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Diskussion um Glockenklänge

Tradition oder Lärm? Diskussion um Glockenklänge

Seit ein paar Wochen hört man vom Nikolai-Turm neue Glockenklänge, ist Anwohnern an Kirch- und Marktplatz aufgefallen. Punkt acht Uhr. Fünf Minuten lang. Es ist ein liturgisches Läuten, ein Gebetsläuten.

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Die Glocken von St.Nikolai läuten jetzt häufiger.

Quelle: jan

Rinteln. Selbst Superintendent Andreas Kühne-Glaser wie Pastorin Sabine Schiermeyer zeigten sich bei einem Telefonanruf zunächst überrascht: Eine Gebetsglocke läutet um 8 Uhr? Küsterin Ulrike Branahl bestätigte, ja um 8 Uhr läute eine Gebetsglocke. Sie läutet auch um 12 und 18 Uhr – nur da fällt es anscheinend nicht auf.

Ulrich Goebel, Vorsitzender des Kirchenvorstandes konnte schließlich erklären, warum die Gebetsglocke inzwischen läutet. Der Kirchenvorstand habe in einer Sitzung die „Läuteordnung“ durchgesehen, die sich an der „Läuteordnung“ der Hannoverschen Landeskirche orientiere und dabei festgestellt: Die Gebetsglocke fehlt im Tagesrhythmus. Man hat bisher schlicht vergessen, das in die Läutemaschine einzuprogrammieren. Es ist nämlich längst nicht mehr so, dass der Küster oder die Küsterin nach Leibeskräften an dicken Seilen ziehen, um die Glocken in Schwingung zu bringen. Diesen Job machen heute Elektronik und Elektrik.

Kein praktischer Nutzen

Geweckt werden die Markt- und Kirchplatz-Anwohner allerdings von diesem „liturgischen Läuten“, sondern bereits um sechs Uhr durch den Stundenschlag. Dann schlägt die Glocke zehn Mal, nämlich jede Viertelstunde, dann zur vollen Stunde. Dass die Nikolai-Kirche per Glockenschlag kundtut, was die Stunde geschlagen hat, praktischen Nutzen hat das längst nicht mehr. Kein Landwirt, kein Handwerker muss noch von der Stundenglocke der Kirche zur Arbeit gerufen werden. Wer um sechs Uhr aufstehen muss, den wecken Wecker, Handys, TV.

Was ist es also: Gute Tradition? Zumindest inzwischen eine umstrittene Tradition? Denn Rinteln ist im Sommer ein Touristenort. Und gerade Radtouristen, die abends müde vom Fahrrad steigen, sich noch ein paar Bier auf Markt- oder Kirchplatz gönnen, sind nicht amüsiert, wenn sie „mitten in der Nacht“ um sechs Uhr von Glockenschlägen geweckt werden. Beschwerden darüber kann man auf Bewertungsportalen im Internet nachlesen, nicht jeder Hotelier sagt das auch laut, wer legt sich schon gerne mit der Kirche an.

Wer Kirchenglocken zum unverzichtbaren Bestandteil abendländisch-christlicher Kultur zählt, sollte zumindest fairerweise unterscheiden, wie es sogar die Läuteordnung der Landeskirche tut: Der Stundenschlag, der jede Viertelstunde die Uhrzeit mitteilt, dann die volle Stunde, zählt zum sogenannten „profanen, also weltlichen Geläut“.

Liturgisch und damit kirchlich schallt es vom Kirchturm herunter, wenn ein Gottesdienst beginnt. Oder eine Hochzeit, Taufe oder Beerdigung der Anlass ist, oder an Silvester, Weihnachten, Ostern, also zu den Feiertagen. Hier will sicher niemand auf Glockengeläut verzichten wollen.

„zunehmende Empfindlichkeit“

Der Superintendent hat seine eigene Sicht der Dinge: Auch der Stundenschlag habe eine Funktion, er sei das Signal, einmal bei der Arbeit innezuhalten und über Gott und die Zeit nachzudenken. Nur wer tut das tatsächlich noch? Kühne-Glaser sagt: Er begreife zwar, dass es heute eine „zunehmende Empfindlichkeit“ gegenüber Geräuschen gebe, aber da seien es andere Geräusche, die ihn aufregten: Motorräder die Stadt beschallen zum Beispiel. Und der Superintendent weiß die Wirkungsmacht der Geschichte hinter sich: Glocken zählen zu den frühesten Erfindungen der Menschheit. Von Anfang an hatten sie religiöse Bedeutung.

Das Gesetz wissen Glocken-Enthusiasten ohnehin auf ihrer Seite. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, das Oberverwaltungsgericht Mannheim und das Bundesverwaltungsgericht Leipzig haben entschieden: Kirchen genießen, unabhängig vom Immissionsschutz im Rahmen der Freiheit der Religionsausübung das Privileg zu läuten: „Glockengeläut, das sich nach Zeit, Dauer und Intensität im Rahmen des Herkömmlichen hält, stelle keine erhebliche Belästigung, sondern auch in einer säkularisierten Gesellschaft eine zumutbare, sozialadäquate Einrichtung dar. Es muss daher von sich gestört fühlenden Einzelpersonen oder Personengruppen – auch unter dem Gebot gegenseitiger Toleranz – hingenommen werden“. wm

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