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Amüsantes und Dramatisches aus der Weserstadt

Die „Lesefreunde“ zu 777 Jahre Rinteln Amüsantes und Dramatisches aus der Weserstadt

Sensation am Kino. Auf einem riesigen Plakat rekelt sich halb nackt die wunderschöne Brigitte Bardot, unglaublich frivol für die fünfziger Jahre. Alle Jungs der Stadt schlichen um dieses Plakat vor den „Weser-Lichtspielen“ in Rinteln herum. „Und immer lockt das Weib“, so hieß der Film, den sie unbedingt sehen wollten. Wenn da nur nicht die Polizei wäre, die die Ausweise kontrollierte.

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Rinteln. Diese kleine Geschichte aus den Jugenderinnerungen von Eg Witt war nur eine von lauter amüsanten, auch dramatischen Erzählungen aus Rintelns 777-jähriger Vergangenheit. Die „Lesefreunde“ trugen sie am Sonnabend in der Stadtbücherei vor – mit Texten von überwiegend Rintelner Autoren und Historikern. Dabei waren es vor allem die Kleinigkeiten aus der Stadtgeschichte, die den Zuhörern Spaß machten und ein angenehmes Gefühl der Heimatlichkeit auslösten, selbst da, wo es um grausame Hexenprozesse ging, oder um Überschwemmungskatastrophen, bei denen das Weserwasser sogar den Altar der Nikolaikirche umspülte.
Man erfuhr, dass 150 Jahre vergingen, bevor die Stadt nach ihrer Gründung endlich das Messeprivileg erhielt und damit auch auswärtige Händler und Kunden anzog; auch, dass der Stadtrat alles dafür tat, damit die Messen niemals ausfielen – egal, wie schlecht das Wetter war. Man wurde an Messe-Persönlichkeiten erinnert wie etwa den „Billigen Jakob“, der manchmal etwas von seinem Porzellan in die Menge warf und lachte, wenn ein Teller nicht aufgefangen wurde.
Wahre Platzkämpfe trugen sich in der Hochzeit der Glashütten-Industrie offensichtlich an den Weserwiesen zu, wo die Familien der Arbeiter im Sommer quasi ihre eigene Badeanstalt aufmachten und Kinder schon früh am Morgen losgeschickt wurden, um ihre Liegeplätze zu markieren. Manche Familien waren so einflussreich, dass sie das gar nicht nötig hatten: Man wusste, es gibt Ärger, wenn man die ungeschriebenen Gesetze nicht respektiert.
Die sieben „Lesefreunde“ können wirklich gut vorlesen, Uta Fahrenkamp, Ruth Berlik, Ursula und Arthur Mühlhoff, Helga Frevert, Rolf Schulz und Paul-Egon Mense, der Dingelstedts Gedichte vom „kosmopolitischen Nachtwächter“ mit eigenen Melodien versah. In verteilten Rollen trugen sie auch aus dem Büchlein „Die Nachtwächter von Rinteln“ vor, dieser lustige kleine Roman von Viktor Blüthgen über zwei Nachtwächter, die offenbar der Teufel persönlich verschleppt hatte.
Schulz und Fahrenkamp inszenierten zudem ein echtes Drama über die Aussichtslosigkeit von Frauen, die in Rinteln als Hexe angeklagt wurden. Damals herrschte an der Uni Ernestina und insgesamt die Auffassung, dass die Folter ein hervorragendes Instrument zur Wahrheitsfindung sei und Gott es sicher nicht zulassen würde, Unschuldige auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Wie gut, dass Pater Friedrich von Spee seine Protestschrift „Cautio Criminalis“ in Rinteln drucken lassen und damit zur Aufklärung beitragen konnte.
Die Geschichte vom verlockenden Film mit Brigitte Bardot ging für den kleinen Eg Witt übrigens enttäuschend aus. Er hatte sich zwar ins Kino hineingeschmuggelt, doch zwei Polizisten führten ihn als Minderjährigen wieder hinaus. Und keiner wollte ihm verraten, wovon „Und immer lockt das Weib“ eigentlich handelte.

cok

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