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Wilde Partys und Geocacher

Steinbergen Wilde Partys und Geocacher

Der Poker um die Arensburg ist inzwischen auch ein Wettlauf mit der Zeit, denn das historische Bauwerk verfällt zusehends. Jetzt sollen sich drei neue Interessenten bei der derzeitigen Eigentümerin, der Zahnärztin und Geschäftsfrau Dr. Christiane Bennink in Münster, gemeldet haben.

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„Und wenn ich mich vor den Bagger stelle“

Die Suche nach einem neuen Eigentümer, der in das Schloss investieren kann wird inzwischen zu einem Wettlauf mit dem Verfall.

Quelle: Archiv

 Steinbergen. Nach unseren Recherchen ist allerdings einer der drei Kaufinteressenten gestern bereits wieder abgesprungen. Bleiben noch zwei.

Jeder, der bisher das Schloss besichtigt hat – im 14. Jahrhundert von den Grafen Holstein-Schaumburg errichtet –, ist alarmiert von dessen Zustand. Hier haben wilde Partys stattgefunden, deren Spuren man noch sieht. Partys, bei denen auch schon mal ein Feuerlöscher explodiert ist, dessen Reste Wachleute des Sicherheitsdienstes SDS gefunden haben. Hier sind Geocacher ein- und ausgestiegen. Das ist zwar verboten, macht aber vermutlich den Nervenkitzel aus. Der Cache ist mittlerweise verschwunden.

Auch Metalldiebe waren im April vorigen Jahres da, die Dachrinnen und Kupferrohre von Heizungen abmontiert haben. Die Diebe sind vom SDS-Sicherheitsdienst noch vor dem Abtransport ihrer Beute gestoppt worden.

Es ist ein Abstieg auf Raten. 3,93 Millionen Euro wollte Dieter F. Kindermann, ursprünglicher Hausherr, im Mai 2003 noch für das Schloss haben – so im Immobilienteil „Der Welt“ annonciert. 188000 Euro war im Juni 2012 dann das Mindestgebot bei einer Versteigerung der Westdeutschen Grundstücksauktionen GmbH in Köln. Damals mit im Geschäft der Immobilienmakler Gerhard Bein aus Hohenrode.

Ersteigert haben soll Bennink das Schloss in einem Telefongespräch aus dem Auto heraus, für 254000 Euro. Sie kaufte wohl, ohne die Arensburg vorher gesehen zu haben. Vielleicht hätte sie sonst gezögert. Denn schon damals war das Schloss nicht mehr im besten Zustand, weil der damalige Besitzer der Erfinder Heinrich Gruber so gut wie nichts in die Bausubstanz investiert hatte. Gruber träumte von einem Ruhesitz für Althippies. Ein Traum, der nach einem Jahr zu Ende geträumt war.

Im Dezember 2013 war dann die Arensburg plötzlich wieder auf dem Markt auf der Internetplattform des renommierten Immobilienhauses Poll, das Prestigeobjekte, wie derzeit das Schloss in Barntrup-Alverdissen – Ursprungs-Stammsitz des heutigen Adelshauses zu Schaumburg-Lippe –, im Angebot hat. Dr. Hartmut Goldau, Poll-Chef in Bielefeld, kümmerte sich persönlich um das Objekt. Dann verschwand die Arensburg wieder aus dem Internet.

Wie viel Interessenten sich tatsächlich gemeldet haben, ist nie öffentlich geworden. Bis auf einen, der sich persönlich an die Presse gewendet hat, um die Chancen für sein Konzept auszuloten: Maik Lachowicz aus der Schweiz, der wohl für einen Geldgeber aus Norddeutschland verhandelt hat. Sein Konzept: Kunst, Kultur und Wohnen, dazu ein Biergarten und das Schloss als Tagungsstätte. Daraus wurde nichts, weil weder eine Bank noch öffentliche Förderer einsteigen wollten.

