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Auf Tour mit dem Notarzt

Thema des Tages Auf Tour mit dem Notarzt

Ihre Mission: Leben retten – Jeden Tag begeben sich Notärzte auf einen Wettlauf gegen die Zeit. Die Schaumburger Nachrichten haben ein Rintelner Notarztteam auf einer Tour begleitet.

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Im Rettungswagen wird der lebensbedohlich erkrankte Mann untersucht. Notarzt Michael Rosteck (links) gibt ihm Medikamente. 

Quelle: leo

Rinteln. Es ist 10.29 Uhr, als die Pieper von Notarzt Dr. Michael Rosteck (60) und Notfallsanitäter Kilian Weers (39) zu vibrieren anfangen und laut piepen. Das Rettungsteam, das gerade frühstückt, lässt alles stehen und liegen. Die Meldung, die auf dem Display des kleinen Funkmeldeempfängers zu sehen ist, lässt Schlimmes erahnen.

 Der erste Einsatz an diesem nebligen Sonnabendmorgen führt Rosteck und Weers in den Nachbar-Landkreis Hameln-Pyrmont. Die dort stationierten Notarzt-Einsatz-Fahrzeuge (NEF) sind gerade im Einsatz – das Rintelner NEF „Rot Kreuz Schaumburg 43-82-1“ muss aushelfen. Weers schaltet noch auf dem Gelände der DRK-Rettungswache an der Steinberger Straße Blaulicht und Martinshorn an und fährt los. Während sich die Retter einen Weg durch den Verkehr bahnen, gibt der Disponent der Hamelner Leitstelle weitere Informationen zum Einsatz durch: Eine 53 Jahre alte Frau hat tiefe Schnittwunden an den Handgelenken. Sie verliert viel Blut. Eile ist geboten. Schon kommt die nächste Hiobsbotschaft. Der Leitstellendisponent meldet über Funk, dass die Verletzte nicht mehr atmen soll. Notarzt Rosteck bereitet sich gedanklich auf das Schlimmste vor.

Keine Zeit verlieren

 Um keine Zeit zu verlieren, zieht sich der Arzt schon einmal blaue Einweghandschuhe über. Fahrer Weers fährt derweil mit Blaulicht und Starktonhörnern bei Rot über eine Kreuzung – nicht gerade leicht bei dem dichten Verkehr. Er lenkt den weißen VW Amarok an Autos vorbei, deren Fahrer rechts ran gefahren sind. Weers ist während der Alarmfahrt auf das Höchste konzentriert. „Immer wieder kommt es vor, dass Autofahrer die Sirene nicht hören oder falsch reagieren“, erzählt der Notfallsanitäter. Immer dann, wenn Fahrer nicht zur Seite fahren, und an schlecht einsehbaren Kreuzungen schaltet der 39-Jährige vom elektrischen Horn um auf die deutlich lautere Pressluft-Fanfare.

 Wenig später am Einsatzort: Ein Rettungstransportwagen (RTW) des Deutschen Roten Kreuzes ist schon vor Ort. Die Besatzung kümmert sich bereits um die Frau, die auf dem Sofa liegt. Sie ist zum Glück bei Bewusstsein, lebt also. Druckverbände sollen die starke Blutung stillen. Die Patientin muss viel Blut verloren haben. Wie viel genau, kann Rosteck nicht einschätzen. Das Blut ist auf den Teppich vor dem Sofa und auf eine Wolldecke gelaufen, der Fußboden blutverschmiert. Der Notarzt untersucht die Frau. Eine Infusion soll ihren Kreislauf stabilisieren. Rettungsassistenten holen die Krankentrage aus dem Wagen. Mit einem Tragetuch wird die Verletzte mit vereinten Kräften auf die Trage gehievt und kurz danach in den Rettungswagen geschoben. Rosteck entscheidet: „Wir bringen die Patientin ins Krankenhaus nach Hameln.“ Fahrer Weers meldet den Notarztwagen telefonisch im Klinikum an. Mit Sonder- und Wegerechten wird die Schwerverletzte nach Hameln gefahren. Es muss schnell gehen. Rosteck bleibt bei ihr. Die 53-Jährige hat sehr tiefe Schnittverletzungen. Sehnen im Handgelenk sind durchtrennt und Gefäße verletzt worden.

 Im Schockraum der Klinik angekommen, übergibt Rosteck die Patientin an zwei Kollegen. Die Chirurgen schauen sich die Verletzungen an und entscheiden: Eine Operation wird nötig sein, um die durchtrennten Sehnen zusammenzunähen. Die Frau wird wohl trotz des chirurgischen Eingriffes bleibende Schäden zurückbehalten, glauben die Mediziner.

Mann in Lebensgefahr

 Zurück in der Rettungswache. Weers hat jetzt endlich Zeit, zu frühstücken. Rosteck verschwindet im Arztzimmer. Er erledigt Papierkram.

