Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Anwalt vor Gericht

Jurist ist selbst angeklagt Anwalt vor Gericht

Ein Rechtsanwalt vor Gericht? Das ist juristischer Alltag. Da übt jemand einfach seinen Beruf aus. Ein Rechtsanwalt auf der Anklagebank? Das darf man wohl als bedauerlichen Betriebsunfall der Judikative, eines nach eigenem Selbstverständnis reibungslosen Systems, werten.

Voriger Artikel
Schwestern stehlen Zigaretten
Nächster Artikel
Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Normal vertreten Anwälte Mandanten vor gericht, heute ist ein ehemaliger Vertreter dieses Berufsstandes in Rinteln selbst angeklagt.

Quelle: Fotolia

Rinteln. Heute soll im Amtsgericht Rinteln der Prozess gegen einen heimischen Ex-Rechtsanwalt beginnen, dem unter anderem Prozessbetrug, Parteienverrat und Untreue vorgeworfen werden. So soll der Ex-Jurist in Schleswig Holstein als Rechtsanwalt aufgetreten sein, obwohl er seine Zulassung bereits verloren hatte.

Wie der Prozess verlaufen wird, vermag niemand der Beteiligten vorauszusagen. Der Anwalt als Angeklagter kann schweigen, kann sich zur Sache äußern, nur eines kann er in diesem Fall nicht: sich selbst verteidigen. Für eine angemessene Verteidigung müsste dem Ex-Anwalt Akteneinsicht gewährt werden. Das ist in diesem Fall aber nicht möglich, da er selbst angeklagt ist.

Aus Sicherheitsgründen hat Amtsrichter Christian Rost eine Personenkontrolle vor dem Gerichtssaal veranlasst, außerdem werden Wachtmeister im Saal sein. Es sind zunächst fünf Prozesstage angesetzt. Auf der Zeugenliste stehen auch ein Rintelner Rechtsanwalt und die Amtsgerichtsdirektorin.

Es ist jenseits aller juristischen Finessen auch eine tragische Geschichte, denn sie hat ihren Ursprung nicht in einem missglückten Berufsstart auf dem hart umkämpften Markt der Rechtshilfe. Der Ex-Anwalt hatte vielmehr einer hoch angesehenen Kanzlei angehört. Einer weiteren glänzenden Karriere hätte eigentlich nichts im Wege gestanden, außer vielleicht er selbst. Juristen aller Couleur gehören einer besonderen Bruderschaft an, was sie selbst vehement in Abrede stellen würden. So sind, lässt man die Vorgeschichte des Falles Revue passieren, dem heute Angeklagten viele goldene Brücken gebaut worden. Er hat sie nicht betreten.

Nur ein banales Beispiel: Da steht ein Termin beim niedersächsischen Anwaltsgerichtshof in Celle an. Doch der Nichtmehranwalt erscheint nicht. Er stecke auf der A2 im Stau, teilt er dem Gericht mit. Kein Problem, so die Richterin, das wird sich bei uns ohnehin noch hinziehen. Doch der Mann dreht um, fährt ins Büro zurück.

Das liest sich in den Akten so: Es fehlt an jedweder nachvollziehbaren Begründung, weshalb dieser aufgrund des Staus von der A2 ab- und in sein Büro zurückgefahren ist, statt über die B65 oder eine andere Strecke zum Termin nach Celle zu fahren, zumal ihm durch die Beklagtenvertreterin mitgeteilt worden war, dass um 12.58 Uhr die Verhandlung in der 12 Uhr Sache noch nicht angefangen hatte.

Und es gibt weitere irritierende Details, nur eines beispielhaft: Der ehemalige Anwalt verpasst eine Klagefrist und begründet das damit, dass der Umschlag mit dem Schreiben in einen Spalt zwischen zwei Metall-Registratur-Schränken gefallen sei.

Auch in Rinteln ist es ein Prozess mit vielen Anlaufschwierigkeiten. Richter Rost hatte die Termine immer wieder verschieben müssen. Ein Grund: Der Ex-Anwalt weigerte sich standhaft einen Anwalt zu benennen und ließ alle Fristen verstreichen. Also benannte das Gericht einen Pflichtverteidiger.

Erste Wahl des Richters war Holger Nitz aus Hannover. In den Medien kennt man ihn als Verteidiger der „berühmtesten Puffmutter“ von Hannover, wie die Bild-Zeitung titelte. Nitz hatte im April vorigen Jahres die Geschäftsführerin des Nachtclubs „Yes Sir“ verteidigt.

Jetzt soll es eine Anwältin richten, Angelika Bode, ebenfalls aus Hannover. Nitz wie Bode kennen sich, und man kennt sie in unserer Region seit dem Mordfall des Hamelner Münz- und Briefmarkenhändler Robert Hodde, der 2010 getötet worden ist.

Es waren finanzielle Schwierigkeiten, die den Rintelner Anwalt um seine Zulassung gebracht haben, die Standesordnung kennt da kein Pardon. „Vermögensverfall“ nennen Juristen das, und dieser wird nach der Bundesrechtsanwaltsordnung so definiert: „Vermögensverfall im Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn der Rechtsanwalt in ungeordnete, schlechte finanzielle Verhältnisse geraten ist, die er in absehbarer Zeit nicht ordnen kann, und außerstande ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Auf die Ursache des Vermögensverfalls kommt es nicht an.“

Einer der Gläubiger ist das Finanzamt Stadthagen. Und auch dieser juristische Akt hatte sich hochgeschaukelt bis zu einem Durchsuchungsbeschluss, einer Wohnungsdurchsuchung.

Ein Handwerker kann als Handwerker gegen seine Schulden an- und sie abarbeiten, eben in seinem erlernten Beruf. Ein Rechtsanwalt kann das nicht. Ein Anwalt verliert seine Mandanten genauso wie Mandate. Und das offizielle Ende einer solchen Karriere wird auch der Öffentlichkeit mitgeteilt, weil ein anderer Anwalt Mandate und Mandanten übernimmt.

Ein letzter Aspekt: Auch Juristen, also die, die über andere Menschen urteilen müssen, eben weil es ihr Beruf ist, sind natürlich keine Heiligen – und damit fehlbar.

Nur zur Erinnerung: Jüngst stand ein Richter vor Gericht, weil er Jura-Examen verkauft hatte. Und derjenige, der im allwissenden, nie verzeihenden Internet sucht und die Stichworte „Rechtsanwalt verurteilt“ bei Google eintippt, kann seitenweise Fehltritte von Anwälten nachlesen. Jüngste Meldung: In Ulm steht ein Anwalt wegen Strafvereitlung vor Gericht. wm

Normal vertreten Anwälte Mandanten vor Gericht, heute ist ein ehemaliger Vertreter dieses Berufsstandes in Rinteln selbst angeklagt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Mehr zum Artikel
Ex-Anwalt vor Gericht

Im Mittelpunkt des dritten Verhandlungstages gegen einen ehemaligen Rintelner Rechtsanwalt haben die Vernehmungen von fünf weiteren Zeugen sowie die Erörterung der Sach- und Rechtslage durch die Prozessbeteiligten gestanden.

mehr

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg