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Der Kuss am Doktorsee – der war nicht geplant

Rinteln / Jugendliebe Der Kuss am Doktorsee – der war nicht geplant

„Welche Marke soll es sein?“, will der Mann in der Diskothek „Bonanza“ von Sigrid wissen, die ratlos vor dem Zigarettenautomaten steht. So haben Schauspieler in der RTL-Dokusoap-Serie „Jugendliebe“ das erste Treffen von Sigrid und Raymund nachgestellt. 42 Jahre ist das her. Sigrid weiß die Marke noch: „Lord Extra“.

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Kein Wunder, dass Jugendfreund Raymund sie sofort wieder erkannt hat: Wie man auf den Jugendfotos sehen kann, die auch in der RTL-Sendung gezeigt worden sind, hat sich Sigrid M. kaum verändert – nur, dass sie älter geworden ist – wie Raymund auch.

Quelle: tol

Rinteln (wm). Eigentlich habe sie nie daran gedacht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Sigrid M., die mit beiden Beinen im Leben steht, im Berufsleben zudem. Bis sie Inka Bauses neues Dokusoap-Format gesehen und als Chance begriffen habe, ihren Jugendfreund zu finden.

Selbstverständlich habe sie zuvor alle Optionen ausgeschöpft: Facebook, Stayfriends, alte Freunde aus den Bonanza-Zeiten angerufen. Doch selbst die hätten nicht gewusst, wohin Raymond verschwunden war. Dass er, wie sie heute weiß, Berufssoldat geworden ist, das wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

„Mutig“ nannten ihre beiden Töchter, beide verheiratet, den Entschluss ihrer Mutter, sich bei RTL zu bewerben. Sicher habe sie „Bauer sucht Frau“ gesehen und sei deshalb auch nicht naiv an die Sache herangegangen, sondern habe versucht, auf die Dreharbeiten Einfluss zu nehmen. Im November fand das erste Gespräch mit der RTL-Moderatorin statt, im Januar folgten die Dreharbeiten in Rinteln. Am 1. April waren sie dann auf Sendung, Sigrid und Raymund, ihr Freund aus den Jugendtagen, den das RTL-Team im Ruhrgebiet aufgespürt hatte. Sie füttert die Enten am Blumenwall. Raymund, Pensionär und ebenfalls geschieden, setzt sich für den Dreh mit seinem Hund „Scarlett O’Hara“ in die Hollywoodschaukel. Zwei Menschen in vergleichbarer Situation. Nein, da war nichts peinlich, sagt Sigrid M. Und über allem schwebte Inka Bause als gute Fee, die Wünsche erfüllt. Die „Bild“-Zeitung hat ihr jüngst den Titel „erfolgreichste TV-Kupplerin“ verliehen. Bause kennt Schaumburg: Hier hat sie Bauer Hartmut Giese aus Exten für die Serie „Die Farm“ überredet, für zehn Wochen mit nach Norwegen zu kommen. Hier hat sie Schäfer Heinrich für ihre Dokusoap „Bauer sucht Frau“ entdeckt.

Wenn man so will, verbinden beide Frauen ähnliche Erfahrungen: Auch Bause hat ihre Jugendliebe, Andy, Sohn eines „Puhdys“-Sängers nicht geheiratet, wie sie in ihrem „Bild“-Interview verraten hat, sondern einen anderen Mann. Von dem sie seit sieben Jahren geschieden ist. Damit weiß sie, wovon ihre Kandidaten sprechen.

Klar werde sie nach ihrem TV-Auftritt öfter auf der Straße angesprochen, auch von Arbeitskollegen, das sei in einer Kleinstadt nun einmal so, sagt Sigrid, damit habe sie auch gerechnet. Aber alle seien nett. Sie habe da nichts Negatives erfahren. Nur ihr ehemaliger Mann, von dem sie seit 2001 geschieden ist, sei gar nicht begeistert gewesen. Dabei komme er doch eigentlich gut weg, und er sei ja im wirklichen Leben das Happy End gewesen: Heirat, zwei Töchter. „Wir hatten eine schöne Ehe.“

Mit dem, was das RTL-Team aus ihrer Geschichte gemacht hat, könne sie leben. Nur ihre Frisur, das Outfit, „also so altbacken bin ich gar nicht“. Stimmt. Die Sigrid, die bei einer Tasse Kaffee Auskunft gab, ist eine andere Frau, als das TV suggeriert: Das Haar hochgesteckt, Business-Anzug, im Gespräch reflektiert, kontrolliert, weniger emotional als im Film.

Wie es jetzt weitergeht? Sigrid darf es nicht verraten. Das verbietet der TV-Vertrag, den sie unterschrieben hat. Auch die Regenbogenpresse habe sich bei ihr bereits gemeldet, aber sie gebe keine Interviews. Nur soviel: Sie telefoniere mit Raymund, „und wir schreiben uns E-Mails“.

Ob es eine gemeinsame Zukunft für beide gibt, wird wohl der RTL-Zuschauer erfahren, denn es soll eine zweite Sendung geben, einen Nachklapp, vielleicht im Juni. Der Termin stehe noch nicht fest, sagt Sigrid. Nach der Sendung haben sich viele alte Bekannte aus „Bonanza“-Zeiten gemeldet. Auch Hans Fischer, dem die Diskothek gehört hat, in Rinteln eine legendäre Figur. Raymund sei übrigens keineswegs die flüchtige Romanze gewesen, wie man nach den TV-Szenen glauben könnte: „Wir waren vier Monate zusammen.“

Ihren späteren Ehemann habe sie ebenfalls im „Bonanza“ kennengelernt: „Der wusste von Raymond, die beiden waren Rivalen.“ Eine Zeit lang habe sie an Wochenenden an der Theke im „Bonanza“ ausgeholfen und ihr mageres Schwesterngehalt aufgebessert: „Wir hatten viel Spaß.“ Ein nächtlicher Ausflug zum Klippenturm mit Jürgen Drews und den „Les Humphries Singers“ fällt ihr da spontan ein.

Sigrid und Raymund küssen sich in der letzten TV-Szene am Doktorsee. „Das war so nicht geplant“, sagt Sigrid, „es ist einfach passiert. Das war echt.“ Und der Kameramann hat draufgehalten. Das ist schließlich sein Job. Die Kamera, die habe sie in diesem Augenblick ausgeblendet.

Wenn man will, funktioniert Inka Bauses „Jugendliebe“ nach dem Prinzip der Romane von Rosemunde Pilcher: die Reduktion der Realität auf Herzklopfen und Happy End. Geschichten, über die man lächeln könnte oder sie verstehen – als Abwehrreflex gegen die kühle Kalkulation der Partnerbörsen wie Parship, Friendscout oder Elitepartner.

Die Disco „Bonanza“ gibt es nicht mehr. Geblieben ist die Musik, der Rock ’n’ Roll. Und den, sagt Sigrid, konnte Raymund tanzen wie kein Zweiter: „Wir waren jung, verliebt. Das vergisst man nicht.“ Vielleicht ist das ja die Antwort auf eine Frage, die bis zum Ende offengeblieben ist: Was bewegt eine 61-jährige Frau dazu, einen Menschen zu suchen, den sie vor 42 Jahren kennengelernt hat – als Teenager? Es ist wohl auch die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Lebensgefühl von damals. Wer die Sendung verpasst hat, kann sich die Folge übrigens im Internet auf der RTL-Homepage ansehen: Mehr als 30 000 haben sie bereits angeklickt.

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