzt – eine aussterbende Spezies

Rintelner Ortsteile verlieren Mediziner Landarzt – eine aussterbende Spezies

„Der typische Landarzt ist eine aussterbende Spezies“, sagt Dr. Peter Kalbe, Bezirksausschussvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).

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 Dr. Peter Kalbe plant eine zentrale Bereitschaftsdienstpraxis im neuen Klinikum.

Quelle: peb

Rinteln. „In absehbarer Zeit wird es in den Ortsteilen von Rinteln so gut wie keine Hausärzte mehr geben.“ Diese Aussage unterstreicht der Trend: In den vergangenen Jahren wurden in Steinbergen (2011), Krankenhagen (2012) und Engern (2014) drei Hausarztpraxen geschlossen. Sie konnten nicht wieder besetzt werden. In der Kernstadt konnten dagegen die frei gewordenen Hausarztsitze nachbesetzt werden.

Die Altersstruktur der 19 Hausärzte in Rinteln gleicht einer tickenden Zeitbombe. Das Durchschnittsalter beträgt 56 Jahre. Sechs Ärzte sind älter als 60 Jahre. In weniger als zehn Jahren könnten viele Hausärzte fast gleichzeitig in den Ruhestand gehen. Da droht der Kollaps in der hausärztlichen Versorgung.

Aber der Gesetzgeber hat reagiert und die Altersbegrenzung für Ärzte aufgehoben. „Früher endete die Vertragsarztzulassung mit 68 Jahren. Heute darf ein Hausarzt unbegrenzt lange arbeiten“, erklärt Kalbe.

Trotz des Ärztemangels auf dem Land – derzeit gibt es nur noch in Todenmann, Deckbergen und Exten eine hausärztliche Versorgung – ist die Weserstadt rein rechnerisch überversorgt. Der hausärztliche Versorgungsgrad beträgt 116,7 Prozent. Ein Hausarzt betreut durchschnittlich 1379 Patienten, nach den Zahlen des Bedarfsplanes dürfen es in Rinteln bis 1614 sein. „Besondere Finanzierungsprogramme der KVN greifen erst bei einer Unterversorgung mit einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent“, erläutert Kalbe.

Nach Aussage des KVN-Bezirksausschussvorsitzenden hätten sich die Patienten nach der Schließung der Hausarztpraxen in Steinbergen, Krankenhagen und Engern sofort neu orientiert, andere Praxen hätten die Patienten aufgenommen, und das zeige, dass doch noch Kapazitäten in den Praxen frei seien. „Die Schließung von Praxen in den Ortsteilen bedeutet für den Patienten in erster Linie ein Komfortverlust. Die Wege zum Arzt werden länger und unbequemer. Deshalb kommt dem öffentlichen Personennahverkehr eine große Bedeutung zu. Der muss sicher stellen, dass der Patient auch zum Arzt kommt“, fordert Kalbe.

Die Gründe, warum junge Mediziner nicht auf dem Land oder in einer niedergelassenen Praxis arbeiten wollen, sind vielfältig. Laut KVN ist es oft die Angst vor dem Unternehmertum. Junge Ärzte scheuen, eine Praxis zu gründen. Denn die Übernahmekosten sind hoch, und wegen des komplizierten Honorarsystems fehlt es ihnen an Planungssicherheit.

Die Ärzte beklagen zu viel Bürokratie, gedeckelte Budgets und Regressdrohungen, wenn zu viele Behandlungen oder Medikamente verschrieben werden. Junge Ärzte wollen lieber ein festes Gehalt, Urlaub und Freizeit. „Man möchte nicht mehr am Wochenende und immer ansprechbar sein“, sagt Kalbe. Vielfach ist der Partner ebenfalls ein Akademiker, und der hat eine Chance auf Arbeit fast nur in der Stadt.

Eine große Rolle spielt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 66 Prozent der Studierenden sind Frauen (weil sie das bessere Abiturzeugnis haben) – sie möchten in Teilzeit arbeiten und geregelte Arbeitszeiten haben. „Junge Ärzte fragen oft nach der Häufigkeit von Bereitschaftsdiensten. Sind es deutlich mehr als sechsmal im Quartal, dann lehnen sie dankend ab“, weiß KVN-Funktionär Kalbe. „In Schaumburg gibt es vier Bereitschaftsdienstbereiche: Rinteln/ Auetal, Bückeburg/Bad Eilsen, Stadthagen und Bad Nenndorf/Rodenberg. Die KVN möchte jeweils zwei Bereiche zusammenfassen, für die tiefe Nacht soll es nur einen Gesamtbereich geben“, erläutert Kalbe die Pläne der Kassenärztliche Vereinigung, um die Anzahl der Bereitschaftsdienste zu senken. „Es gibt Bestrebungen, eine zentrale Bereitschaftsdienstpraxis im neuen Klinikum zu schaffen. Dieses Modell ist aber noch in der Ärzteschaft umstritten. Die Ärzte wollen lieber ihren Bereitschaftsdienst von zu Hause aus machen.“

 In den vergangenen Jahren ist auch ein Strukturwandel zu beobachten – weg von der Einzelpraxis auf dem Land, hin zur Gemeinschaftspraxis in der Stadt. „Junge Ärzte sind grundsätzlich bereit, in Kleinstädte zu gehen, aber Kleinstädte mit 50000 Einwohnern und mehr.“ Einzelpraxen hätten keine Zukunft mehr, Gemeinschaftspraxen seien das neue Geschäftsmodell. Dieses Modell biete die Chance, in einer freien Praxis als Angestellter zu arbeiten, so Kalbe.

 „Gründen zwei Ärzte, jeder mit einer Zulassung, eine Gemeinschaftspraxis und beantragen eine Angestelltenzulassung, dann wäre es möglich, diese Angestelltenzulassung in mehrere Teilzeitjobs aufzugliedern. Das können Teilzeitjobs mit 50 oder 25 Prozent sein. Dieses Modell eignet sich vor allem für Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren möchten“, erläutert Kalbe.

 Derzeit arbeiten 7000 Ärzte in einer freien Praxis und 8000 in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) als Angestellte. Die Zahl nimmt stetig zu. Gerade jungen Medizinern bietet die ärztliche Tätigkeit im Angestelltenverhältnis Vorteile wie die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln ohne finanzielles Risiko, ein festes Gehalt und den Anspruch auf allgemeine gesetzliche Regelungen wie Mutterschutz, Elternzeit und Elterngeld. „Die Gemeinschaftspraxis ist ein Modell, das auch in Rinteln immer stärker Anwendung findet“, weiß Kalbe.

In der gesamten Bundesrepublik gibt es nach Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mehr als 3000 unbesetzte Landarztpraxen, in Niedersachsen weit über 500. Experten des Bundesgesundheitsministeriums schätzen, dass bis zum Jahr 2020 über 7000 Landärzte in Deutschland fehlen. Für das Jahr 2020 prognostiziert die KVN für Rinteln eine notwendige Nachbesetzung von fünf Hausärzten. peb

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