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Problemkinder immer jünger

Jugendhof Hirschkuppe Problemkinder immer jünger

1,7 Millionen Euro sind im Jugendhof Hirschkuppe in Steinbergen in den vergangenen drei Jahren in einen neuen Anbau investiert worden. Große helle Zimmer, von der Terrasse ein Blick bis ins Wesertal, Gruppenräume, ein Sportsaal mit Kletterwand und Boxsack und eine moderne Küche finden sich dort.

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Der „Toberaum“ ist auch mit Boxsack, Kletterwand, Gymnastikgeräten und Bällen für Spiele ausgerüstet.

Quelle: wm

Steinbergen. Der Jugendhof bietet dazu ein Außengelände mit Platz zum Toben und Spielen, was vor allem ADHS-Kinder brauchen. Es gibt eine Schule, in der Kinder erst einmal „schulfähig“ gemacht werden.

47 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 19 Jahren leben zurzeit auf dem Jugendhof und in den Wohngruppen. Also alles im grünen Bereich in der Heimerziehung?

„Schön wäre es“, sagt Jürgen Kruska, seit 50 Jahren im Geschäft. Der äußere Rahmen sei in Jugendheimen in bester Ordnung. Wo heute die Probleme liegen, lasse sich nicht mehr an der Ausstattung der Heime ablesen.

Erzieher überfordert

Kruska fasst die Lage der Heimerziehung so zusammen: „Wir bekommen immer jüngere Kinder mit immer größeren psychischen Problemen. Gleichzeitig wächst die Ausbildung der Erzieher und Sozialpädagogen nicht mit. Viele Erzieher und Sozialpädagogen sind heute schlicht mit der Klientel überfordert, die sie betreuen müssen. Immer mehr Mitarbeiter werfen deshalb kurz nach ihrer Ausbildung das Handtuch.“

Es sei ein schleichender Prozess. „Früher hatten wir Jugendliche so ab 13, die waren aggressiv und kriminell, aber kognitiv einigermaßen fit. Mit denen konnte man reden, sie zum Beispiel für ein soziales Training nach Schweden mitnehmen. Heute kommen schon Fünfjährige in die Einrichtung, die psychisch so auffällig sind, dass Erzieherinnen in den Kindergärten an diesen Kindern gescheitert sind.“

Als Ursache sieht Kruska vor allem, dass immer mehr Familien zerrüttet sind, Kinder mit wechselnden Partnern psychisch nicht klarkommen, Alleinerziehende überfordert sind, Kinder wiederum überfordert werden, weil sie ohne jede emotionale Zuwendung funktionieren sollen.

"Auch Fünfjährige können ein komplettes Zimmer zerlegen"

Mädchen und Jungen in den ersten Lebensjahren zu vernachlässigen, sei das Schlimmste, was passieren könne. „Dann läuft häufig alles aus dem Ruder. Auch Fünfjährige sind durchaus in der Lage, in einem Wutanfall, bei Kontrollverlust, ein komplettes Zimmer zu zerlegen. Sie beißen und schlagen, werfen sich auf den Boden, treten und verweigern jede Kooperation. Mit gut zureden kommt man nicht weiter“, so Kruska. „Zu uns ist ein Junge gekommen, der in den zwölf Jahren seines Lebens bereits in zwölf verschiedenen Familien und Einrichtungen war. Bei Familienmitgliedern, in Pflegefamilien, in Heimen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Können Sie sich vorstellen, wie es in dem Jungen aussieht? Was der von der Erwachsenenwelt hält? Und das ist kein Einzelfall.“

Kruska sagt, das heute Erzieher nötig seien, die mit solchen Kindern und Jugendlichen umgehen könnten, die dafür ausgebildet seien. Die Ausbildung sei derzeit viel zu kopflastig, es fehle die Praxisnähe. Doch die zuständigen Behörden und Ministerien kümmerten sich lieber darum, dass die Handtücher in den Sanitärräumen genau 20 Zentimeter weit auseinanderhängen und die Pinkelbecken den Vorschriften entsprechen.

Das Problem werde verschärft, weil Erzieher und Sozialarbeiter an allen Ecken und Enden gebraucht würden, so Kruska. In den Kindergärten, seit jedes Kind einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz hat und immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund kommen. In den Schulen wegen der Integration und der Inklusion. In den Einrichtungen sowieso.

Bei großem Bedarf werden Anforderungen heruntergefahren

In einer solchen Situation gebe es in der Politik immer denselben Reflex. Bei großem Bedarf würden einfach die Anforderungen heruntergefahren. „Doch was soll ich mit einem Erzieher anfangen, der selbst nicht richtig schreiben und rechnen kann? Das aber genau bei der Hausaufgabenhilfe unseren Kindern beibringen muss.“

Und Erzieher müssten besser bezahlt werden. Das Einstiegsgehalt sei gut, danach gebe es aber kaum eine Steigerung. Gehe es nach der Verantwortung, müsste ein Erzieher und Sozialpädagoge am Ende das Gehalt eines Grundschullehrers bekommen. Nur dann habe man die Chance, auch qualifizierte Leute zu bekommen und in diesem Beruf zu halten.

Was Heimerziehung heute zusätzlich belastet: „Erzieher sind verunsichert, weil sich die Rahmenbedingungen, in denen sie arbeiten, immer mehr auflösen.“ Kruska nennt ein Beispiel: „Bei uns ist ein Mädchen im Unterricht völlig ausgerastet und war mit Worten nicht mehr zu beruhigen. Deshalb hat sie ein Erzieher festgehalten und aus dem Klassenraum bugsiert.“ Draußen habe sich das Mädchen beruhigt und der Erzieher es gehen lassen mit der Maßgabe, dass man sich über den Vorfall noch mal unterhalten müsse. „Später trifft er das Mädchen auf der Schaukel, sagt zu ihr: ‚Komm mit, lass uns reden. Da wirft sich das Mädchen in den Sand, schreit und brüllt.’ Später trifft das Mädchen eine Freundin und geht mit ihr zur Polizei, behauptet, sie sei misshandelt worden.“ Dass sich die Polizei darum kümmere, sei ihr Job. „Was wir nur bedauern, ist, dass sich die Beamten nicht mit uns in Verbindung gesetzt haben, um erst einmal zu klären, was da eigentlich vorgefallen ist.“

Die Folge: „Der ganze Apparat kam ins Rollen. Jugendamt, Staatsanwaltschaft.“ Am Ende habe die Mutter geholfen, die die Macken ihrer Tochter kenne und darauf bestanden habe, dass ihre Tochter wieder in die Hirschkuppe komme. Die Tochter sei dann selbst damit einverstanden gewesen. Ende gut, alles gut? „Mitnichten“, sagt Kruska. „Der Erzieher erhielt ein Schreiben der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Körperverletzung.“ wm

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