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Bei Einkauf Kniescheibe zertrümmert

Rinteln / Prozess Bei Einkauf Kniescheibe zertrümmert

Ein Jahr ist es her, seit der Maschinenbaukonstrukteur Werner G. am Eingang zu einem Baustoffhandel im Industriegebiet Süd gestürzt ist. Er wollte eigentlich einen Pinsel kaufen.

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Rinteln. Der Konstrukteur stürzte so unglücklich, dass er sich die Kniescheibe brach – mit der Folge, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Werner G. sagt: „Ich kann weder Auto fahren, noch Treppen steigen.“ Er habe jetzt einen halben Meter Draht im Knie. Uneingeschränkte körperliche Beweglichkeit sei aber für die Ausübung seines Berufes als Konstrukteur unerlässlich: „Normalerweise arbeite ich bei einer Zeitarbeitsfirma. Ich müsste also zu verschiedenen Unternehmen fahren und mich dort bewegen können.“

 Der Sturz war eigentlich trotz der dramatischen Folge völlig unspektakulär: Wer in den Baustoffhandel will, muss eine Schräge mit vorgelagerter Regenrinne mit Blech überwinden. Es hatte am 4. Oktober 2012 geregnet, der Boden war noch nass. Werner G. rutschte von der Schräge ab und stürzte auf das rechte Knie. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Erst kam der Notarzt, dann der Rettungswagen, dann ein Klinikaufenthalt, dann der Rechtsanwalt Thorsten Kretzer.

Denn der Maschinenbaukonstrukteur und sein Anwalt sind der Meinung, dass die Schräge vor dem Baustoffgeschäft eine Gefahr für Kunden darstellt. Kretzer klagte deshalb für seinen Mandanten auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Das betroffene Unternehmen verständigte seine Versicherung, und die legt sich seit einem Jahr quer mit der schlichten Begründung, wer an der Schräge zum Baustoffhandel stürzt, sei selbst schuld.

 Kretzer zog vor Gericht. Die erste Instanz, das Landgericht Bückeburg, hat jetzt gegen den verunglückten Kunden für die Versicherung entschieden. Ein Urteil das Kretzer Rätsel aufgibt. Denn was die Richter in ihre Begründung geschrieben haben, würde bedeuten – die juristischen Verklausulierungen in Alltagssprache übersetzt sein Mandant müsse beweisen, dass er den Unfall nicht selbst verschuldet habe.

 Kretzer sagt: „Es ist doch absurd anzunehmen, da wirft sich jemand, der etwas einkaufen möchte, plötzlich absichtlich vor die Tür eines Baustoffhandels und zertrümmert seine Kniescheibe“. Es sei doch geradezu typisch und eine Alltagserfahrung, dass man auf einer noch regennassen Schräge abrutschen kann.

 In der Verhandlung wollte das Gericht Details wissen: Hat der Kläger etwa Schlappen getragen? Hat er nicht, denn so was trägt man nicht im Oktober. Zudem, sagt Kretzer, was würde das aussagen? Auch Kunden mit Plateauschuhen müssten sicher ein Geschäft betreten können. Ist der Maschinenbaukonstrukteur gerannt? Nein, warum sollte jemand im Laufschritt einen Pinsel kaufen?

 Kann man bei einem Höhenunterschied von zwei Zentimetern stürzen? Ja, argumentierte Kretzer, gerade weil die Schräge so kurz sei, nehme sie niemand als Gefahrenquelle ernst.

Sicherlich könne man nicht jeder abstrakten Gefahr vorbeugend begegnen. Aber gerade bei Verkaufsmärkten seien strenge Sicherheitsstandards anzulegen. Bei diesem Baustoffhandel wäre es ja noch nicht einmal besonders kompliziert gewesen, den Eingangsbereich sicher zu machen.

 Kretzer verweist auf andere höchstrichterliche Entscheidungen: Stürzt beispielsweise jemand von einer Treppe, weil ein Handlauf fehlt, gilt das als ursächlich für den Sturz, wenn der Sturz durch einen Handlauf hätte verhindert werden können. Sein Mandant sei aber über eine Schräge gestürzt, nicht einmal den Vorschriften der Berufsgenossenschaft entspreche.

 Kretzer klagt jetzt beim Oberlandesgericht Celle. Das Urteil steht noch aus. Die Schräge im Eingangsbereich gibt es übrigens immer noch. Ungesichert. wm

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