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Denkmalschutz gegen Wirtschaftsinteressen?

Bürgerdialog Denkmalschutz gegen Wirtschaftsinteressen?

Alte Fachwerkhäuser werden abgerissen, weil die Sanierung zu teuer wäre. Sind „Denkmalschutz“ und „Wirtschaftsinteressen“ also ein unaufhebbarer Gegensatz? Diese Frage stand im Mittelpunkt des gut besuchten Bürgerdialogs, den der FDP-Ortsverband im Rintelner Hotel „Stadt Kassel“ organisiert hatte.

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Museumsleiter Stefan Meyer (von rechts) und Stadtbaudirektorin Elena Kuhls im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern.

Quelle: cok

RINTELN. Relativ schnell konnte man sich darauf einigen, dass die Bewahrung des „baukulturellen Erbes“ der Stadt nicht unbedingt im Gegensatz stehen muss zu berechtigten wirtschaftlichen Interessen. „Es kommt darauf an, was genau man unter ‚baukulturellem Erbe‘ versteht“, sagte Matthias Wehrung vom „Arbeitskreis Denkmalschutz“ in seinem Vortrag zur Entwicklung des Städtebaus seit der Antike.

Fachwerk und Brutalismus

 Schon immer im Laufe der Jahrhunderte hätten Neubauten mit Elementen früherer Baustile gespielt, ohne sie einfach nur zu kopieren. Rinteln sei nicht nur von Fachwerkbauten geprägt, sondern zum Beispiel auch von Gebäuden aus der Gründerzeit, und natürlich ebenfalls vom „Brutalismus“ der siebziger und achtziger Jahre, denen das Beton-Rathaus, der Brückentorsaal oder das Ärztehaus in der Mühlenstraße zu verdanken seien. Viele Neubauten seien allerdings ohne jedes Grundkonzept in Bezug auf die „baugeschichtliche Identität“ der Stadt entstanden. „Wir sollten bedenken, dass Rinteln sich nach außen als ‚Fachwerkstadt‘ präsentiert und damit um Besucher wirbt“, meinte er.

 Ähnlich sah das Stefan Meyer in seinem anschließenden Vortrag, der besonders spannend war, weil er mit historischen Fotos die Entwicklung der Stadt dokumentierte. Neben schockierenden Bausünden und Beinahe-Katastrophen – 1846 etwa hatte der Stadtrat eigentlich vorgehabt, das Weserrenaissance-Rathaus und später die Nikolai-Kirche oder 1901 die Eulenburg abzureißen – zeigte der Museumsleiter auf, wie es gelang, die Ausstrahlung des Marktplatzes zu bewahren.

Gestaltungssatzung verhindert Schlimmeres

 Die meisten alten Marktplatzgebäude wurden nach dem Krieg abgerissen und seien heute kein originales Fachwerk mehr. Puristen hätten auf modernen Neubauten bestehen können anstelle des Historismus der fünfziger Jahre. Damit aber wäre es aus gewesen mit Rintelns heutigem Tourismus-Konzept. Eine damals entstandene erste „Gestaltungssatzung“ habe das zum Wohl aller verhindert.

 Auch Baudirektorin Elena Kuhls bestätigte: „Wir leben von unserem baukulturellen Erbe.“ Zugleich aber seien Veränderungen unumgänglich; schon deshalb, weil viele alte Häuser modernem Wohnkomfort nicht entsprächen. „Wollen wir denn überhaupt eine ‚Verkitschung‘, eine bloß äußerliche Sanierung?“, fragte sie. Dürfe man nicht nach vorne denken? Die geplante neue Gestaltungssatzung werde aber unbedingt auch solche Gebäude berücksichtigen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sehr wohl aber „denkmalwürdig“ seien.

 FDP-Ratsherr Ralf Kirstan schlug vor, für Neubauten in der Innenstadt eine Liste von Auflagen zu erstellen, die den Bauherren eine gewisse Wahl ließe, welche Stilelemente, passend zur Umgebung, in ihren Bauprojekten aufgegriffen werden sollten. Einig waren sich die Teilnehmer des Bürgerdialogs darin, dass es im Sinne der Erhaltung eines stimmigen Stadtbildes kaum Sinn habe, Neubauten mit sichtbar aufgenageltem Fachwerk zu versehen oder gesichtslose Wohnkomplexe zu errichten, die ebenso in eine Vorstadt passen würden. Auf lange Sicht sei Denkmalschutz also durchaus auch wirtschaftlich sinnvoll, so der Konsens.

Kostenlose Parkplätze für Sanierer

 Das Problem: Bürger, die bauen oder sanieren, könnten insgesamt nicht gerade großzügig unterstützt werden. Stefan Meyers Vorschläge: Engagierte Rintelner sollten Plaketten für ihre denkmalgeschützten Häuser erhalten und außerdem für ihre Sanierungsinvestitionen mit einem kostenlosen Innenstadt-Parkplatz belohnt werden.

 Sicher sei: „Wir können die Kuh melken oder schlachten – beides geht nicht!“ Die Stadt müsse alles daran setzen, zeitnah einen dezidierten Willen in Bezug auf ihre Identität zu entwickeln.

 Heiner Schülke, Vorsitzender des FDP-Ortsverbandes, hatte die Basis für eine solche Willensbildung bereits vorab formuliert. Sie liege in der Antwort auf die Frage: „Wie viel ‚wert‘ ist uns ein sichtbares Geschichtsbewusstsein?“ cok

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