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Ab 80 automatisch am Rollator?

Diskriminierung von Senioren Ab 80 automatisch am Rollator?

Eine Geburtstagsüberraschung hatte sich Helmut S. eigentlich anders vorgestellt: Der Rintelner erhielt zu seinem 80. Geburtstag ein Schreiben der R+V Versicherung, das mit den freundlichen Worten begann: „Wir bedanken uns bei Ihnen für das langjährige Vertrauen."

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Der Verfasser des Schreibens der R+V Versicherung stellte sich offenbar einen Senior vor, der sich nur noch mühsam mit einem Rollator fortbewegt.

Quelle: dpa

Rinteln. Dann fiel der Hammer: Dennoch könne man den Vertrag seiner Unfallversicherung „in der bisherigen Form nicht fortführen“.

Was als Begründung folgte, ließ das Ehepaar (das einen gemeinsamen Vertrag hat) dann staunen: Ab 80 habe man generell ein höheres Unfallrisiko. Reaktionsvermögen und Geschicklichkeit lassen nach, Unfallfolgen sind bei älteren Menschen langwieriger als bei jungen.

Man sah förmlich, dass sich die Verfasser dieser Zeilen im Geiste einen senilen Senior vorstellten, der sich mühsam mit dem Rollator durch die Wohnung schleppt. Die Versicherungsnehmer, Ehefrau und Ehemann, sind aber das genaue Gegenteil davon: fit. Helmut S. sei „ein Mann, dem man sein Alter nicht ansieht“, sagt Rechtsanwalt Thomas Grell, bei dem das Ehepaar rechtlichen Beistand suchte.

618,60 Euro im Jahr allein für Helmut S.

Die R+V Versicherung hatte den Mann vor die Alternative gestellt, entweder die Versicherung zu beenden („Wenn wir keine Antwort erhalten, schließen wir Helmut S. zum 1.9. mittags 12 Uhr aus dem bestehenden Vertrag aus.“) oder künftig eine höhere Prämie zu zahlen: 618,60 Euro im Jahr allein für Helmut S., anstatt wie bislang 502,80 Euro für das Ehepaar zusammen. Doch auch dabei schränkte die Versicherung ein: Dieser Vertrag gelte zunächst für ein Jahr, setze voraus, dass keine Pflegestufe II oder III vorliege und Helmut S. gegenüber seinen Ärzten eine „Schweigepflichtentbindungserklärung“ zugunsten der R+V abgebe.

Dass die R+V darauf besteht, informiert zu werden, wenn eine Pflegestufe vorliegt oder ein Versicherungsnehmer sich tatsächlich nur noch mit dem Rollator vorwärtsbewegen kann, hält Grell für rechtens.

Selbst wenn es so nicht direkt im Kleingedruckten nachzulesen ist, besteht nach der Rechtsprechung eine Mitteilungspflicht des Versicherten gegenüber seiner Versicherung im Falle einer Risikoerhöhung. Anderenfalls könnte es im Falle eines Unfalles bei einer Entschädigung zu Problemen kommen.

„Diskriminierungvon Senioren“

Doch dass eine Versicherung automatisch einen Vertrag nur deshalb kündigt, weil der Versicherungsnehmer älter geworden ist, sei schlicht eine „Diskriminierung von Senioren“, sagt Grell. Denn wie fit jemand ist, hänge gerade bei Senioren vom Einzelfall ab. Im Juristendeutsch liest sich das so: „Sicherlich können Sie jederzeit ein Angebot zur Abänderung des Versicherungsvertrages unterbreiten. Unsere Mandantin ist aber nicht verpflichtet, dieses Angebot anzunehmen, sondern kann darauf bestehen, dass der Versicherungsvertrag zu den bisherigen Bedingungen fortbesteht.“

Gleichzeitig bat Grell die R+V, doch zu erklären, weshalb man seinen Mandanten einfach aus dem Vertrag ausschließe, auch wenn er nicht reagiere. Schweigen sei bekanntlich keine Willenserklärung.

Nach Grells Schreiben trat die R+V den geordneten Rückzug an und teilte dem Rintelner Anwalt mit: „Wir haben den Sachverhalt noch einmal überprüft. Wegen der langjährigen guten Kundenverbindung sind wir bereit, den Vertrag unverändert weiterzuführen.“

Die Frage, die am Ende der Geschichte bleibt, nämlich ob die R+V automatisch alle 80-Jährigen aus ihrer Versichertengemeinschaft aussortiert, beantwortete auf Anfrage R+V-Pressesprecherin Stefanie Simon aus Wiesbaden wie folgt: „Ja, es ist richtig, die R+V verschickt an ihre Unfallversicherungs-Kunden ein persönliches Schreiben, sobald diese das 80. Lebensjahr erreichen. Darin bieten wir unseren Kunden einen neuen Vertrag zu veränderten Konditionen an. Mit steigendem Alter nimmt die Unfallhäufigkeit um ein Vielfaches zu, sagt die Statistik. Daher müssen wir die Prämie entsprechend anpassen. Die R+V hat sich bewusst entschieden, älteren Versicherten weiterhin eine Unfallversicherung anzubieten und die Prämie erst ab dem 80. Lebensjahr zu erhöhen. Wettbewerber handhaben das teilweise anders, erhöhen schon mit Erreichen des Rentenalters oder versichern 80-Jährige gar nicht mehr.“

Es sei eineEinzelfallentscheidung

Dass der Vertrag von Helmut S. doch zu den vorherigen Konditionen weitergeführt werde, liege an einer Einzelfallentscheidung: „Wenn es sich um langjährige gute Kunden handelt, bieten wir aus Kulanz diese Möglichkeit an.“

Für Grell hat dieser Fall noch einen grundsätzlichen Aspekt: nämlich das Problem älterer Menschen, überhaupt noch eine Unfallversicherung mit vernünftigen Konditionen zu erhalten. Bei Neuverträgen mit älteren Kunden seien die Versicherer nämlich berechtigt, sich im Vorfeld den potenziellen Versicherungsnehmer genauer anzuschauen und auch einen Vertragsabschluss abzulehnen: „Schließt man als jüngerer Mensch eine Unfallversicherung ab, dann verzichten die Versicherer meist sogar auf eine Gesundheitsprüfung.“ Vor diesem Hintergrund sollte man deshalb, rät Grell, bereits seit längerer Zeit laufende Verträge nicht vorschnell ändern oder gar die Versicherung wechseln, weil sich damit automatisch die Bedingungen der Versicherung ändern – und die werden mit steigendem Alter nicht unbedingt besser. wm

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