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Was die Maus mit Erotik zu tun hat

Todenmann Was die Maus mit Erotik zu tun hat

So niedlich man ein einzelnes Mäuschen finden mag, so eindeutig haben Menschen von jeher die Mäuse zum Feind erklärt. In der Hoffnung, die gefräßigen Störenfriede wenigstens aus dem eigenen Haus zu vertreiben, entwickelte man überall auf der Welt, zum Teil mit geradezu sadistischem Erfindungsgeist, zahllose Mausefallen, von denen eine ganze Reihe in Otto Freiherr von Blombergs Sammlung landete.

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Otto von Blomberg mit einer Mausefalle, in der die Maus elendig ertrinkt.

Quelle: cok

Von Cornelia Kurth

Todenmann. Vor den Landfrauen aus Rinteln und Hessisch-Oldendorf hielt der Landwirt und Besitzer vom Auetaler Gut Nienfeld im „Gasthaus zur Linde“ in To-denmann einen Vortrag über Mäuse, Mausefallen und, ja, Erotik.

 Gleich zu Beginn präsentierte er, durchaus mit Freude an dem Gruseln, das er damit auslösen würde, eine fiese Falle, die er unter den Besitztümern seiner Großmutter gefunden hatte. Durch den Geruch von Käse angelockt, spazierten Mäuslein in einen Gang, dessen Tür sich hinter ihnen verschloss, sodass sie nur noch durch eine Metallröhre nach oben klettern konnten, auf eine Plattform, die eine Falltür enthielt. Durch diese hindurch stürzten sie in einen mit Wasser gefüllten Behälter, in dem sie elendig ersaufen mussten, während sich gleichzeitig die Tür der Falle für das nächste Tier wieder öffnete. „Irgendwann war dann eine fröhliche Mausgesellschaft beisammen“, sagte von Blomberg und lächelte.

 Seine „Massen-Mausefalle“ wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der „Norddeutschen Fallenfabrik“ (Norfa) in Wennigsen am Deisterhergestellt, wo sie die Blomberg’sche Großmutter einst erstand und wohl auch ohne schlechtes Gewissen einsetzte. Vielleicht hätte sie auch schon die rasch tötenden Schlagfallen benutzen können, die der Engländer James Henry Atkinson im Jahr 1899 erfand, um auf geeignete Weise der allgemeinen Mäuseplage Herr zu werden. Doch war sie nicht die Einzige, die solche brutal wirkenden Fallen verwendete.

 „Mir scheint, die Mausefallen waren auch Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes und der aktuellen Strafjustiz“, meinte Otto von Blomberg. In seinem Fallen-Repertoire, das er auf einem Tischchen ausgebreitet hatte, befand sich auch eine Falle aus Brasilien, so gebaut, dass die Maus, um an den Köder zu kommen, den Kopf durch eine Drahtschlinge stecken musste, die sich dann erwürgend zusammenzog. Eine andere Falle aus Deutschland funktionierte ähnlich. Durch ein ausgehöhltes Holz krabbelnd verfing sich die Maus in einer Schlinge. Biss das Tier den Faden durch, löste sich eine Feder, die einen Würgemechanismus auslöste. „Daher wohl der Spruch: ,Da beißt die Maus keinen Faden ab‘“, mutmaßte von Blomberg.

 Es gab Fallen, in denen die Mäuse wie auf einem „elektrischen Stuhl“ durch Stromstöße getötet wurden, solche, bei denen sich ein tödlicher Schuss löste, und andere, die die Mäuse auf ein giftiges Klebeband lockten, von wo sie nicht mehr fliehen konnten.

 „Aber man erfand auch politisch korrekte Mausefallen für Gutmenschen“, sagte er und zeigte das Bild eines amerikanischen Modells in Form eines Häuschens, in dem die Mäuse lebendig gefangen wurden und das mit der Aufforderung bedruckt war, man solle die Tierchen dort freilassen, wo sie „gebraucht“ würden, weil diese Welt nämlich „genug Platz für uns alle“ böte. Auch halbrunde Drahtfallen kamen in Mode, in die die Mäuse wie durch eine Reuse hineinkletterten und dann lebend ausgesetzt werden konnten. Eine Frau aus dem Publikum erzählte, wie ihre Mutter damals eine gefangene Maus auf der anderen Weserseite entließ, damit sie nicht gleich wieder ins Haus käme.

 Vor allem für amerikanische Hausfrauen bemühte man sich um die Entwicklung solcher Fallen, in denen die Mäuse so verschwanden, dass man die Falle samt Tier fassen und im Mülleimer entsorgen konnte, ohne dabei die Maus sehen oder gar berühren zu müssen.

 Im Laufe der Jahre wurde Otto von Blomberg zu einem leidenschaftlichen Mausefallensammler, der nicht nur auf Reisen die Inhaber von Haushaltswarengeschäften verwirrt, wenn er dort als Tourist gleich fünf, sechs unterschiedliche Fallen kauft, sondern auch im Internet-Auktionshaus eBay fleißig mitsteigert, sobald dort historische Mausefallen angeboten werden. Im Zuge seiner Sammelleidenschaft stieß er auf das Buch „Mausetod“, eine „Kulturgeschichte der Mausefalle“, von Wolfhard Klein, für das er charmante Werbung machte und das ihn auch auf die Idee brachte, das Mausethema mit dem Stichwort „Erotik“ zusammenzubringen.

 Auf der einen Seite sei da die Urangst der Frauen, dass sich eine Maus auf der Flucht unter ihren Rock und in ein gewisses dunkles Fluchtloch verirren könnte. „Deshalb ja sprangen Mädchen und Frauen hysterisch auf Tische und Stühle, sobald sie im Zimmer ein Mäuschen entdeckten.“ Auf der anderen Seite gäbe es allerlei Sprichworte, die das Ködern von Mäusen in Zusammenhang bringen mit dem Ködern eines Liebessubjektes: „Auch alte Mäuse fressen gerne jungen Speck“ etwa oder „Junge Mäuse sind der Katze Spiel“. Oder auch die Rede vom Kater, der nicht mehr mausen kann und trotzdem gerne noch vor dem Loch sitzt. „Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausfalle, mitten in Paris“, diesen Bill-Ramsey-Song über das berühmte Pariser Vergnügungsviertel brachte er ebenfalls als Beispiel an.

 Um die etwas empfindsameren Gemüter im Publikum zu versöhnen, zeigte Otto von Blomberg zum Schluss die Comiczeichnung einer triumphierenden Maus, die allen noch so raffinierten Fallen entronnen war. „Die Menschen tun alles, um die Mäuse zu besiegen“, sagte er. „Doch dieses Bild betont, dass das wohl niemals gelingen wird.“

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