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„Auf uns kommt eine Ruhestandswelle zu“

Rinteln / Ärzteversorgung „Auf uns kommt eine Ruhestandswelle zu“

Die Praxis von Dr. Winter in Krankenhagen ist seit Ende September geschlossen. Ein anderer Arzt sollte sie übernehmen. Doch der hat kurzfristig abgesagt.

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Dr. Rainer Jankowski hat seine Arztpraxis in Deckbergen und sagt, die Anspruchshaltung der Patienten habe sich verändert, was den Arztberuf nicht einfacher macht.

Quelle: wm

Von hans Weimann Rinteln. Wer bei Dr. Winter anruft, hört nur noch den Anrufbeantworter. Damit gibt es in den 15 Dörfern der Stadt Rinteln noch vier Arztpraxen: In Todenmann (Dr. Walter Steuber), Deckbergen (Dr. Rainer Jankowski), Exten (Dr. Bernd Pietzka und Petra Gericke) und Engern (Peter Oehlgrien).

 Einen Ärztemangel gebe es in Rinteln, wie im ganzen Landkreis Schaumburg trotzdem noch nicht, betont Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen in Hannover. Im Landkreis seien derzeit noch 102 Arztpraxen statistisch erfasst. Aus Sicht der KVN ist der Landkreis damit sogar „überversorgt“. Doch das werde sich in nicht ferner Zukunft ändern.

 „Auf uns kommt eine Ruhestandswelle zu“, schildert Haffke. Der Altersdurchschnitt der niedergelassenen Ärzte liege bei 54 Jahren. Gleichzeitig haben immer weniger junge Ärzte Lust aufs Land zu ziehen und dort eine eigene Praxis aufzumachen.

 Das Thema Landärzte ist aktuell auch wieder in den Fokus der Landespolitik gerückt. Doch die SPD hat ihre ursprüngliche Marschrichtung geändert. In der Opposition hatten die Sozialdemokraten noch gefordert, Medizinstudenten, die sich verpflichteten, etliche Jahre als Landärzte zu arbeiten, sollten Stipendien erhalten. Jetzt will die rot-grüne Landesregierung die finanziellen Anreize für die Förderung der Ansiedlung von Landärzten herunterfahren. Von einer Million Euro auf etwa die Hälfte. Da wundert man sich auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) und beim Städte- und Gemeindebund.

 Frage man nämlich junge Ärzte, was sie hindere, aufs Land zu ziehen, werden vor allem zwei Gründe genannt, sagt Haffke: die Befürchtung durch Wochenend- und Bereitschaftsdienste überlastet zu werden und die fehlende Infrastruktur. Für das Problem Nummer 1 sei eine mögliche Lösung eine Gemeinschaftspraxis.

 Bei der Infrastruktur könnten Land und Kommunen helfen, beispielsweise für Ärzte bevorzugt Bauland zur Verfügung stellen oder einen Shuttle-Service organisieren, für Senioren, die zum Arzt wollen.

 Eine Arztfamilie, die aufs Land ziehen will, stelle sich außerdem folgende Fragen: Wo ist der nächste Kindergarten, wo ist das nächste Gymnasium, wie weit muss ich fahren, wenn ich ganz alltägliche Dinge einkaufen will?

 Dann ist da noch der Faktor demografischer Wandel bei den Patienten. Schließen immer mehr Praxen auf den Dörfern, müssen Senioren logischerweise weitere Wege in Kauf nehmen, um zu einem Hausarzt zu kommen. Der nächste Arzt nicht weiter als 15 Autominuten entfernt? Das war einmal das Ideal.

 Taxis sind teuer, der öffentliche Nahverkehr auch bei uns völlig unzureichend. Das beklagen Senioren immer wieder in Leserbriefen und am Lesertelefon. Man komme zwar morgens zum Arzt, weil dann Schulbusse fahren, aber meist nicht mehr innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens zurück. Wer hier keine Familienmitglieder oder Freunde hat, die ihn fahren, hat ein Problem.

 Auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung ist man sich der Szenarien „weniger Ärzte, weitere Wege“ bewusst. Deshalb suche man nach Lösungen und habe inzwischen drei Pilotprojekte begonnen, erläutert Haffke: Landkreis Wolfenbüttel

 Im fährt seit diesem Sommer eine rollende Arztpraxis auf die Dörfer, ausgerüstet mit Diagnose- und Laborgeräten. Ein Versuch, der bis Ende 2014 befristet ist und dann ausgewertet werden soll. Heidekreis

 Im bei Schneverdingen und Vechta betreut eine fachlich qualifizierte Arzthelferin Patienten auf den Dörfern, zieht Fäden, legt Verbände, gibt Spritzen und entlastet so den Hausarzt. Emsland

 Im hat die Kassenärztliche Vereinigung selbst einen Allgemeinmediziner in einer Praxis angestellt. Das bedeute, so Haffke, der Arzt muss nicht das finanzielle Risiko einer Praxis tragen. Langfristig sei es natürlich Wunsch der KVN, dass der Arzt, wenn die Praxis läuft, sie auch selbst übernimmt.

  Was sagen heimische Mediziner zu diesen Konzepten:

 Dr. Rainer Jankowski wie auch Peter Oehlgrien halten ein Arztmobil für ein mögliches Modell gegen den Medizinerschwund auf dem Land, weil hier der Arzt zu den Senioren kommt. Damit wäre zumindest das Problem Mobilität für die Patienten gelöst. Oehlgrien kann sich so ein Arztmobil vor allem im Lipper Land vorstellen: „In Rinteln ist die Situation noch nicht so dramatisch.“

 Dr. Walter Steuber in Todenmann kommentierte pointiert, die KVN-Projekte hörten sich nach „Notabitur an“. Er frage sich, welche Ärzte die rollenden Praxen auf dem Land besetzen sollen? „Die Ärzte, die in Krankenhäusern schon fehlen?“ Hier werde spät auf eine Entwicklung reagiert, die sich bereits vor zehn Jahren abgezeichnet habe.

 Auch Dr. Bernd Pietzka in Exten sieht die Pilotprojekte als nur begrenzt hilfreich an. Diese lösten nämlich das grundsätzliche Dilemma nicht: Es gebe ja genug junge Leute, die Medizin studieren. „Aber die gehen ins Ausland, weil sie sich dort bessere Chancen erhoffen.“ Norwegen beispielsweise werbe massiv deutsche Ärzte an. Pietzka: „Wir arbeiteten in Deutschland in einem durchbürokratisierten System und leben von Pauschalen, die nicht der erbrachten Leistung entsprechen.“

 Dr. Jankowski sieht noch einen ganz anderen Aspekt, warum manche Jungmediziner lieber Facharzt als Allgemeinmediziner werden. Die Anspruchshaltung der Patienten habe sich verändert. Viele Patienten seien heute überzeugt, zu wissen, welche Therapie sie brauchen. Nämlich all die, die sich im Internet durch die diversen Medizinportale klicken und glauben, sie seien umfassend informiert: „Sagt dann ihr Hausarzt, er halte eine Massage nicht für sinnvoll, wechseln sie eben so oft den Arzt, bis sie ihre Massage bekommen.“

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