 13.26 Uhr: Wieder ruft der Pieper zum Einsatz. Der laute und schrille Ton lässt Notarzt und Notfallsanitäter aufspringen. Die beiden laufen zum NEF in der Fahrzeughalle. Weers fährt das Rolltor hoch und steigt ein. Rosteck nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Diesmal steuert Weers das Notarztfahrzeug nach Krainhagen. In einem dortigen Altenheim hat ein Mann einen Schlaganfall erlitten – so jedenfalls lautet die erste Meldung. Bei einem Schlaganfall ist Eile geboten, weiß Rosteck. Denn: Bei der Durchblutungsstörung bleibt nur wenig Zeit, in der man einem Patienten so helfen kann, dass gute Chancen auf Heilung bestehen. Die Retter nennen dieses Zeitfenster auch die „goldene Stunde“.

 Ein Rettungswagen ist bereits vor dem Notarzt-Einsatzfahrzeug eingetroffen. Das Pflegepersonal erzählt Rosteck, der 70 Jahre alte Heimbewohner sei plötzlich zusammengesackt und dann auf die Seite gefallen. Für ein paar Minuten sei seine linke Körperhälfte gelähmt gewesen. Doch die Symptome scheinen abzuklingen. Die Retter können keine Lähmungen bei dem Mann feststellen. Der Notarzt versucht mit dem Mann, der zusammengekauert auf einem Stuhl sitzt, zu sprechen. Der Notfallmediziner will testen, ob die Aussprache bei dem 70-Jährigen undeutlich ist – das wäre ein Indiz für einen Apoplex, also für einen Schlaganfall. Rosteck stellt fest: Die Sprache des Patienten ist verwaschen. Kurz darauf greift er zum Telefon, ruft in der Notaufnahme der BDH-Klinik in Hessisch Oldendorf an. Hier gibt es eine spezielle Station für Schlaganfall-Patienten, eine sogenannte Stroke Unit. Die Klinik hat zum Glück noch ein Bett frei und nimmt den Senior auf.

 Noch während Rosteck dem Mann im Rettungswagen eine Infusion anlegt, fordert ein anderer RTW bei der Leitstelle einen Notarzt an. In einem Rintelner Ortsteil schwebt ein Mann in Lebensgefahr. Die Rettungsleitstelle meldet dem Rettungswagen, dass derzeit alle verfügbaren Notärzte aus Stadthagen, Rinteln und Hameln im Einsatz sind. Kurz zuvor hatte ein in Rinteln stationierter Rettungswagen ebenfalls einen Notarzt für einen Patienten mit akutem Koronarsyndrom angefordert. Zu dem Herzkranken ist gerade das Notarztfahrzeug aus Hameln unterwegs.

 Notfallsanitäter Weers hat den Funkspruch mitgehört und fragt Rosteck: „Sind wir abkömmlich?“. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Ja, sind wir.“ Weers meldet dies dem Rettungswagen, der einen Notarzt angefordert hat. Die Rettungsassistenten werden den Schlaganfall-Patienten ohne Notarzt-Begleitung nach Hessisch Oldendorf bringen. Rosteck steigt wieder ins NEF ein, und Weers fährt mit Blaulicht und Martinshorn los. Während der Fahrt fragt der Notfallsanitäter noch einmal bei dem Rettungswagen nach, der den Arzt angefordert hat. Der Rettungswagen hat den schwerkranken Mann bereits an Bord. Mit Blaulicht und Sirene fahren Notfallsanitäter und Notarzt dem DRK-Wagen entgegen. „Rendezvous in Steinbergen“, teilt Weers der Rettungswagen-Besatzung mit. Das bedeutet: Rettungswagen und Notarzt-Fahrzeug bewegen sich aufeinander zu und treffen sich auf halber Strecke. Das spart Zeit.

 Am Straßenrand treffen sich die Rettungsfahrzeuge. Rosteck steigt zu dem Patienten, der bereits an ein EKG angeschlossen ist. DRK-Notfallsanitäter Siegfried David, der heute auf dem Rettungswagen fährt, berichtet dem Notarzt, wie er den Zustand des Mannes einschätzt. Der 79-Jährige hat lebensbedrohliche Herzrhythmus-Störungen. Er wollte eine Baumwurzel ausgraben, als er plötzlich bewusstlos zusammenbrach. Seine Ehefrau hat ihn im Garten gefunden und den Rettungsdienst verständigt. Das EKG-Gerät zeigt den zu langsamen Herzschlag des Seniors an. Notfallsanitäter David zieht Atropin auf. Rosteck spritzt es dem Mann. Das Medikament bewirkt, dass das Herz schneller schlägt. Es wirkt sofort. David hätte es – obwohl er sehr erfahren ist und eine Zusatzausbildung gemacht hat – dem Patienten nicht selbst spritzen dürfen. So etwas darf nur ein Arzt.

