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Das Vergessen verhindern

Holocaust-Opfer Das Vergessen verhindern

Fast kann man nicht glauben, dass Marc Lehmann mit seiner Familie nach Rinteln gekommen ist, um seiner jüdischen Vorfahren zu gedenken. Auch seine Tante Lore Wernicke ist dabei, inzwischen 81 Jahre alt. Sie legen Blumen auf die frisch verlegten Stolpersteine an der Bäckerstraße 12.

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Links: Marc Lehmann (Zweiter von rechts) und seine drei Töchter bei der Stolpersteinverlegung vor der Bäckerstraße 12.

Quelle: cok

Rinteln. Es sind beschriftete Steine, die daran erinnern, dass jüdische Mitbürger in dieser Stadt entrechtet und fast alle im KZ ermordet wurden. Wie kann man freiwillig an einen Ort des ungeheuren Unrechts zurückkehren?

Die Überraschung: Marc Lehmann (Jahrgang 1963), heute in Berlin Ärztlicher Direktor im Justizvollzugskrankenhaus der JVA Plötzensee, ist in Rinteln geboren und zur Schule gegangen. Seine drei Töchter sind Ernestinum-Schülerinnen. Lore Wernicke, die direkte Überlebende, kehrte nach dem Krieg mit Mutter und Bruder in die Weserstadt zurück. „Hier war doch unsere Heimat“, sagt sie. „Und außerdem das Einzige, was wir noch besaßen, unser Haus.“ Ja, Bürger aus Rinteln hätten übel an ihrer Familie gehandelt. „Und doch gab es ja auch Freunde, Nachbarn, die uns geholfen hatten, und Verwandte.“

Die Verlegung der Stolpersteine galt nicht nur den Lehmanns. Schüler aus der 11. Jahrgangsstufe des Ernestinums, dazu Rintelner Bürger und Vertreter aus Politik und Kirche hatten sich gemeinsam mit dem „Stolperstein“-Künstler Gunter Demnig auf einen Spaziergang durch die Stadt gemacht, um vor insgesamt fünf Häusern die Gedenksteine zu verlegen. Über achtzig Menschen hörten die Geschichten der damals verfolgten Rintelner an, Daniel Ellermann und Maike Handt spielten jiddische Lieder, und so manchen standen immer wieder Tränen in den Augen – auch den Lehmanns.

Großvater führte Textilgeschäft

Das Haus Bäckerstraße 12 war Lore Wernickes Geburtshaus. Ihr Vater, Marc Lehmanns Großvater, führte mit seinem Bruder David ein Textilgeschäft. Beide Männer waren Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde und gehörten zu den Ersten, die verhaftet und ins KZ gebracht wurden. Lore Wernicke, damals noch ein kleines Kind, erinnert sich an die Zeit in Rinteln, an dieses unheimliche Gefühl, anscheinend irgendwie anders als die anderen Kinder zu sein.

Ihr Bruder Wilhelm durfte dort nicht mehr zur Schule gehen, und das aufgrund eines Irrtums: Als sogenannte „Halbjuden“ hätten sie weder die zusätzlichen Vornamen „Sarah“ und „Israel“, noch den gelben Judenstern tragen müssen, sagt Lore Wernicke. Ein falscher Eintrag in den Papieren ließ sich aber nicht mehr rückgängig machen.

So ging ihr Bruder auf die jüdische Schule in Ahlem bei Hannover, wo die Mutter ihn oft besuchte. „Das war Glück im Unglück“, meint Lore Wernicke. „Sie lernte dort meinen Stiefvater kennen, und der brachte uns nach Berlin, wo wir untertauchen konnten.“

"Ich hege keinen Groll"

Als sie nach Rinteln zurückkehrten, eröffneten sie erneut ein Geschäft an der Bäckerstraße, bevor sie das Haus verkauften und Lore Wernicke nach Silixen zog. Sie und ihr Bruder Wilhelm, der erst vor drei Jahren verstarb, fühlten sich nicht schlecht aufgenommen nach ihrer Rückkehr, zumal es auch noch Beziehungen zur nicht-jüdischen Verwandtschaft gab, die in Rinteln lebte. „Ich hege keinen Groll“, sagt Marc Lehmann. „Wir unterstützen das Stolperstein-Gedenken, weil es uns um das gemeinsame Erinnern geht. Darum, zusammen das Vergessen zu verhindern.“

Die Stolperstein-Aktion galt insgesamt 17 Menschen, darunter dem Sozialdemokraten Wilhelm Ramm, Beamter der Kriminalpolizei und Teilnehmer des Ersten Weltkrieges. cok

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