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Die Liebe hat das letzte Wort

„Dantons Tod“ im Brückentorsaal Die Liebe hat das letzte Wort

Schon die erste Szene bricht das Eis. Während das Bühnenbild mit riesigen Stoffbahnen in den Farben der französischen Trikolore und einem amtlich aussehenden Rednerpult die Erwartung des Publikums doch eher in Richtung politischer Debatte lenkt, beginnt es überraschend, unter den roten Linnen zu kichern.

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Danton und seine Frau Julie wickeln sich in der ersten Szene aus den großen Stoffbahnen in den Farben der Trikolore.

Quelle: tol

RINTELN. Zärtliches Geplänkel und Gebalge, erst (und das sieht wirklich witzig aus) nur als bewegter Stoffhaufen, aus dem jedoch schließlich halb nackt Danton und seine Frau Julie herauskullern. In solch lebendige Situationen gestellt (es gibt noch häufiger Bettgeflüster), werden die nicht gerade einfachen Dialoge, die der junge Autor Georg Büchner seinen Darstellern im Revolutionsdrama „Dantons Tod“ in den Mund legt, bei der Inszenierung von Wolfgang Hofmann eindeutig verdaulicher.

Den überwiegend jugendlichen Zuschauern – „Danton“ ist Abiturstoff – wird der Einstieg in die gehaltvollen Themen des Stücks leicht gemacht. Georges Jacques Danton, der müde und des Kämpfens und Tötens überdrüssig gewordene Revolutionär mit seiner ach so menschlichen Schwäche – der Trägheit und der Sinneslust –, von Dennis Habermehl sehr authentisch dargestellt, gewinnt schnell die Sympathie des Publikums.

Viele Fragen, wenige Antworten

Man ist bereit, sich einzulassen, wenn Danton sich in den großen Fragen des Lebens verliert. Gibt es Gott? Ist der Mensch für seine Taten selbst verantwortlich, oder ist es einfach seine Natur, die ihn agieren lässt? Darf man, wenn das wahr ist, denn ein Urteil über den anderen fällen und ihn für sein Verhalten strafen? Kann man einen anderen Menschen wirklich kennen, oder müsste man dafür erst in seinen Kopf eindringen? Solche Fragen, die sich nicht leicht beantworten lassen und mit denen sich der Mensch gewöhnlich erst im Älterwerden versöhnt, quälen den Hauptdarsteller. Und vermutlich auch den Autor selbst.

Erfrischend normal und nicht von der Leidenschaft und Tiefe der Hauptperson geplagt: Dantons Freunde, Camille Desmoulins, Marie-Jean Hérault-Séchelles und Jean-Francois Lacroix. Sie sehen aus wie der Nachbar von nebenan, der Arbeitskollege, der Vereinskamerad und mühen sich vergeblich, Mäßigung und Vernunft in die revolutionären Gremien zu tragen. Ein Versuch, den sie am Ende – genau wie Danton – mit dem Leben bezahlen sollen.

Auch der andere Pol des Dramas ist hervorragend besetzt. Teuflisch gut die Rhetorik von Maximilien de Robespierre. Moritz Nikolaus Koch verleiht dem Gegenspieler Dantons einen wahrhaft bizarren Charakter. Der scheint zum einen in einen ständigen Kampf mit seinen inneren Geistern verstrickt zu sein, legt Züge von zwanghaftem Verhalten an den Tag, nur um im nächsten Augenblick als hochverführerischer, stets wie geleckt aussehender Redner am Pult zu stehen. Selbst als heutiger Zuschauer gerät man in den Sog seines Lächelns, seiner Drohungen, der rhetorischen Pausen und Hervorhebungen. Man wird zum Mitwisser und Mitverschwörer.

Umbrüche fordern Opfer

Doch wenn man einen Moment später versucht, zu rekapitulieren, was er denn wirklich gesagt hat, welche Argumente da eben noch so einleuchtend erschienen, bekommt man sie bei allen Bemühungen nicht mehr zusammen. Übrig bleiben nichts als Worthülsen wie Tugend, Opfer, Kampf für die Freiheit. Und die etwas bange Frage: Könnte ein solch begnadeter Redner auch heute noch die Massen bewegen? Tragische Pointe: Auch Robespierre, der von sich selbst Gemarterte, ist lediglich Handlanger eines noch perfideren Geistes.

Richtig unheimlich und von keinem Zweifel gebrochen ist nämlich das Lächeln von Louis Antoine de Saint-Just (Marek Ebert). Der kann im Plauderton und mit der inneren Überzeugung der damals neuen Wissenschaftsgläubigkeit behaupten, zur Natur gehöre es, dass Umbrüche wie Erdbeben, Fluten oder Vulkanausbrüche Opfer forderten. So wäre es folglich auch völlig normal, wenn bei gesellschaftlichen Umwälzungen Blut fließen würde.

Das Schlusswort spricht im Stück die Liebe, und man hofft als Zuschauer geradezu, dass auch der junge Autor (Büchner schrieb das Drama mit nur 22 Jahren und starb ein Jahr darauf) neben philosophischen Zweifeln und großer politischer Enttäuschung auch diese kennengelernt haben möge. Julien (Michaela Allendorf) und Lucille, Gattin vons Camille Desmoulins (Katharina Wilberg), die schon in den bereits erwähnten Liebesszenen ausgesprochen selbstbewusst und stark rübergekommen waren, drücken hier eindrucksvoll Verzweiflung und Schmerz über die Opfer der Revolution aus. Auch wenn es die beiden in dieser Szene in Selbstmord und Irrsinn treibt, setzen sie am Ende doch ein Zeichen von echter Menschlichkeit, Treue und Verbundenheit.

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