Dann folgte Kai Kobold aus Köln, der ein mittelständisches Unternehmen für antike Baustoffe, Kamine, Türen, Wand- und Bodenfliesen betreibt. Kobold hat sogar Handwerker ins Schloss geschickt, um den Sanierungsbedarf ermitteln zu lassen.

Wie Kobold gestern in einem Telefongespräch erläuterte, müsse man derzeit mindestens 1,5 Millionen Euro investieren, um das Schloss ansatzweise wieder bewohnbar zu machen. Vor diesem Hintergrund sei der von Bennink geforderte Kaufpreis völlig illusorisch gewesen.

In dieser Woche war es ein Immobilienmann aus Leipzig, Dominik Koch, der Interesse an der Arensburg bekundet hatte. Der Verkaufsvertrag sei schon formuliert gewesen, schilderte Koch gestern auf Anfrage in einem Telefongespräch. Gescheitert sei man letztlich an einer einzigen Vertragsklausel. Weitere Einzelheiten dazu wollte er nicht mitteilen.

Aber immerhin so viel: Er habe sich die Arensburg angeschaut, ihm sei dabei klar geworden, dass es hier einen enormen Sanierungsbedarf gebe. Deshalb habe er das Projekt auch nicht unter dem Aspekt eines möglichen Gewinns nach dem Modell kaufen, sanieren und dann weiterverkaufen wollen, sondern eher als „Hobby“ angesehen, als ein langfristiges Projekt. Koch: „Gewinn kann damit nämlich niemand machen.“

Als mögliche Nutzung habe er sich Büros vorgestellt für Unternehmen, bei denen sich ein Schloss „gut auf einer Visitenkarte macht und die einen direkten Autobahnanschluss vor der Haustür zu schätzen wissen“.

Das grundsätzliche Problem für jeden möglichen Investor schilderte Koch sei letztlich, dass man bei keiner Bank für so ein Objekt und deren Sanierung Geld bekommen würde: „Da schlägt jeder die Hände über den Kopf zusammen.“ Bedeutet: Wer kauft, muss finanzkräftig genug sein, hier etwas zu bewegen.

Auch die Stadt Rinteln – als „Untere Denkmalpflege“ zuständig für das Schloss – hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert und sieht anscheinend tatenlos zu, wie das historische Bauwerk immer weiter verfällt. Ein Interessent berichtete, er habe die Stadt mehrmals darauf hingewiesen, dass hier „Zwangsmaßnahmen“ notwendig seien, sonst wäre das Schloss in einem Jahr nicht mehr zu retten. Dirk Eggers, der sich nach unseren Informationen in den letzten Wochen selbst ein Bild von den Bauschäden in der Burg gemacht hat, wollte dazu keine Stellungnahme abgeben.

Der Interessent, der das Schloss besichtigt hatte, schilderte unter Zusicherung, dass sein Name nicht genannt werde: Inzwischen gebe es massiven Schädlingsbefall, Ansätze von Hausschwamm, Schimmel an den Wänden, undichte Dächer, Vandalismusschäden, im Keller stehe Wasser. Für ihn sei das Schloss inzwischen fast ein „Totalausfall“: „Wer das sieht, ist in fünf Minuten wieder weg.“

Immerhin sind auf Veranlassung von Dr. Stefan Meyer, dem Rintelner Museumsleiter, drei wertvolle Bleiglasbuntfenster und ein historischer Spiegel in Sicherheit gebracht worden. Die Kunstgegenstände lagern jetzt im Magazin des Museums.

Einer der mit großer Sorge den Verfall des Schlosses beobachtet und sich zurzeit um das Gebäude und Gelände kümmert ist Dirk Sassenberg. Sassenberg ist täglich auf dem Schloss und seitdem hat es auch keine Vandalismusschäden mehr gegeben.

Die Arensburg-Eigentümerin hat wohl trotzdem noch nicht die Hoffnung aufgegeben, einen Käufer zu finden: In 14 Tagen, versprach Dr. Bennink, gestern am Telefon wisse sie mehr. wm

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