 Rosteck schaut auf den EKG-Bildschirm: Der Herzschlag normalisiert sich. Der Gesundheitszustand des Patienten stabilisiert sich. Weers meldet den 79-Jährigen in der Notaufnahme in Stadthagen an. Mit Blaulicht und Martinshorn bringen die Retter den Mann nach Stadthagen. Rosteck bleibt während der Fahrt beim Patienten und beobachtet das EKG. Und David behält die Infusion, aus der eine Kochsalzlösung tröpfchenweise durch einen durchsichtigen Schlauch in die Armvene des Patienten läuft, im Blick. In Stadthagen übernimmt der diensthabende Internist. Die Ärzte werden abklären, ob der Mann einen Schrittmacher braucht.

 Fünfmal pro Monat schiebt Rosteck Dienst als Notarzt. Durchschnittlich sieben Einsätze fährt er in einer 24-Stunden-Schicht. Die übrige Zeit behandelt der Allgemeinmediziner, Internist, Anästhesist, Nephrologe (Nierenfacharzt) und Notfallmediziner Patienten in seiner Gemeinschaftspraxis in Hessisch Oldendorf. Seit über 30 Jahren fährt Rosteck schon NEF. Der 60-Jährige hat in dieser Zeit schon viel gesehen. Einsätze mit kleinen Kindern würden ihn persönlich beschäftigen und ihm nahegehen. Rosteck hatte schon immer den Wunsch, Menschen in der Not helfen zu können. „Schon mein Großvater und mein Onkel waren Ärzte, das hat mich geprägt“, sagt der Notarzt. Sein Vorbild ist Albert Schweitzer.

Nichts mehr tun können

 Zurück in der Wache. 16.46 Uhr: Der nächste Einsatz lässt nicht lange auf sich warten. Diesmal werden die Retter zu einer leblosen Person in Rinteln gerufen. Wieder ist ein Senior in Not. Notarzt und Notfallsanitäter eilen ihm mit Blaulicht und Sirene zu Hilfe – doch eine Bahnschranke versperrt ihnen den Weg. Weers kennt eine Abkürzung, umfährt den Übergang. Diesmal ist das Notarztfahrzeug noch vor dem Rettungswagen vor Ort. Die Retter werden schon sehnlichst erwartet. Weers holt den Notfallrucksack mit wichtigen Medikamenten und das EKG aus dem Wagen. Der 86 Jahre alte Mann liegt regungslos auf dem Bett. Er atmet nicht mehr.

 Weers macht den Oberkörper frei, schneidet in der Eile mit einer Schere den Pullover des Leblosen auf und klebt dann die Messelektroden des EKG auf die Brust des Patienten. Das Gerät zeigt einen Kreislaufstillstand an. Eine Reanimation ist sinnlos, der Mann muss schon länger tot sein, es haben sich bereits Leichenflecken ausgebildet.

 Das Gefühl, nichts mehr tun zu können, begegnet den Rettern tagtäglich. „Damit werden wir in der Notfallrettung immer wieder konfrontiert. Wir müssen versuchen, damit professionell umzugehen“, meint Rosteck. Der Notarzt macht eine Leichenschau und informiert danach die Angehörigen, die auf dem Flur warten – es fließen Tränen. Weers und Rosteck kümmern sich um Tochter und Ehefrau des Verstorbenen, beantworten Fragen, leisten Beistand und nehmen ihnen Ängste. Rosteck muss den Totenschein ausfüllen.

Sieben Einsätze

 19 Uhr: Rostecks Dienst geht zu Ende. Bei dem Arzt, der ihn abgelöst, piept noch während der Übergabe der Funkmeldeempfänger. „Wo geht’s hin?“, fragt Rosteck, als sein Kollege gemeinsam mit Notfallsanitäter Weers an ihm vorbei zum NEF läuft. „Schlaganfall im Zeitfenster“, ruft der ihm noch zu, dann steigt er ins Notarztfahrzeug ein – es ist bereits der siebte Einsatz für das Notarztfahrzeug in Rinteln.

 Rosteck zieht am Ende seiner Schicht Bilanz: „Heute war viel los“, sagt er. „Wenn heute alle Einsätze nacheinander gekommen wären, dann läge die Zahl der Einsätze in dieser Schicht bestimmt bei zwölf bis 1.“ Normalerweise liegt die durchschnittliche Einsatzzahl in einer 24-Stunden-Schicht bei sieben.

 Im vergangenen Jahr sind die Retter zu 2300 Einsätzen gerufen worden. Bei 60.750 gefahrenen Kilometern hat der rot-weiße Pick-up im Jahr 2016 eineinhalbmal die Erde umrundet. leo

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