Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -4 ° Nebel

Navigation:
Bei heimlicher Heirat Rausschmiss

Pensionierter Polizist erzählt Bei heimlicher Heirat Rausschmiss

Wer hätte gedacht, dass junge Bereitschaftspolizisten bis Anfang 1960 nicht heiraten durften während ihrer sechsjährigen Ausbildung? Oder dass man damals keine Betrunkenen in die Haftzellen der alten Rintelner Polizeiwache am Brückentor stecken konnte, weil die Kellerzellen mit Blech verkleidet waren und die Häftlinge bis auf die Weserstraße zu hören waren, wenn sie gegen die Wände schlugen.

Voriger Artikel
Feuer und Flamme für „Firebirds“
Nächster Artikel
17.456 Kilometer gepaddelt

Mit einer rot-weißen Kelle wurden Autofahrer bei Kontrollen an den Fahrbahnrand gerufen, erzählt der pensionierte Polizeibeamte Wilfried Schnüll.

Quelle: cok

Rinteln. Im „Erzählcafé“ erfuhren 20 Zuhörer jetzt kuriose Dinge aus der Vergangenheit.

 Der pensionierte Polizeibeamte Wilfried Schnüll aus Schaumburg erzählte im Museum Eulenburg aus seinem Leben – sehr unterhaltsam, und seine meist älteren Zuhörer durften eigene Anekdoten beitragen.

 Als er 1963 nach Rinteln versetzt wurde, wäre er am liebsten gleich wieder geflohen, kam er doch aus der „Großstadt“ Osnabrück, mit 35 Kollegen auf derselben Dienststelle – „so viel hat heute ein ganzes Revier nicht“ – einer nach dem Krieg aufstrebenden Stadt. Dagegen stellte Rinteln in seinen Augen nichts weiter als ein „Sanatorium“ dar.

 Auf Fußstreife gehen, den Verkehr überwachen, dafür sorgen, dass Passanten eine Chance bekamen, die noch unbeampelte Weserstraße zu überqueren, wo noch ununterbrochen die Autos durch die Stadt fuhren, die nicht anhalten wollten, weil dann automatisch ein Stau entstand. Fast jedes Dorf hatte damals eine kleine Wache, und es gab nur einen einzigen Dienstwagen, einen Bully, mit dem Kollege Schnüll durch den Landkreis kurvte, hauptsächlich, wenn es irgendwo auf den oft maroden Straßen einen Unfall aufzunehmen galt.

 Die strengen Regeln, zu denen gehörte, dass auszubildende Polizisten sechs Jahre lang in Kasernen leben und tatsächlich in dieser Zeit nicht heiraten durften, waren schon aufgelöst worden, bevor Schnülls Lehrzeit zu Ende ging. Zu Zeiten, in denen junge Männer, die heimlich geheiratet hatten, rausgeschmissen wurden, ließen sich nicht genug Kandidaten finden für einen immer anspruchsvoller werdenden Beruf. Auch die dörflichen Wachen, die meist nur von einem Beamten besetzt waren, verschwanden allmählich, 1970 zog die Polizei an die Dauestraße um.

 Schnüll hatte sich relativ früh auf die Verkehrswacht spezialisiert. Viele ehemalige Kindergartenkinder und Grundschüler dürften ihn noch kennen, so ausdauernd war er unter anderem als Verkehrserzieher im Landkreis unterwegs. Anfang der Siebziger, weil mehr Bürger Autos besaßen, hatten Unfälle in bedrohlichem Ausmaß zugenommen. Das lag nicht nur an den Straßenzuständen, sondern auch daran, dass sich ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Alkohol im Straßenverkehr erst noch richtig herausbilden musste.

 Manches Mal, erzählte Schnüll, habe er bei Kneipen-Kegelabenden vorbeigeschaut und die Trinkenden aufgefordert, ihre Autoschlüssel beim Wirt zu hinterlegen, bei Androhung von strenger Strafe, falls jemand dann doch mit Alkohol am Steuer erwischt würde. Es sei auch vorgekommen, dass sie den Wagen eines Trinkenden einfach mit Keilen unter den Reifen blockiert hätten. Zu seinen wichtigen Aufgaben gehörte es, jeden einzelnen Unfall auf einer Unfalltypen-Steckkarte einzutragen und zu kategorisieren, damals ohne die Unterstützung durch den PC eine ziemlich aufwendige Arbeit.

 Die daraus entwickelten Streckendiagramme führten zum Bau von Umgehungsstraßen und Straßensanierungen, zur vermehrten Einrichtung von Zebrastreifen, Ampeln oder auch der besseren Warnung vor Bahnübergängen, die oft keine Schranken besaßen. „Ich habe den VW-Käfer gehasst“, sagt Schnüll, weil dieser nämlich, wie es sich bei den Unfallanalysen herausstellte, besonders häufig für tödliche Kopfverletzungen sorgte. Das war zu Zeiten, als man noch ohne Sicherheitsgurt fuhr und Insassen beim Zusammenstoß mit dem Kopf voran gegen einen dicken Fensterwulst geschleudert wurden.

 Mit Vergnügen zeigte er eine alte Polizeikelle her, aus Sperrholz, dazu einige Stücke aus seiner Polizeimützensammlung und etliche Verkehrsschilder von damals, deren Bedeutung man nur noch erraten konnte.

 Auch heute noch setzt sich Schnüll in der Verkehrserziehung ein. Hat er mit Kindern zu tun, stellt er sich gern als „Schutzmann“ vor. Viele wüssten erst gar nicht, was damit gemeint sei. Dabei sei „Schutzmann“ die beste Bezeichnung für seinen Beruf.

cok

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg