Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
„Direktionswagen“ macht Ärger

Rinteln „Direktionswagen“ macht Ärger

Ein Urteil der Zivilkammer des Landgerichts Bückeburg und das darauf folgende des Oberlandesgerichts in Celle birgt für Gebrauchtwagenkäufer aufschlussreiche Erkenntnisse.

Voriger Artikel
Unfall mit geklautem Auto
Nächster Artikel
AfD-Bürgermeister spricht nicht von "Lügenpresse"

Keine Freude am Multivan: Anja K. und ihr Mann hatten nur Reparaturen und zogen vor Gericht .

Quelle: wm

Rinteln. 1. Gebrauchte VW Multivans sind überbewertet und viel zu teuer. 2. Ab einer Laufleistung von rund 200.000 Kilometern sind mechanische Schäden einfach Schicksal. 3. In diesem Fall greift dann auch nicht mehr die Gewährleistung des Händlers. Pech gehabt.

Der Rintelner Rechtsanwalt Thomas Grell und sein Kollege Volker Holzkämper in Celle haben die Urteile ziemlich erstaunt zur Kenntnis genommen. Denn damit wird praktisch die Gewährleistung ausgehebelt, die ein Autohändler einem Kunden garantieren muss, der bei ihm einen Gebrauchtwagen kauft. Einen Gebrauchtwagen, der bei einem Händler schon deshalb teurer ist als ein vergleichbarer Wagen bei einem privaten Autoverkauf, weil der Händler die Gewährleistung mit eingepreist hat.

Was die beiden Anwälte ebenfalls irritiert: Für beide Urteile haben die Richter keinen Kraftfahrzeug-Sachverständigen hinzugezogen, wie es bei der Streithöhe zu erwarten gewesen wäre.

Es geht um einen Multivan. Fünf bis sechs Autos habe man sich angeschaut, erzählen die Käufer aus Exten. Dann sei ihnen der Multivan unter mobile.de bei einem Autohändler in Braunschweig aufgefallen. Ein „Direktionswagen“, Neupreis 50.000 Euro, neun Jahre alt, Kilometerstand 189.563, Kaufpreis 17.990 Euro. Ausgestattet mit allem Luxus, den man sich bei einem Dienstwagen vorstellt: Bordcomputer, Tempomat, Sitzheizung, Rückfahrkamera. Und: scheckheftgepflegt. „Für uns“, sagt die Ehefrau, „war es das ideale Zugfahrzeug für den Wohnwagen.“

Der Ärger beginnt eine Woche nach dem Kauf. Es klemmt die Schiebetür (mit Fernbedienung), der CD-Player streikt. Dann gibt es Probleme mit der Kupplung. Der Händler lässt diese austauschen, will dafür aber 200 Euro. Bei einem Werkstattbesuch stellt sich heraus, die Bremsanlage muss komplett überholt werden. Bei einer Fahrt nach Hameln verabschiedete sich die Antriebswelle mit lautem Knall. Der ADAC schleppt den Van ab.

Auf der Verlustliste folgen weiter: die defekte Rückfahrkamera, der Turbolader, dem die Power ausgeht. Und damit den Käufern die Geduld. Sie wenden sich an Grell. Ziel: Rückabwicklung des Kaufvertrages, also Rückgabe des Fahrzeugs und Rückzahlung des Kaufpreises.

Die Reparaturen summieren sich zu diesem Zeitpunkt auf rund 2000 Euro. Als dramatischer empfinden die Rintelner Autokäufer den Vertrauensverlust: „Wir haben jeden Tag den nächsten Schaden erwartet.“

Die Geschichte bekommt juristisch noch eine weitere Pointe, die Gebrauchtwagenverkäufer aufhorchen lassen sollte. Weil dem Autohaus wohl schwante, dass bei dem Multivan noch vor Ablauf der gesetzlichen Gewährleistung etwas in die Brüche gehen könnte, empfahlen sie den Abschluss einer Garantieversicherung.

Damit tauchte das nächste Problem auf: Zwar stand in der Verkaufsanzeige „scheckheftgepflegt“, doch das Scheckheft für den Multivan war nicht mehr aufzufinden, als die Rintelner den Wagen in Braunschweig abholten. Das Dokument, anhand dessen man sehen kann, ob bei einem Fahrzeug tatsächlich alle Inspektionstermine eingehalten worden sind. Das bedeutet im Rückschluss: ohne Scheckheft keine Versicherungsleistung.

Die Bückeburger Zivilrichter schrieben in ihre Urteilsbegründung: Es habe sich bei den Schäden um keine „Sachmängel“ gehandelt, sondern um „Abnutzung“. Bauteile wie eine Antriebswelle hielten „eben nicht bis in alle Ewigkeit“. Der Kläger habe – „geblendet vom luxuriösen Erscheinungsbild“ – ein Fahrzeug gekauft, das nicht in allen Belangen technisch mangelfrei war.

Das Gericht in Celle wird deutlicher: Ein Wagen mit einer Laufleistung von 191.200 Kilometern sei schon „an der Grenze zur wirtschaftlich-technischen Abgängigkeit“. Weiter heißt es in der Begründung der Celler Zivilrichter wörtlich: „Während bei den beliebten VW Bullis früher Rost an der Karosserie negativ auffiel, ist inzwischen bei Beseitigung der Rostproblematik die Technik nicht mehr so robust wie früher.“ Gerade in jüngster Zeit sei dem Senat „aus Rechtsstreitigkeiten über VW Multivans deutlich geworden, dass die Kunden für gebrauchte Modelle dieses Typs mit hoher Fahrleistung zu viel bezahlen“.

Auf Deutsch: Wer sich einen so alten Multivan kauft, ist selbst schuld. Warum legt er die 20.000 Euro nicht lieber in einen Neuwagen eine Nummer kleiner an und ist auf der sicheren Seite. wm

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg