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Als niemand zwischen Mensch und Gott stand

Frauenfrömmigkeit im Mittelalter Als niemand zwischen Mensch und Gott stand

Lauter lebhafte Bilder vom Leben in einer fernen Zeit steigen auf, wenn Theologin und Hobby-Geschichtsforscherin Karin Gerhardt einen ihrer Vorträge hält.

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Die Theologin Karin Gerhardt.

Quelle: cok

Rinteln. Aktuell sprach sie zum Thema „Frauenfrömmigkeit“ im Mittelalter, und schon sah man vor sich hochgelehrte Nonnen, die in ihrem Kloster lebten, tapfere Beginen, die sich um Pestopfer kümmerten, mächtige Äbtissinnen, die mit mächtigen Männern verhandelten.

In diesem Jahr feiert die Rintelner Nikolaikirche ihren 777. Geburtstag, und zur Geschichte der stadtprägenden Kirche gehört, dass sie einst den Nonnen des Rintelner Jakobsklosters gehörte, ihnen um das Jahr 1250 als Schenkung übergeben von den Schaumburger Grafen. Sie setzten die Pastoren ein und verwalteten Kloster- und eben auch die Kirchengelder.

„Im Mittelalter gab es immer wieder einen großen Frauenüberschuss, wegen all der kleinen und großen Kriege und der Kreuzzüge, bei denen die Männer zerschlissen wurden, und auch“ – zitiert sie aus einer Veröffentlichung von 1919 – „wegen der Unmäßigkeit der Männer bei jeder Art von Genuss“. Viele unverheiratete Frauen gingen entweder ins Kloster – Ende des 12. Jahrhunderts gab es deutlich mehr Frauen- als Männerklöster – oder sie schlossen sich als Beginen zusammen, in nicht zuletzt finanziell selbstständigen christlichen Frauengemeinschaften.

Über die Nonnen aus dem Jakobskloster in Rinteln ist nichts Konkretes überliefert. Sie werden aber, meinte die Theologin, nicht anders gedacht haben, als ihre Mitschwestern in anderen, von den Zisterziensern geprägten Klöstern. Sie alle akzeptierten die gängige Idee, dass die Männer, gottgewollt, den Frauen überlegen seien. Doch entwickelte sich gerade in den Frauenklöstern ein mystisches Denken, in dessen Mittelpunkt die Liebe der Seele zu Gott stand, mit einer Radikalität und Leidenschaft, dass sich schon Grundgedanken der Reformation zeigten.

Niemand stand zwischen Mensch und Gott, kein Priester, kein Papst, der vorgab, was zu glauben sei, was nicht. Die persönliche Gotteserfahrung, in Visionen offenbart und ihr dann in Briefen, Gedichten, Geschichten und Gesprächen nachgespürt, sie prägte die tiefe Frömmigkeit dieser Frauen. Es handele sich dabei um eine Art „Minne“, eine mystische Liebe zwischen Gott und den Menschen, die vor allem eines bedeute: Kein Mensch kann Gott wirklich kennen und daher auch nicht vorschreiben, wie man ihn zu sehen habe.

„Könnte ihn der Mensch begreifen (…), so wäre Gott kleiner als der Mensch und bald wäre Er zu Ende geliebt“, schreibt im 13. Jahrhundert die niederländische Mystikerin Hadewijch, von der Gerhardt erzählte und die sie als ein Beispiel für das Denken der frommen Frauen hervorhob. Es sei kein Wunder, meint Karin Gerhardt, dass diese Art der Frauenfrömmigkeit von der offiziellen Kirche immer äußerst nahe am Verdacht der Häresie und Ketzerei stand. Dominikanermönche wurden abgestellt, um in den Frauenklöstern zu predigen, und sicher, so Gerhardt, seien sie dabei von der Mystik und den Vorstellungen von einem unmittelbaren Verhältnis zu Gott inspiriert worden.

Mit der Reformation wurden die meisten quasi katholischen Frauenklöster aufgelöst, auch das Jakobi-Kloster. Doch die gewissermaßen protestantische, auf jeden Fall revolutionäre Idee davon, dass keine Instanz zwischen dem Einzelnen und Gott stehe, die gerade blieb bestehen. In loser Folge wird Karin Gerhardt prägende Frauenpersönlichkeiten aus dieser Zeit mit ihrer Gedankenwelt und überlieferten Schriften weiter vorstellen. cok

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