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Ausstellung zeigt Massenmord mit System

Gymnasium Ernestinum Ausstellung zeigt Massenmord mit System

„Eugenik und Euthanasie im Nationalsozialismus“ heißt die aktuelle Ausstellung im Gymnasium Ernestinum. Tafeln mit Fotos und Dokumenten eines Verbrechens im Dritten Reich, das Professor Dr. Franz-Werner Kersting aus Münster in seinem Vortrag anlässlich der Ausstellungseröffnung als „Massenmord auf dem Dienstweg“ bezeichnete.

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Schülerinnen erwecken die Dokumente mit Spielszenen zum Leben.

Quelle: wm

Rinteln. Es geht um die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und von psychisch Kranken in sogenannten „Heil- und Pflegeanstalten“. Die Fotos und Dokumente zeigen vor allem die Geschichte der Täter und Opfer in der Heilanstalt „Hadamar“ in Hessen.
Man sieht es der Ausstellung an, dass sie vor Jahrzehnten zusammen gestellt worden ist. Heute würde man ein solches Thema anders präsentieren. Auch Andreas Kraus, Lehrer am Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen und Sprecher des Fördervereins „Ehemalige Synagoge Stadthagen“, weiß das. Es liege wie immer am Geld. Für Kraus hat die Aufarbeitung dieser Massenmorde auch deshalb Bedeutung, weil man sie als Probelauf für die „Schoah“ sehen könne. Es ist eine Ausstellung, die sich an die Gymnasialschüler wendet und damit an eine Generation, die zumeist noch nicht einmal über ihre Großväter noch Bezug zu dem hat, was sie da sieht.
Was deshalb der Beschauer vermisst, sind Zeitbezüge, die über das Dritte Reich hinausweisen. Beispielsweise, dass die Diskussion um Pränataldiagnostik, Stammzellenforschung und Sterbehilfe noch heute von dem kollektiven Trauma der Euthanasie geprägt ist. Das machte auch Gymnasialleiter Reinhold Lüthen bei der Eröffnung deutlich: „In den USA und anderen Ländern denkt man, warum stellen sich die Deutschen so an?“ Ohne die Historie, ohne unsere Geschichte, sei das nicht zu verstehen.
Dass man das Thema heute nicht mehr auf Hadamar reduzieren kann, räumte in einem Gespräch auch Professor Kersting ein. Eugenik wurde in ganz Europa propagiert, nicht nur in Deutschland. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg sind in Schweden und den USA Menschen zwangssterilisiert worden, weil sie der „Fortpflanzung“ unwürdig seien. Doch nur die Deutschen haben in ihrem Rassenwahn „unwertes Leben“ systematisch ausgelöscht. Kersting, Professor an der Universität Münster und dem Institut für westfälische Regionalgeschichte, machte in seinem Vortrag zur Geschichte der Psychiatrie deutlich, wie lange nationalsozialistisches Gedankengut auch in der Psychiatrie nachgewirkt hat, die in den fünfziger und sechziger Jahren von Skandalen erschüttert wurde. Erst heute sei die Psychiatrie mit ihren Tageskliniken und der offenen Debatte über „Burn-out“ und „Borderline“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Beeindruckend bei der Eröffnung in der Aula des Gymnasiums waren die Spielszenen der Schüler des Ernestinums und Wilhelm-Busch-Gymnasiums, die für einen Augenblick die grausige Realität hinter den Dokumenten und Fotos zum Leben erweckten. Ihnen gelang es zu zeigen, dass die Aktion T4 (so genannt nach der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4) auch ein bürokratisches Monster war, ein flächendeckendes System, das Menschen korrumpierte und zu Tätern machte, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte, Menschen zu helfen und Leben zu bewahren: Ärzte, Juristen, Krankenschwestern, Pfleger, Hebammen. Die Jugendlichen zitierten Sätze, die das unmenschliche Denken entlarven: „Für die Pflegekosten der psychisch Kranken im Jahr könnte man 166.000 Häuser bauen.“
Die Szenen machten deutlich, dass es bald keine Grenzen mehr gibt, wenn Menschen nach ihrer Nützlichkeit bewertet werden. Heute folgt um 19 Uhr ein Vortrag über „Zwangssterilisation und Ermordung psychisch Kranker im Schaumburger Land in den Jahren 1933 bis 1945“. wm

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